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Nur Rückenschmerzen oder ein Tumorleiden?

15.04.2013
Risiko kann anhand einzelner Kriterien nicht abgeschätzt werden / Heidelberger Publikation in „The Cochrane Library“

Verbirgt sich hinter Rückenschmerzen eventuell ein bösartiger Tumor, was bei etwa einem Prozent der Patienten der Fall ist? Bei der Entscheidung, ob weitere Untersuchungen zur Tumordiagnostik nötig sind, orientiert sich der Arzt an Risikofaktoren wie Alter, Gewichtsverlust, Dauer der Beschwerden, Erschöpfung oder Fieber.

Eine Heidelberger Forschungsarbeit stellt die Aussagekraft dieser Faktoren nun in Frage: Die Auswertung von acht klinischen Studien hat gezeigt, dass sich anhand einzelner Kriterien das Risiko für einen Tumor der Wirbelsäule nicht abschätzen lässt. Eine internationale Forschergruppe unter Leitung des Instituts für Public Health am Universitätsklinikum Heidelberg, die ihre Arbeit im Online-Fachjournal „The Cochrane Library“ veröffentlicht hat, fordert weitere Studien, um aussagekräftige Kombinationen dieser Marker zu prüfen.

Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule sind sehr häufig: Rund 70 Prozent der Bevölkerung trifft es mindestens einmal im Leben – häufig ohne diagnostizierbare Ursache. Bei ungefähr einem von 100 Betroffenen rühren die Schmerzen allerdings von einem Tumor her. Klinische Behandlungsleitlinien raten angesichts dieses geringen Anteils davon ab, sämtliche Patienten mit Rückenschmerzen vorsorglich zu röntgen oder im Kernspintomographen zu untersuchen; bei der überwiegenden Mehrzahl der Patienten sind die meist aufwändigen Untersuchungen unnötig. Die Herausforderung für die behandelnden Ärzte besteht daher darin, Risikopatienten schon bei der Erhebung der Krankengeschichte und durch die körperliche Untersuchung herauszufiltern.

Acht Studien mit insgesamt 7.361 Patienten ausgewertet

Die Leitlinien zur Behandlung von Rückenschmerzen empfehlen, dabei auf sogenannte „Red Flag-Kriterien“ zu achten. Das sind z.B. ein Alter über 50 Jahre, Gewichtsverlust, trotz Therapie keine Besserung der Beschwerden nach einem Monat, Erschöpfung, Fieber, Brustschmerz sowie eine vorangegangene Krebserkrankung. Treffen eines oder mehrere dieser Kriterien zu, sollte der Patient mit Hilfe bildgebender Verfahren genauer untersucht werden. Ob die Red Flag-Kriterien aber tatsächlich dazu beitragen, Risikopatienten mit möglicher Kebserkrankung zuverlässig von Patienten mit unkritischer Krankheitsursache zu unterscheiden und so unnötige Untersuchungen zu vermeiden, ist bisher noch nicht ausreichend überprüft worden.

Die Forscher aus Heidelberg, Amsterdam und Sydney werteten Daten aus acht Studien aus, die insgesamt 7.361 Patienten mit Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule einschlossen. In diesen Studien kamen insgesamt 20 verschiedene Red Flag-Kriterien zum Einsatz, nur sieben davon wurden in mehr als einer Studie untersucht. Die meisten dieser Charakteristika erwiesen sich – einzeln betrachtet – als wenig aussagekräftig. Sie trafen häufig auch auf Patienten zu, bei denen kein Tumor festgestellt wurde. Lediglich eine vorangegangene Krebserkrankung erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass diese Patienten tatsächlich unter einem Tumor litten.

Betrachtung einzelner „Red Flags“ zieht häufig unnötige Untersuchungen nach sich

„Bis auf eine Ausnahme, die vorherige Krebserkrankung, eignen sich die bekannten Red Flag-Charakteristika nicht, um bei Patienten mit Rückenschmerzen bösartige Veränderungen der Wirbelsäule vorherzusagen“, sagt Erstautor Dr. Nicholas Henschke, Institut für Public Health am Universitätsklinikum Heidelberg. „Werden sie einzeln als Indikator für einen Tumor herangezogen, führt das zu vielen unnötigen Untersuchungen, die – man denke an die Strahlenbelastung beim Röntgen – selbst schädlich sein können.“

Der Wissenschaftler weist aber auch darauf hin, dass die Datenlage noch sehr dünn ist. In den ausgewerteten Studien wurde bei weniger als einem Prozent der Patienten eine Krebserkrankung der Wirbelsäule diagnostiziert. „Tumoren des Rückenmarks oder Knochenmetastasen in der Wirbelsäule sind selten. Wir benötigen größere Studien, um die Aussagekraft der Red Flags abschließend beurteilen zu können“, so Henschke. Besonders die Kombination verschiedener Red Flags sollte in Zukunft genauer geprüft werden. „Unsere Studie untersucht die diagnostische Zuverlässigkeit einzelner Kriterien. Es ist aber wahrscheinlich sinnvoller, mehrere Aspekte zu betrachten, um einen Patienten zu beurteilen.“ Welche Charakteristika sich in Kombination dazu am besten eignen, müssen weitere Studien zeigen.

Literatur:
Henschke N, Maher CG, Ostelo RWJG, de Vet HCW, Macaskill P, Irwig L. Red flags to screen for malignancy in patients with low-back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 2. Art. No.: CD008686. DOI: 10.1002/14651858.CD008686.pub2.

http://doi.wiley.com/10.1002/14651858.CD008686.pub2

Institut für Public Health des Universitätsklinikums Heidelberg im Internet:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Institute-of-Public-Health.5358.0.html
Kontakt:
Nicholas Henschke, PhD
Abteilung Epidemiologie und Biostatistik
Institut für Public Health des Universitätsklinikums Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 52 15
E-Mail: henschke(at)uni-heidelberg.de
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Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der bedeutendsten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international renommierten biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung innovativer Diagnostik und Therapien sowie ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und engagieren sich in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 klinischen Fachabteilungen mit ca. 2.200 Betten werden jährlich rund 118.000 Patienten voll- bzw. teilstationär und rund 1.000.000 mal Patienten ambulant behandelt. Das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland. Derzeit studieren ca. 3.500 angehende Ärztinnen und Ärzte in Heidelberg.
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