Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nocebo-Effekte vermeiden – Behandlungen wirksamer und verträglicher machen

08.07.2014

Wie können aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu Nocebo-Effekten in der medizinischen Forschung und Praxis umgesetzt werden, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit von medizinischen Behandlungen zu verbessern?

Dieser Frage gehen Prof. Paul Enck vom Universitätsklinikum Tübingen, Prof. Ulrike Bingel und Prof. Manfred Schedlowski vom Universitätsklinikum Essen und Prof. Winfried Rief von der Universität Marburg in ihrer aktuellen Veröffentlichung „Avoiding Nocebo Effects to Optimize Treatment Outcome“ im renommierten Journal of the American Medical Association (JAMA. Published online July 07, 2014. doi:10.1001/jama.2014.8342) nach.

Experimentelle und klinische Studien belegen, dass ein Großteil der unerwünschten Wirkungen im Rahmen von pharmakologischen (und anderen) Behandlungen nicht auf das Medikament selbst zurück zuführen ist. Erstaunlicherweise entwickeln die Patienten in klinischen Studien, die gar nicht mit dem Medikament, sondern einem Placebo behandelt werden, dieselben Nebenwirkungen.

Genauso berichten viele Patienten, dass es beim Wechsel von Originalpräparaten zu so genannten Generika zum vermehrten Auftreten von Nebenwirkungen kommt, obwohl das Generikum den identischen Wirkstoff enthält. Diese Beispiele illustrieren, dass psychologische Faktoren, wie die Erwartung des Patienten bezüglich der Verträglichkeit von Behandlungen das tatsächliche Auftreten von unerwünschten Wirkungen stark beeinflusst.

Die individuellen Erwartungen und Überzeugungen von Patienten beeinflussen nicht nur die Verträglichkeit, sondern auch die Wirksamkeit von medizinischen Behandlungen. Dies zeigen Medikamentenstudien, in denen die Erwartung der Patienten bewusst beeinflusst wird. Diese Studien belegen, dass eine positive Erwartung bezüglich der Wirksamkeit die Wirkung von Schmerz-, oder Migränemedikamenten verdoppeln kann, während eine negative Erwartung dessen Wirksamkeit reduziert, oder sogar komplett aufheben kann.

Ähnliches konnte für eine negative Vorerfahrung mit medizinischen Behandlungen gezeigt werden, welche auch das Ansprechen auf einen nächsten, ganz anderen Therapieversuch negative beeinflussen können.
Diese negativen Einflüsse von negativen Überzeugungen, negativen Vorerfahrungen oder Angst bezüglich Wirksamkeit und Verträglichkeit von medizinischen Behandlungen bezeichnet man als Nocebo-Effekte.

Die Beschwerden, die durch Nocebo-Effekte ausgelöst werden, lassen sich im Körper nachweisen. Auch wenn der Nocebo-Effekt neurowissenschaftlich noch lange nicht so gut erforscht ist wie sein positiver Zwilling – der Placebo-Effekt – weiß man, dass Nocebo-Effekte spezifische Korrelate im zentralen Nervensystem und im peripher-physiologischen System haben.

Nocebo-Effekte können verheerende Folgen für die Verträglichkeit und Wirksamkeit von medizinischen Behandlungen haben und dazu beitragen, dass Patienten indizierte und ggf. lebensverlängernde Therapien nicht fortführen. Die erhebliche Bedeutung von Nocebo-Effekten für das Scheitern von medizinischen Behandlungen wird im klinischen Alltag unterschätzt.

Basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Wirkweise von Nocebo-Effekten postulieren die Autoren in der aktuellen Veröffentlichung „Avoiding Nocebo Effects to Optimize Treatment Outcome“ in „The Journal of the American Medical Association“ praktische Strategien, um den negativen Einfluss von Nocebo-Effekten auf das Outcome von medizinischen Behandlungen zu reduzieren. Diese umfassen verschiedene Ebenen des Gesundheitssystems und reichen von der Ausbildung von Ärzten und anderen Heilberufen, über die klinische Praxis, aber auch über rechtliche Aspekte (Gestaltung von Beipackzetteln) bis hin zum Umgang der Medien.

Erster wichtiger Schritt wäre es, das Bewusstsein zu schaffen, welchen starken Einfluss jeder Beteiligte im Gesundheitssystem auf die Entwicklung von Nocebo-Effekten hat, sagen die Autoren. Daraus muss sich die Verantwortung ableiten, Nocebo-Effekte möglichst zu reduzieren, oder sogar ganz zu vermeiden. Für die Vermeidung von Nocebo-Effekten im klinischen Alltag spielt eine wissenschaftlich fundierte Kommunikationskompetenz der Behandler eine ganz entscheidende Rolle. Die Kommunikation zwischen Behandlern und Patienten ist ein mächtiges Instrument, um die psychologischen Triebfedern von Nocebo-Effekten, nämlich Erwartung- und Lernmechanismen positiv zu beeinflussen. So kann negativen Überzeugungen, negativen Behandlungserfahrungen, Missverständnissen und daraus resultierenden Sorgen und Ängsten vorgebeugt werden.

Die Medizin hat in den vergangenen Dekaden dramatische Fortschritte in den diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten verzeichnet. Diese Entwicklung und die damit verbundene Spezialisierung haben aber auch ihre Schattenseiten. Arzt-Patientenkontakte finden im Minutentakt statt. Das Ungleichgewicht aus diagnostischen Möglichkeiten und dem ärztlichen Gespräch führt zu einer Schwächung des therapeutischen Bündnisses.

Die Implementierung von Mechanismus-basierten Strategien zur Vermeidung von Nocebo-Effekten verspricht dieser Entwicklung entgegen zu arbeiten, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit von medizinischen Behandlungen zum Wohle des Patienten zu verbessern. Hierbei spielt die Kommunikation eine zentrale Rolle, was auch in der Ausbildung von Heilberufen abgebildet sein sollte, so die Autoren.

Medienkontakt

Universitätsklinikum Tübingen
Medizinische Klinik, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Prof. Dr. Paul Enck, Forschungsleiter
Frondsbergstr. 23, 72076 Tübingen
Tel. 07071/29-8 91 18, Fax 07071/29-43 82
E-Mail paul.enck@uni-tuebingen.de

Dr. Ellen Katz | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.medizin.uni-tuebingen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie