Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neurologische Behandlung von EHEC-Patienten muss frühzeitig beginnen

03.06.2011
Die DGN empfiehlt die Beteiligung der Neurologie am interdisziplinären Notfall-und Intensiv-Krankheitsmanagement der Infektionskrankheit/Aktuelle Zusammenfassung Hamburger Neurologen

Schwer erkrankte EHEC-Patienten leiden an gravierenden neurologischen Symptomen und Folgeschäden. Dies ist eine aktuelle Erkenntnis von Professor Christian Gerloff und Professor Joachim Röther von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Beide behandeln in Hamburg, im Zentrum der Epidemie, zahlreiche EHEC-Patienten mit dem Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS). Sie raten zu einem mutigen Vorgehen und einer frühzeitigen Beteiligung der Neurologie bei der Behandlung von EHEC-Patienten.

Noch ist kein Ende der EHEC-Epidemie abzusehen. Auch der weitere Verlauf bleibt unklar. Während die Zahl der Neuinfektionen leicht rückläufig ist, liegen derzeit weiterhin hunderte Patienten mit einer EHEC-Infektion im Krankenhaus. In Hamburg, dem am stärksten betroffenen Bundesland, sind bislang 669 Fälle gemeldet, 110 Menschen werden in Kliniken wegen lebensgefährlicher Komplikationen – dem Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) – behandelt. Die Neurologen in Hamburg berichten jetzt von ihren Erfahrungen mit diesen Patienten.

„Etwa die Hälfte aller Patienten mit HUS zeigt ernste neurologische Verläufe“, so Prof. Dr. Joachim Röther, Chef der Neurologie in der Asklepios Klinik in Hamburg-Altona, wo derzeit 16 EHEC-Patienten neurologisch-intensivmedizinisch behandelt werden. Alarmierend bei diesen Patienten sei, dass sich ihr neurologischer Zustand trotz frühzeitiger Plasmapherese-Behandlung (Blutwäsche) nicht bessere oder sogar weiter verschlechtere. Diese Beobachtung bestätigt auch Prof. Dr. Christian Gerloff, Leiter der Klinik und Poliklinik für Neurologie des Universitätskrankenhauses in Hamburg-Eppendorf (UKE). „Wir beobachten bei den von uns betreuten Patienten, dass neurologische Störungen nicht zwingend am Ende einer eskalierenden Krankheitssequenz auftreten. Sie können sich bereits gleichzeitig mit gastroenterologischen und nephrologischen Symptomen entwickeln.“ Im UKE werden aktuell 82 Patienten mit HUS-Syndrom behandelt. Mehr als die Hälfte von ihnen zeigt schwere neurologische Verläufe, 24 Patienten liegen auf Intensivstationen.

Ursache der neurologischen Störungen ist wahrscheinlich das Shiga-Toxin

Das Shiga-Toxin wird von den EHEC-Erregern freigesetzt und führt einerseits zu einer toxischen Gefäßveränderung mit einer Schwellung des Gefäßendothels. Eine Weitung intrakranieller Gefäße und eine Störung der Autoregulation wird ebenfalls vermutet. Andererseits begünstigt das Toxin die Bildung von Fibrinthromben. Schließlich spielt auch die Aktivierung eines Teils der Immunantwort, der so genannten Komplementkaskade, eine wichtige pathophysiologische Rolle. Sie ist der theoretische Ansatzpunkt für den experimentellen Einsatz des monoklonalen Antikörpers Eculizumab.

Neurologische Symptomatik bestimmt bei schwerem Krankheitsverlauf die Therapie

Aufgrund der Schwere und der oft irreversiblen Verläufe müssen zusätzlich zur Plasmapherese auch drastische Therapiemaßnahmen wie die experimentelle Gabe von Eculizumab in Betracht gezogen werden. Dieser eigentlich zur Behandlung einer seltenen Blutbildungsstörung zugelassene Wirkstoff wurde kürzlich bei drei EHEC-erkrankten Kindern der Uniklinik Heidelberg erfolgsversprechend eingesetzt und konnte dort die EHEC-bedingten Nierenfunktionsstörungen positiv beeinflussen. Derzeit werden im UKE 28 Patienten und im Asklepios-Klinikum Hamburg Altona 5 Patienten mit dem Medikament behandelt. Noch ist es jedoch zu früh, um verlässliche Aussagen zum Verlauf der Erkrankung bei Erwachsenen unter Eculizumab zu treffen.

Gerloff und Röther raten daher zu einer frühzeitigen Beteiligung der Neurologie bei der interdisziplinären Behandlung von EHEC-Patienten. Insbesondere sollten Entscheidungen über Art, Zeitpunkt und Dauer experimenteller Behandlungen auch von der Schwere und dem Verlauf neurologischer Defizite abhängig gemacht werden. Auch bei nicht intensivpflichtigen Patienten mit stabilisierter renaler Situation und steigenden Thrombozytenwerten kann die Zunahme neurologischer Defizite eine Intensivierung der Therapie bis hin zum experimentellen Einsatz von Eculizumab rechtfertigen. Darüber hinaus kann präventiv eine frühzeitige Anti-Krampf-Therapie erwogen werden (etwa mit Levetiracetam), sobald die Patienten neurologisch auffällig werden. Denn das Auftreten epileptischer Anfälle bis hin zum Status epilepticus ist eine typische Komplikation, die bis zu 66 Prozent der EHEC-Patienten mit HUS-Syndrom triff und häufig die Versetzung der Patienten in ein künstliches Koma nötig macht.

Aktuelle Informationen für Neurologen

HUS-Patienten mit neurologischer Symptomatik zeigen schwere Verläufe. Oft beginnt diese mit leichten, transienten Symptomen wie Verwirrtheit, erhöhter Erregbarkeit, einem deliranten Bild oder auch einer Vigilanzminderung. Andere neurologische Anfangssymptome sind Herdzeichen, auffällig häufig einhergehend mit Aphasie und Apraxie, aber auch mit Funktionsstörungen des Hirnstamms wie dem Wegfall des Schluckreflexes oder Hirnnervenausfällen (z. B. des Nervus abducens). Auch pyramidale Symptome mit positivem Babinski-Zeichen kommen vor. Myoklonien, z. T. stimulussensitiv, werden häufig beobachtet und scheinen auf eine Senkung der Krampfschwelle hinzuweisen. In vielen Fällen verschlechtert sich der Zustand der Patienten weiter. Zum einen treten schwere und nur durch Analgosedierung zu durchbrechende epileptische Anfälle auf, zum anderen verschlechtert sich auch spontan die Vigilanz bis hin zu Sopor und Koma mit Beatmungspflicht.

Nachweisbare Veränderungen im MRT sind individuell unterschiedlich

Mit einem craniellen CT ist häufig kein pathologischer Befund festzustellen. Sensitiver ist das MRT, in dem sich, wie bei an EHEC/HUS erkrankten Kindern beschrieben, ein sehr inhomogenes Bild mit großen interindividuellen Unterschieden zeigt. Die MRT-Befunde reichen von beidseitigen Diffusionsstörungen im Thalamus, im Balken, Kleinhirn und Hirnstamm bis hin zu diffusen, posterior betonten Signalveränderungen (diffusionsgestört und hyperintens in FLAIR), die vor allem den Cortex zu betreffen scheinen. Die Pathophysiologie, die diesen Veränderungen zugrunde liegt, bleibt zunächst ungewiss. Auch inwieweit die sichtbaren Veränderungen reversibel sind und damit Rückschlüsse auf die Prognose zulassen, ist derzeit nicht absehbar. Interessant ist, dass trotz der regelhaft bestehenden Thrombozytopenie hämorrhagische Transformationen oder intrakranielle Blutungen nicht zu den typischen neuroradiologischen Befunden gehören. Es muss betont werden, dass es Patienten mit erheblichem fokalem Defizit gibt (z. B. Aphasie), ohne dass im MRT Läsionen nachweisbar sind.

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen

Prof. Dr. Christian Gerloff
Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie
UKE – Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52
20246 Hamburg
Tel: +49 (0)40 7410-53770
Fax: +49 (0)40 7410-56721
E-Mail: gerloff@uke.de
Prof. Dr. Joachim Röther
Chefarzt der Neurologischen Abteilung
Asklepios Klinik Altona
Paul-Ehrlich-Str. 1
22763 Hamburg
Tel: +49 (0)40 1818-81 1401
Fax: +49 (0)40 1818-81 4906
E-Mail: j.roether@asklepios.com
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 6500 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin. http://www.dgn.org
Deutsche Gesellschaft für Neurologie
Reinhardtstr. 14, 10117 Berlin, E-Mail: info@dgn.org
Tel: +49 (0)30- 531437-930, Fax: +49 (0)30- 531437-939
1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Wolfgang Oertel
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Heinz Reichmann
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Martin Grond
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter
Ansprechpartner für die Medien
Frank A. Miltner, Tel: +49 (0)89-461486-22, E-Mail: presse@dgn.org
Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org
http://dgn.org/pressemitteilungen/ehec-epidemie.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neurorehabilitation nach Schlaganfall: Innovative Therapieansätze nutzen Plastizität des Gehirns
25.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

nachricht Die Parkinson-Krankheit verstehen – und stoppen: aktuelle Fortschritte
25.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Posterblitz und neue Planeten

25.09.2017 | Veranstaltungen

Hochschule Karlsruhe richtet internationale Konferenz mit Schwerpunkt Informatik aus

25.09.2017 | Veranstaltungen

Junge Physiologen Tagen in Jena

25.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

25.09.2017 | Messenachrichten

Fraunhofer ISE steigert Weltrekord für multikristalline Siliciumsolarzelle auf 22,3 Prozent

25.09.2017 | Energie und Elektrotechnik

Die Parkinson-Krankheit verstehen – und stoppen: aktuelle Fortschritte

25.09.2017 | Medizin Gesundheit