Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuroblastom: Frankfurter Forscher suchen den molekularen Schlüssel zum Phänomen der Selbstheilung

03.06.2013
Das Neuroblastom ist eine der häufigsten bösartigen Krebserkrankungen im Kindesalter. Hierbei entarten Zellen des Nervengewebes.

Trotz der Kombination unterschiedlicher Methoden in der Therapie ist die Heilungschance bei aggressivem Formen der Erkrankung noch immer sehr gering. Gleichzeitig ist das Neuroblastom aber eine der ganz wenigen Krebserkrankungen, bei denen es zum spontanen Rückgang des Tumors kommen kann. Warum dies in manchen Fällen geschieht, in anderen aber nicht, ist noch weitgehend unklar. Wissenschaftler der Goethe Universität in Frankfurt wollen dieses Rätsel entschlüsseln und so zur Entwicklung neuer Therapieansätze beitragen.


Neuroblastomzellen in Kultur: Nach experimenteller Änderung der Bildung von TALE Proteinen gehen die Zellen spontan in Zellteilungsruhe und reifen zu Nervenzellen heran (erkennbar an ihren langen Fortsätzen). Kontrollzellen wachsen hingegen kontinuierlich weiter und behalten die Gestalt unreifer Vorläuferzellen (kleines Bild links oben).
Quelle: Dorothea Schulte

Neuroblastom tritt zumeist in den ersten fünf Lebensjahren auf, kann aber in seltenen Fällen auch ältere Kinder oder sogar Erwachsene betreffen. Die Krankheit entsteht meist spontan, das heißt ohne erbliche Vorbelastung. Die genauen Ursachen sind noch nicht bekannt. Wie für andere Krebserkrankungen bei Kindern vermutet man, dass diese Tumoren aus unreifen, embryonalen Vorläuferzellen hervorgehen, die auf noch nicht geklärte Art und Weise im Körper überdauern konnten. Konkret nimmt man an, dass Neuroblastom-Tumore ihren Ursprung in unreifen Neuralleistenzellen des Nervensystems (sogenannten Neuroblasten) haben. Diese Zellen wandern auf vorgeschriebenen Routen durch den embryonalen Körper und tragen zur Entwicklung der unterschiedlichsten Gewebe und Organe bei. Entsprechend finden sich die Primärtumoren von Neuroblastompatienten häufig in solchen Organen, in denen sich Neuralleistenzellen niederlassen, wie beispielsweise der Nebenniere oder den Grenzsträngen entlang der Wirbelsäule.

Interessanterweise bilden sich bei rund zehn Prozent der Patienten, trotz oftmals bereits fortgeschrittener Metastasierung, Tumor und Metastasen spontan zurück. Solche Tumoren weisen eine deutlich geringere Zellteilungsrate auf und die verbleibenden Krebszellen werden entweder durch Zelltod eliminiert oder reifen zu teilungsinaktiven Nervenzellen heran. Dieser gutartige Krankheitsverlauf wird daher als gesondertes Stadium anerkannt und als „4S Neuroblastom“ bezeichnet. Warum sich 4S Tumoren zurückbilden und welche Genprodukte diesen Mechanismus auslösen, ist derzeit noch unklar.

Die entwicklungsbiologisch ausgerichtete Arbeitsgruppe von Prof. Dorothea Schulte befasst sich mit der Frage, wie die Bildung von teilungsinaktiven, reifen Nervenzellen aus sich teilenden, unreifen Neuroblasten gesteuert wird. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Rolle von „TALE-Homöodomän Transkriptionsfaktoren“, einer Gruppe von Eiweißmolekülen, die im Zellkern genetische Programme an- und abschalten.

In Vorarbeiten beobachteten die Wissenschaftler, dass einige TALE-Proteine in Neuroblastomzellen Tumorwachstum fördern, während strukturell ähnliche Proteine in den gleichen Zellen die Rückbildung des Tumors auslösen können. In einem von der Wilhelm Sander-Stiftung geförderten Projekt will die Arbeitsgruppe nun zusammen mit Dr. Dirk Geerts von der Erasmus Universität in Rotterdam diejenigen Mechanismen verstehen lernen, die diesem Phänomen zugrunde liegen.

Dafür werden sie in Zellkulturmodellen die Bildung solcher Proteine zeitlich kontrolliert auslösen oder unterdrücken und dabei das Verhalten der Zellen beobachten. Außerdem wollen die Wissenschaftler überprüfen, ob - beziehungsweise wo - zentrale Änderungen der Genaktivität stattfinden. Ergänzend untersuchen sie im Mausmodell das Wachstum und die Rückbildung von denjenigen Tumoren, die unterschiedliche TALE-Proteine in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander bilden. Auf diese Weise hoffen die Wissenschaftler, Hinweise zu erhalten, woher 4S Neuroblastomtumoren ihre Fähigkeit zur Rückbildung nehmen, sowie Ansatzpunkte für mögliche neue Therapien gegen aggressive Formen des Neuroblastoms zu finden.

Die Wilhelm Sander-Stiftung fördert dieses Forschungsprojekt mit rund 100.000 Euro. Stiftungszweck ist die Förderung der medizinischen Forschung, insbesondere von Projekten im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden insgesamt über 190 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Kontakt (Projektleitung):
Prof. Dr. Dorothea Schulte, Neurologisches Institut (Edinger Institut), Klinikum der J. W. Goethe Universität, Frankfurt
Telefon: +49-(0)69-6301-84159
E-Mail: dorothea.schulte@kgu.de

Sylvia Kloberdanz | idw
Weitere Informationen:
http://www.wilhelm-sander-stiftung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden «Krebssignatur» in Proteinen

05.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Wichtiger Prozess für Wolkenbildung aus Gasen entschlüsselt

05.12.2016 | Geowissenschaften

Frühwarnsignale für Seen halten nicht, was sie versprechen

05.12.2016 | Ökologie Umwelt- Naturschutz