Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neues Verfahren revolutioniert die Hornhauttransplantation

31.08.2016

Durchbruch bei der Versorgung von Patienten mit Hornhauttransplantaten bei DMEK-OP: Die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) hat die 100. vorpräparierte Augenhornhautlamelle an einen Patienten aus Rostock vermittelt. Damit ist die DGFG die derzeit einzige Einrichtung in Deutschland, die vorbereitete Hornhautlamellen für DMEK anbieten kann. Bisher präparieren Ärzte die Transplantate erst unmittelbar vor dem Eingriff im OP, was mit Risiken für das Transplantat verbunden ist. Gründe für die jährlich mehr als 5.000 Hornhauttransplantationen gibt es viele. Neben Verletzungen und genetischen Erkrankungen der Hornhaut ist sehr häufig die innere Schicht, das Endothel, betroffen.

Wolfgang Rehme aus Rostock sah immer schlechter. Seine Augenhornhaut hatte sich zunehmend eingetrübt. Ursache war die Fuchs’sche Endotheldystrophie, eine Erkrankung der Augenhornhaut, die mit einem Funktionsverlust der inneren Zellschicht einhergeht.


Eine Mitarbeiterin der Hornhautbank präpariert die innenliegende Hornhautschicht, das Endothel.

Foto: DGFG


Die vorpräparierte Hornhautlamelle kommt in einem speziellen Transportgefäß sicher zum Patienten.

Foto: DGFG

„Die einzige Chance war eine Hornhauttransplantation“, sagt Prof. Dr. Anselm G. M. Jünemann, Chefarzt der Augenklinik der Universitätsmedizin Rostock. Er hat den 75-jährigen Rostocker mit der sogenannten DMEK-Methode (Descemet Membrane Endothelial Keratoplasty) operiert.

Das Transplantat kam fertig vorbereitet von der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG). Die gemeinnützige Gesellschaft, die bundesweit einen Großteil der Hornhauttransplantate zur Verfügung stellt, ist die bisher einzige Gewebeeinrichtung in Deutschland, die vorpräparierte Spenderhornhäute zur DMEK-Transplantation vermittelt.

Mehr Sicherheit im OP

Bei der DMEK-OP muss der Arzt, im Gegensatz zur kompletten Hornhauttransplantation, nur eine ultradünne Schicht der Augenhornhaut ersetzen. Das Verfahren hat sich in den vergangenen Jahren zum Goldstandard in der Behandlung vor allem der Fuchs’schen Endotheldystrophie entwickelt.

Das Endothel, die innen liegende Pumpzellenschicht, befördert Wasser aus der Hornhaut. Funktioniert sie nicht richtig, quillt die Hornhaut auf und trübt ein. Klares Sehen ist nicht mehr möglich. Eine Hornhauttransplantation ist oft die einzige Behandlungsmöglichkeit. Bisher haben Ärzte die benötigte Hornhautlamelle direkt im OP für die Transplantation vorbereitet.

„Dabei bestand aber immer die Gefahr, dass die Hornhaut einreißt“, sagt Martin Börgel, Geschäftsführer der DGFG. Ende des vergangenen Jahres hat das Paul-Ehrlich-Institut der DGFG die Genehmigung erteilt, Spenderhornhäute direkt in der Gewebebank vorzubereiten und in Verkehr zu bringen.

„Jetzt haben wir die 100. Hornhautlamelle zur Transplantation nach Mecklenburg-Vorpommern vermittelt“, sagt Börgel. Das neue Verfahren bedeute eine deutliche Zeitersparnis für Operateure und mehr Sicherheit für die Patienten. Damit sinkt auch für lamelläre Transplantationen die Wartezeit deutlich.

Der Zulassung ging ein langer Entwicklungsprozess voraus

„Die Entwicklung des komplett neuen Verfahrens zur Herstellung vorpräparierter Hornhautlamellen für DMEK nahm inklusive aller Versuche und Genehmigungen mehrere Jahre in Anspruch“, sagt Börgel. Die Präparation im hochsterilen Reinraum der Gewebebank Hannover und standardisierte Arbeitsschritte ermöglichen eine Erfolgsquote von 95 Prozent. Die innenliegende Endothelseite der Spenderhornhaut wird dabei mit einem Trepan, einem kreisförmigen Skalpell, oberflächlich angestanzt.

Ein Mitarbeiter der Gewebebank präpariert beginnend von der Trepanationsspur die Descemetmembran der Augenhornhaut bis auf einen kleinen zentralen Bereich vom Stroma ab. Durch Auftropfen eines Entquellungsmediums werden die abgelösten Bereiche zurück auf die Stromaschicht gelegt. Vor- und nach der Präparation ermittelt die Hornhautbank die Endothelzelldichte und -vitalität. Vor dem Versand in einem speziellen Gefäß erfolgt eine zusätzliche mikrobiologische Kontrolle.

Wartezeit ist deutlich zurückgegangen

Die Erkrankung der Hornhaut, unter der Wolfgang Rehme seit Jahren litt, führte dazu, dass er immer schlechter sehen konnte. „Es war ein schleichender Verlauf“, sagt er. Die Wartezeit auf ein Transplantat ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich zurückgegangen. Rehme musste nur wenige Wochen auf seine Transplantation in der Universitätsmedizin Rostock warten. Noch vor Jahren hätten Ärzte die gesamte Hornhaut ersetzen müssen.

„Jetzt reicht ein winziger, nur wenige Millimeter große Schnitt, um das hauchdünne Transplantat ins Auge einzubringen“, erklärt Prof. Jünemann. Zuvor muss der Operateur die erkrankte Schicht der Hornhaut, das Endothel, entfernen. Danach bringt er die gerollte Spenderlamelle mit einem speziellen System ins Auge ein und entfaltet sie mittels einer Luftblase.

Ohne Gewebespende keine Transplantation

Die DMEK-OP weist deutliche Vorteile gegenüber der herkömmlichen Methode auf. „Die Patienten können häufig schon nach einer Woche wieder besser sehen, eine zusätzliche Naht entfällt und auch das Risiko der Abstoßung ist deutlich geringer“, sagt Prof. Jünemann. Bei einer normalen Hornhauttransplantation dauere es oft über ein Jahr, bis der Patient wieder gut sehen kann. Voraussetzung für jede Transplantation ist aber auch nach wie vor die Gewebespende eines verstorbenen Menschen.

„Fast jeder in einem Krankenhaus Verstorbene kann seine Augenhornhaut spenden“, sagt Börgel. Pro Jahr transplantieren Ärzte in Deutschland etwa 6.000 Hornhäute. Mehr als die Hälfte der Operationen sind inzwischen lamelläre Transplantationstechniken, vor allem die DMEK. Auch an der DGFG geht diese Entwicklung nicht vorbei. Die gemeinnützige Gesellschaft hat 2015 über 2.700 Hornhäute an Patienten vermittelt, knapp die Hälfte für lamelläre Operationen. Die Wartezeit auf ein Transplantat ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich zurückgegangen.

Die DGFG ist eine unabhängige, gemeinnützige Gesellschaft, die seit 1997 die Gewebespende und -transplantation in Deutschland fördert. Die DGFG hat seitdem ein bundesweites Netzwerk zahlreicher deutscher Kliniken, Gewebebanken und transplantierender Einrichtungen aufgebaut. Jede medizinische Einrichtung in Deutschland kann Gewebe von der DGFG beziehen. Gesellschafter sind vier Universitäten – Anstalten des öffentlichen Rechts: das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, das Universitätsklinikum Leipzig, die Medizinische Hochschule Hannover sowie die Universitätsmedizin Rostock.

Mehr als 60 Krankenhäuser unterstützen das Netzwerk der DGFG durch die Meldung möglicher Gewebespender. Koordinatoren der DGFG betreuen die Ärzte in den Kliniken vor Ort, führen Gespräche mit Angehörigen und organisieren die Entnahme und den Transport der Gewebepräparate in die Gewebebanken.

Weitere Informationen:

http://www.gewebenetzwerk.de/lamelle-dmek/

Tino Schaft | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Revolutionär: Ein Algensaft deckt täglichen Vitamin-B12-Bedarf
23.04.2018 | Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

nachricht Eine Teleskopschiene für Nanomaschinen
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Standort Stuttgart, Stuttgart

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

Das Kleben der Zellverbinder von Hocheffizienz-Solarzellen im industriellen Maßstab ist laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und dem Anlagenhersteller teamtechnik marktreif. Als Ergebnis des gemeinsamen Forschungsprojekts »KleVer« ist die Klebetechnologie inzwischen so weit ausgereift, dass sie als alternative Verschaltungstechnologie zum weit verbreiteten Weichlöten angewendet werden kann. Durch die im Vergleich zum Löten wesentlich niedrigeren Prozesstemperaturen können vor allem temperatursensitive Hocheffizienzzellen schonend und materialsparend verschaltet werden.

Dabei ist der Durchsatz in der industriellen Produktion nur geringfügig niedriger als beim Verlöten der Zellen. Die Zuverlässigkeit der Klebeverbindung wurde...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Im Focus: Moleküle brillant beleuchtet

Physiker des Labors für Attosekundenphysik, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik haben eine leistungsstarke Lichtquelle entwickelt, die ultrakurze Pulse über einen Großteil des mittleren Infrarot-Wellenlängenbereichs generiert. Die Wissenschaftler versprechen sich von dieser Technologie eine Vielzahl von Anwendungen, unter anderem im Bereich der Krebsfrüherkennung.

Moleküle sind die Grundelemente des Lebens. Auch wir Menschen bestehen aus ihnen. Sie steuern unseren Biorhythmus, zeigen aber auch an, wenn dieser erkrankt...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Impfstoff-Kandidat gegen Malaria erfolgreich in erster klinischer Studie untersucht

25.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Erkheimer Ökohaus-Pionier eröffnet neues Musterhaus „Heimat 4.0“

25.04.2018 | Architektur Bauwesen

Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

25.04.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics