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Neues Angriffsziel bei chronischem Blutkrebs

01.07.2011
Wird der Botenstoff PIGF blockiert, steigt die Überlebensrate im Mausmodell / Dr. Thomas Schmidt, Chirurgische Universitätsklinik Heidelberg, und Kollegen publizieren in Cancer Cell

Bei chronischem Blutkrebs steigt die Überlebensrate, wenn ein bestimmter Botenstoff mit Hilfe von Antikörpern blockiert oder genetisch ausgeschaltet wird. Diesen Zusammenhang konnten Dr. Thomas Schmidt, Assistenzarzt an der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Markus W. Büchler), und Kollegen im Mausmodell nachweisen.

Außerdem zeigten die Wissenschaftler, dass bei Patienten, die an chronisch myeloischer Leukämie, CML leiden, Knochenmarkzellen verstärkt diesen Botenstoff bilden. Dieser so genannte PIGF (Placental growth factor) sorgt dafür, dass sich die Leukämiezellen ausbreiten können.

Und noch ein weiteres Ergebnis des Forscherteams regt das Interesse an den therapeutischen Möglichkeiten eines PIGF-Blockers: Er wirkte zusätzlich zum dem bei CML-Patienten aktuell als „Goldstandard“ eingesetzten Medikament Imatimib und verlängerte das Überleben der Mäuse. Und selbst bei einer Form der Erkrankung, die gegen Imatimib resistent ist, war der Blocker effektiv.

Die Arbeiten der Forscher aus Heidelberg, Leuven/Belgien, Kalifornien/USA, Jena und Aachen sind jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Cancer Cell erschienen.

Nicht die Krebszellen direkt sondern ein Botenstoff als Angriffsziel

„Wirkstoffe gegen chronischen Blutkrebs zielen bislang direkt auf die Zerstörung von Leukämiezellen ab“, erklärt Dr. Thomas Schmidt. Das Problem: Nach Behandlungsstopp kann die Erkrankung wieder aufflammen, manche Patienten entwickeln Resistenzen gegen den Wirkstoff oder vertragen ihn nicht. Alternativen sind also gefragt.

„Unsere Arbeiten zeigen, dass auch der Botenstoff PIGF ein wichtiges Angriffsziel ist“, sagt der angehende Chirurg. „Leukämiezellen sorgen mit Hilfe von Botenstoffen für eine Produktion von PIGF in Knochenmarkzellen, wodurch in ihrer Umgebung ideale Wachstumsbedingungen für den Krebs entstehen.“ So sorgt PIGF dafür, dass die Leukämiezellen sich vermehren und sich im Körper verbreiten sowie dass verstärkt Blutgefäße im Knochenmark gebildet werden, die die Krebszellen in ihrer Entwicklung unterstützen. Die Leukämiezellen bringen außerdem die Knochenmarkzellen dazu, noch mehr PIGF zu produzieren - ein Teufelskreis also.

Die passende Krebsart für den Wirkstoff ermitteln

In vorangegangenen Arbeiten während seines Forschungsaufenthaltes in Leuven, Belgien, konnte der 31-jährige Nachwuchswissenschaftler bereits im Mausmodell zeigen, dass Antikörper gegen PIGF bei bestimmten Leber- und Hautkrebsarten das Tumorwachstum bremsen.

„Bei Patienten mit verschiedenen Tumorerkrankungen wurden bereits erste klinische Studien mit PIGF-Antikörpern durchgeführt, durch die Industriepartner, die den Antikörper entwickelt haben. Der Wirkstoff wurde gut vertragen.“ Andere Tumoren in Mäusen, z.B. der Bauchspeicheldrüse, scheinen wiederum resistent. Die größte Hürde vor einer therapeutischen Nutzung sei es deshalb, die für den Wirkstoff passende Krebsart zu ermitteln.

Dr. Schmidt selbst faszinieren besonders die molekularen Vorgänge, mit denen sich Tumorzellen im Körper eine für sie ideale Umgebung einrichten. Die Forschungsarbeiten dazu wird er in der Gruppe von Professor Dr. Jürgen Weitz, Leitender Oberarzt der Universitätsklinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplanationschirurgie Heidelberg fortsetzen.

Literatur
1. Loss or Inhibition of Stromal-Derived PlGF Prolongs Survival of Mice with Imatinib-Resistant Bcr-Abl1(+) Leukemia.

Schmidt T, Kharabi Masouleh B, Loges S, Cauwenberghs S, Fraisl P, Maes C, Jonckx B, De Keersmaecker K, Kleppe M, Tjwa M, Schenk T, Vinckier S, Fragoso R, De Mol M, Beel K, Dias S, Verfaillie C, Clark RE, Brümmendorf TH, Vandenberghe P, Rafii S, Holyoake T, Hochhaus A, Cools J, Karin M, Carmeliet G, Dewerchin M, Carmeliet P. Cancer Cell. 2011 Jun 14;19(6):740-53.

2. Further pharmacological and genetic evidence for the efficacy of PlGF inhibition in cancer and eye disease.

Van de Veire S, Stalmans I, Heindryckx F, Oura H, Tijeras-Raballand A, Schmidt T, Loges S, Albrecht I, Jonckx B, Vinckier S, Van Steenkiste C, Tugues S, Rolny C, De Mol M, Dettori D, Hainaud P, Coenegrachts L, Contreres JO, Van Bergen T, Cuervo H, Xiao WH, Le Henaff C, Buysschaert I, Kharabi Masouleh B, Geerts A, Schomber T, Bonnin P, Lambert V, Haustraete J, Zacchigna S, Rakic JM, Jiménez W, Noël A, Giacca M, Colle I, Foidart JM, Tobelem G, Morales-Ruiz M, Vilar J, Maxwell P, Vinores SA, Carmeliet G, Dewerchin M, Claesson-Welsh L, Dupuy E, Van Vlierberghe H, Christofori G, Mazzone M, Detmar M, Collen D, Carmeliet P. Cell. 2010 Apr 2;141(1):178-90.

Informationen im Internet:
http://www.cell.com/cancer-cell/abstract/S1535-6108%2811%2900165-6
Ansprechpartner
Dr. Thomas Schmidt
Chirurgische Universitätsklinik Heidelberg
E-Mail: thomas1.schmidt@med.uni-heidelberg.de
Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang
Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 10.000 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 Departments, Kliniken und Fachabteilungen mit ca. 2.000 Betten werden jährlich rund 550.000 Patienten ambulant und stationär behandelt. Derzeit studieren ca. 3.600 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland.

Bei Rückfragen von Journalisten:

Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
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