Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuer Wirkstoff gegen Migräne bei Kindern und Jugendlichen

06.09.2012
Eine neue Behandlungsmöglichkeit für Kinder und Jugendliche mit Migräne ergibt sich aus einer Medikamentenstudie mit 977 Patienten.
„Die Therapieoptionen für junge Migränepatienten sind bislang sehr begrenzt und mit einer Ausnahme dürfen die wirksamsten Arzneien, die Triptane, nur an Erwachsene verschrieben werden“, erläutert Professor Hans-Christoph Diener, Direktor der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Essen. Die neuen Daten, die in der Fachzeitschrift Cephalalgia veröffentlicht wurden, haben in den USA bereits die Zulassung des Wirkstoffs Rizatriptan ermöglicht und werden jetzt wohl auch das Prüfverfahren für die EU beschleunigen.

„Etwa acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen erleiden gelegentlich Migräneattacken, und längst nicht allen kann mit Schmerzmitteln wie Ibuprofen und Paracetamol geholfen werden“, beschreibt Professor Florian Heinen von der Deutschen Gesellschaft für Neuropädiatrie das Dilemma. „Unter den besonders wirksamen Präparaten aus der Klasse der Triptane ist in Europa lediglich Sumatriptan-Nasenspray für 12- bis 17-Jährige zugelassen“, so der Ärztliche Leiter der Abteilung Neuropädiatrie am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Gelungene Abgrenzung vom Placeboeffekt

Mehrere Studien zur Behandlung von Migräneattacken bei Kindern und Jugendlichen waren zuvor gescheitert, schreiben die Autoren um David J. Hewitt, Senior Director der Merck Research Laboratories, die sowohl die Studienarznei Rizatriptan entwickelt hatten, als auch die aktuelle Untersuchung finanzierten. Als Gründe nennen Hewitt und Kollegen, dass Kinder noch stärker als Erwachsene auf Scheinmedikamente ansprechen und dass sie womöglich auch empfänglicher sind für die Erwartungen der Erwachsenen. Die Unterschiede zur echten Arznei seien deshalb schwerer nachzuweisen. Außerdem hätten Kinder und Jugendliche in früheren Studien vielleicht zu geringe Wirkstoffmengen erhalten, heißt es weiter.

Diesen Überlegungen hat die „Rizatriptan Protocol 082 Pediatric Migraine Study Group“ mit einem speziellen Studiendesign Rechnung getragen, bei dem vermehrt schwierige Fälle eingeschlossen wurden und weniger Placebo-Responder zu erwarten waren. Außerdem erhielten diejenigen Probanden, denen Rizatriptan zugelost wurde, ab einem Körpergewicht von 40 Kilogramm mit 10 Milligramm eine höhere Dosis der Arznei und nicht 5 Milligramm wie in früheren Untersuchungen.

Im Ergebnis gelang es den Studienärzten beim wichtigsten Zielwert einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Rizatriptan- und Placeboempfängern nachzuweisen: In der Gruppe der 12- bis 17-Jährigen waren unter Rizatriptan 30,6 Prozent der Probanden zwei Stunden nach Beginn ihrer Migräneattacken schmerzfrei, unter Placebo nur 22 Prozent. Außerdem berichteten nach 24 Stunden mehr Jugendliche in der Rizatriptan-Gruppe, dass sie wieder „wie gewöhnlich“ an ihrem Alltag teilnehmen konnten. Übelkeit und Erbrechen traten mit der Arznei seltener auf, die Lichtscheu und Geräuschempfindlichkeit wurden nicht beeinflusst.

Der gleiche Trend wie bei den 12- bis 17-Jährigen zeigte sich – wenn auch nicht statistisch signifikant – bei den 6- bis 11-Jährigen: Hier erreichten 39,8 Prozent mit Rizatriptan innerhalb von zwei Stunden Schmerzfreiheit gegenüber 30,4 Prozent unter Placebo. Für beide Gruppen zusammen ergab die Analyse ein Verhältnis von 33 zu 24,2 Prozent.

Arznei wurde gut vertragen
„Bei Kindern und Jugendlichen müssen wir natürlich auf mögliche Nebenwirkungen besonders achten“, betont Professor Heinen. Bei der Verträglichkeit zeigten sich binnen 14 Tagen keine bedeutsamen Unterschiede zwischen Rizatriptan und dem Scheinmedikament. „Bei einer vergleichsweise schwierig zu behandelnden Gruppe von Kindern und Jugendlichen wurde somit ein moderater Erfolg erzielt – ein praktisch wichtiges Ergebnis, ohne Abstriche hinsichtlich Sicherheit. Eine baldige Zulassung des Präparates auch in Europa könnte deshalb die Möglichkeiten der Neuropädiatrie erweitern, wenn wir mit den herkömmlichen Pharmakotherapien an unsere Grenzen stoßen“, so Professor Heinen.
Quelle:
Ho TW et al. Efficacy and tolerability of rizatriptan in pediatric migraineurs: Results from a randomized, double-blind, placebo-controlled trial using a novel adaptive enrichment design. Cephalalgia. 2012 Jul;32(10):750-765. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22711898

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen:

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener
Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Pressesprecher
Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Duisburg-Essen
Hufelandstr. 55, 45122 Essen
Tel.: +49 (0)201-7232460
E-Mail: hans.diener@uni-duisburg-essen.de

Prof. Dr. Florian Heinen
Deutsche Gesellschaft für Neuropädiatrie, Mitglied des Vorstandes
Ärztlicher Leiter der Neuropädiatrie, Dr. von Haunersches Kinderspital
Lindwurmstraße 4, 80337 München
Tel.: +49 (0)89-51607851
E-Mail: gabriele.stecher@med.uni-muenchen.de

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren rund 7000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.
http://www.dgn.org

1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Wolfgang Oertel
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Heinz Reichmann
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Martin Grond
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter

Geschäftsstelle
Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel: +49 (0)30-531437930,
E-Mail: info@dgn.org

Ansprechpartner für die Medien
Frank A. Miltner, Tel: +49 (0)89-461486-22, E-Mail: presse@dgn.org

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org

Weitere Berichte zu: Cephalalgia DGN Migräne Neurologie Neuropädiatrie Placebo Scheinmedikament Triptan Wirkstoff

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Mit 3D-Zellkulturen gegen Krebsresistenzen
11.12.2017 | Universität Bern

nachricht Kommunikation ist alles – auch im Immunsystem
28.11.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Im Focus: Realer Versuch statt virtuellem Experiment: Erfolgreiche Prüfung von Nanodrähten

Mit neuartigen Experimenten enträtseln Forscher des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und der Technischen Universität Hamburg, warum winzige Metallstrukturen extrem fest sind

Ultraleichte und zugleich extrem feste Werkstoffe – poröse Nanomaterialien aus Metall versprechen hochinteressante Anwendungen unter anderem für künftige...

Im Focus: Geburtshelfer und Wegweiser für Photonen

Gezielt Photonen erzeugen und ihren Weg kontrollieren: Das sollte mit einem neuen Design gelingen, das Würzburger Physiker für optische Antennen erarbeitet haben.

Atome und Moleküle können dazu gebracht werden, Lichtteilchen (Photonen) auszusenden. Dieser Vorgang verläuft aber ohne äußeren Eingriff ineffizient und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Goldmedaille für die praktischen Ergebnisse der Forschungsarbeit bei Nutricard

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Nachwuchs knackt Nüsse - Azubis der Friedhelm Loh Group für Projekte prämiert

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit 3D-Zellkulturen gegen Krebsresistenzen

11.12.2017 | Medizin Gesundheit