Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuer Ansatzpunkt für Strategien zur Behebung von Gedächtnisstörungen

22.05.2012
Wissenschaftler des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH) am Universitätsklinikum Tübingen haben ein neues Molekül, NFATc4, entdeckt, das für das Überleben neuronaler Stammzellen im Gehirn sowie für die Gedächtnisbildung erforderlich ist.

Diese Entdeckung könnte einen vielversprechenden Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Strategien zur Behebung von Gedächtnisstörungen bieten, wie sie beispielsweise im normalen Alterungsprozess auftreten oder durch Erkrankungen des Nervensystems hervorgerufen werden. (Advanced online publication: PNAS Proceedings of the National Academy of Sciences, 2012; published ahead of print May 14, 2012, doi:10.1073/pnas.1202068109)

Im Gehirn ausgewachsener Säugetiere bilden sich ständig neue Neurone (adulte Neurogenese), von denen jedoch nur ein kleiner Teil überlebt und sich zu funktionstüchtigen neuen Zellen entwickelt. Die in der Gehirnregion des Hippocampus überlebenden neuen Zellen sind sehr wichtig für das Gedächtnis. Sowohl die normalen Alterungsprozesse als auch Erkrankungen des Nervensystems, wie zum Beispiel Morbus Alzheimer oder Durchblutungsstörungen durch Schlaganfall, führen zu einer Beeinträchtigung der Gedächtnisfunktion, für die es bislang noch keine wirksame Therapie gibt. Erkenntnisse über die molekularen Prozesse, die das Überleben der neugebildeten Zellen fördern, können daher für die Verbesserung der Gedächtnisleistung bei Patienten mit Gedächtnisstörungen von Bedeutung sein.

Die Studie von Dr. Giorgia Quadrato (Erstautorin) und Dr. Simone Di Giovanni enthält nun neue Erkenntnisse bezüglich der molekularen und transkriptionsabhängigen Steuerung der Neurogenese als Reaktion auf den Wachstumsfaktor BDNF (Brain-derived neurotrophic factor). BDNF sendet Signale aus und initiiert das Überleben der Neurone, aber ist nur dann erfolgreich, wenn NFATc4 aktiv ist.

Die Wissenschaftler stellten in Versuchen mit Mäusen fest, dass der Transkriptionsfaktor NFATc4 zum einen für das Überleben der im adulten Hippocampus neugebildeten Neurone und zum anderen für das Kodieren der Hippocampus-abhängigen räumlichen Erinnerungen erforderlich ist. Darüber hinaus ist das Vorhandensein von NFATc4 auch eine Voraussetzung für die Plastizität der Synapsen im Hippocampus. Dass diese wiederum für die Bildung von Erinnerungen erforderlich ist, belegen elektrophysiologische Messungen (Langzeitpotenzierung, LTP), die in Zusammenarbeit mit Christine Pedroarena in der Abteilung Kognitive Neurologie am HIH durchgeführt wurden.

Die Autoren vermuten, dass die Regulierung der BDNF-NFATc4-Achse ein vielversprechender Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Strategien zur Behebung von Gedächtnisstörungen sein könnte, wie sie beispielsweise im Rahmen des normalen Alterungsprozesses oder infolge von Erkrankungen des Nervensystems auftreten. Denn an diesem Regelkreis könnte angesetzt werden, um das Überleben endogener Vorläuferzellen zu fördern und auf diese Weise die funktionelle Erholung des Gedächtnisses zu forcieren. Tatsächlich testet Giorgia Quadrato zurzeit die Möglichkeit einer Verstärkung der NFATc4-Signaltätigkeit, um bei Mäusen die Gedächtnisleistung nach einem Schlaganfall zu verbessern.

Originaltitel der Publikation: NFATc4 is required for BDNF-dependent survival of adult-born neurons and spatial memory formation in the hippocampus
Veröffentlicht in: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) 2012;
published ahead of print May 14, 2012, doi:10.1073/pnas.1202068109
Autoren: Giorgia Quadrato, Marco Benevento, Stefanie Alber, Carolin Jacob, Elisa M. Floriddia, Tuan Nguyen, Mohamed Y. Elnaggar, Christine Pedroarena, Jeffrey D. Molkentin, Simone Di Giovanni

Kontakte

Dr. Simone Di Giovanni
Hertie-Institut für klinische Hirnforschung am Universitätsklinikum Tübingen,
Abteilung: Neuroregeneration and Repair
Tel: 07071-29-80449
Mail: simone.digiovanni@medizin.uni-tuebingen.de
Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)
Externe Pressestelle:
Kirstin Ahrens
Tel.: 07073-500 724, Mobil: 0173 – 300 53 96
Mail : mail@kirstin-ahrens.de
http://www.hih-tuebingen.de
Universitätsklinikum Tübingen
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Ellen Katz
Telefon: 07071-2980112
Mail: ellen.katz@med.uni-tuebingen.de
http:// http://www.medizin.uni-tuebingen.de

Kirstin Ahrens | idw
Weitere Informationen:
http://www.hih-tuebingen.de
http://www.medizin.uni-tuebingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Aktuelle Therapiepfade und Studienübersicht zur CLL
20.10.2017 | Kompetenznetz Maligne Lymphome e.V.

nachricht Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt
18.10.2017 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise