Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Wege in der Kehlkopfkrebs-Therapie

05.06.2014

Wenn ein Tumor den Kehlkopf beschädigt und er entfernt werden muss, hat das für den Patienten weitreichende Folgen.

Ein neuer Therapieansatz für Kehlkopfkrebs erhöht die Chance auf den Erhalt des Kehlkopfes und die Überlebensrate der Patienten. Entwickelt wurde das Konzept von der Deutschen Larynx-Organerhalt-Studiengruppe (DeLOS) unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Dietz von der Universitätsmedizin Leipzig. Die Ergebnisse der Studie wurden vor kurzem auf dem Kongress der amerikanischen Krebsgesellschaft in Chicago der internationalen Fachwelt vorgestellt.

Der Kehlkopf hat für den Menschen zwei zentrale Funktionen: Sprechen und Schlucken. Diese Funktionen können durch einen Tumor eingeschränkt werden oder vollständig verloren gehen - für die Patienten ein erheblicher Verlust an Lebensqualität. Deshalb spielt der Organerhalt bei der Behandlung von Kehlkopfkrebs eine zentrale Rolle.

Etwa einer von 5000 Einwohnern in Deutschland erkrankt an Kehlkopfkrebs; der größte Risikofaktor ist Tabakkonsum. Ein erstes Anzeichen für die Krankheit ist Heiserkeit. In einem späteren Stadium können auch Schluckstörungen oder Blut im Speichel auf einen Tumor hindeuten. Zu Beginn der Krebserkrankung sind nur Teile des Organs betroffen, die sich herausoperieren lassen, der Kehlkopf bleibt erhalten. "Bei einem großen Tumor, der das Organ beschädigt, ist die Entfernung des kompletten Kehlkopfes die sauberste Form der Krebsbehandlung", erklärt Prof. Dr. Andreas Dietz, Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Leipzig.

Organerhalt als oberstes Ziel

Seit vielen Jahren beschäftigen sich Krebsforscher weltweit mit Organerhaltungsprogrammen als Alternativen zu dieser operativen Kehlkopfentfernung. Üblich ist für die Behandlung eine Kombination aus Chemotherapie und Bestrahlung. Das Problem des herkömmlichen Weges: Vor Therapiebeginn ist der Erfolg der Behandlung schlecht einzuschätzen. Wer die Therapie gut verträgt und den Tumor damit besiegen kann, muss nicht mehr operiert werden und kann seinen Kehlkopf behalten. Wenn dagegen nach rund dreieinhalb Monaten noch ein Rest des Tumors vorhanden ist, kann dieser zwar noch operiert werden - allerdings ist das Gewebe um den Kehlkopf herum dann stark beschädigt und heilt nur noch schlecht; die Folgen sind etwa offene Wunden.

Neuer Therapieansatz verbessert Organerhalts- und Überlebensrate

Andreas Dietz und seine Forschungsgruppe DeLOS haben deshalb einen neuen Ansatz erarbeitet und getestet. Er unterscheidet zu Therapiebeginn diejenigen Patienten, bei denen die Therapie erfolgreich verlaufen wird, von jenen, die darauf nicht ansprechen werden. Die Forscher änderten zunächst den Therapieablauf und begannen allein mit der Chemotherapie in drei mehrtägigen Zyklen im Abstand von zwei bis drei Wochen. Bereits nach dem ersten Zyklus wurde die Tumorentwicklung überprüft. War er mindestens etwa 30 Prozent kleiner geworden, wurde die Chemotherapie mit den restlichen zwei Zyklen und anschließender Bestrahlung fortgesetzt. Das war bei etwa zwei Dritteln der insgesamt 180 Erkrankten der Fall. Diejenigen Patienten, die nicht angesprochen hatten, wurden aus dem Programm herausgenommen und sofort operiert, solange ihr Gewebe noch nicht durch die aggressive Chemotherapie geschädigt war, um Wundheilungsstörungen zu vermeiden.

Zusätzlich zu der frühen Einschätzung über den Therapieverlauf haben die Forscher zwei Chemotherapien miteinander verglichen. Einem Teil der Patienten gaben sie zusätzlich den Antikörper Cetuximab, der bereits an anderer Stelle in Krebstherapien eingesetzt wird, und erzielten damit ein noch besseres Ergebnis. Der Antikörper löst erstens eine Entzündungsreaktion um den Tumor herum aus und aktiviert damit das Immunsystem, zweitens hemmt er das Tumorwachstum. Durch diese Vorgehensweise wurden die Überlebensrate und der Organerhalt bei den Patienten signifikant verbessert.

Präsentation der Studie vor der internationalen Fachwelt

Die DeLOS-Studie lief von 2008 bis 2012 an 25 Kliniken in Deutschland und Österreich. Ihre Ergebnisse wurden am vergangenen Wochenende in Chicago auf dem Kongress der amerikanischen Krebsgesellschaft American Society of Clinical Oncology (ASCO), einem der wichtigsten Krebsforschungskongresse weltweit, vor rund 35.000 Teilnehmern aus aller Welt vorgestellt und von der Gesellschaft als ein Höhepunkt der Forschungsarbeit des vergangenen Jahres bewertet. "Der Kongress der ASCO nimmt Einfluss auf die Krebstherapie wie kein anderer", sagt Dietz. "Dort unter den tausenden eingereichten Therapieergebnissen ausgewählt zu werden, ist eine herausragende Wertschätzung, die international die Therapie der Kehlkopftumore verändern kann. Wir freuen uns, mit der Universitätsmedizin Leipzig Zentrum dieser Bewegung zu sein."


Silvia Lauppe

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Andreas Dietz
Telefon: +49 341 97-21700
E-Mail: andreas.dietz@medizin.uni-leipzig.de
Web: http://hno.uniklinikum-leipzig.de

Diana Smikalla | Universität Leipzig

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics