Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Ursache für Immun-Neuropathien entdeckt

01.08.2016

Würzburger Neurologen haben Antikörper entdeckt, die an der Entstehung bestimmter Formen von Nervenleiden beteiligt sind. Damit konnten sie auch den Weg für eine erfolgreiche Therapie dieser Krankheiten aufzeigen.

Patienten mit sogenannten Immun-Neuropathien haben oft eine lange Krankengeschichte: Da es keinen diagnostischen Test gibt, der die Erkrankung sicher nachweisen kann, wird die Diagnose oft sehr spät gestellt, und es kann zu Fehldiagnosen kommen. Entsprechend vergehen oft viele Jahre bis eine Therapie erfolgt. Allerdings sprechen auch bei raschem Therapiebeginn nicht alle Patienten auf die Medikamente der ersten Wahl an.


Bindung von Patientenserum an Ranvierschen Schnürringen.

Foto: Kathrin Doppler

Als Ursache dieser Neuropathien wird ein Autoimmunprozess angenommen, bei dem sich das eigene Immunsystem gegen Bestandteile der Nervenfasern richtet und diese zerstört. „Wie genau dieser Mechanismus abläuft, ist noch weitgehend unklar. Das erschwert natürlich die Entwicklung zielgerichteter Medikamente“, sagt Dr. Kathrin Doppler, Fachärztin an der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Würzburger Universitätsklinikums.

Publikation in Brain

Einen potenziellen Auslöser solcher Neuropathien hat Kathrin Doppler zusammen mit der Medizindoktorandin Luise Appeltshauser und Claudia Sommer, leitende Oberärztin und Professorin für Neurologie, jetzt in einer neuen Studie identifiziert. Die Ergebnisse ihrer Arbeit stellen sie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Brain vor.

„Wir konnten feststellen, dass bei einem Teil der Patienten Antikörper gegen das Protein Caspr vorliegen“, schildert Kathrin Doppler das zentrale Ergebnis dieser Studie. Caspr ist am Aufbau der sogenannten Ranvierschen Schnürringe beteiligt – einer Struktur an der Nervenfaser, die besonders wichtig für die Weiterleitung von Nervenimpulsen ist. Die Wissenschaftlerinnen konnten zeigen, dass bei Patienten mit Antikörpern gegen Caspr der Aufbau der Ranvierschen Schnürringe zerstört wird und die Nervenleitung stark beeinträchtigt ist.

Erfolgreiche Therapie bei Betroffenen

In ihrer Studie untersuchten die Würzburger Forscherinnen 35 Patienten mit chronisch inflammatorischer demyelinisierender Polyneuropathie (CIDP), einer chronischen Form der Nervenentzündung, und 22 Patienten mit Guillain-Barré-Syndrom, einer akuten Form. Bei jeweils einem Patienten mit CIDP und mit Guillain-Barré-Syndrom konnten die Antikörper gegen das Protein Caspr im Blut nachgewiesen werden. Darüber hinaus konnten die Wissenschaftlerinnen zeigen, dass die Antikörperbildung bei diesen Patienten durch das Medikament Rituximab gehemmt werden kann und die Symptome sich dadurch zurückbilden.

Auch wenn Antikörper gegen Caspr nur bei einem kleinen Teil der Patienten nachweisbar sind, so sind Antikörper-assoziierte Immun-Neuropathien insgesamt vermutlich häufiger, als bislang angenommen. Caspr ist nämlich schon das dritte Protein in diesem Bereich des Ranvierschen Schnürrings, gegen das nun Autoantikörper nachgewiesen wurden. Neben den Würzburger Neurologinnen haben in den vergangenen Jahren auch Wissenschaftler aus Spanien und Japan Autoantikörper gegen zwei andere Schnürringproteine, Contactin-1 und Neurofascin-155, bei Patienten mit Immun-Neuropathien nachweisen können.

Hoffnung auf eine bessere Diagnose

„Unsere Studie bestärkt die Annahme aus den Vorläuferstudien, dass Patienten mit Antikörpern gegen Proteine des Ranvierschen Schnürrings charakteristische Merkmale aufweisen“, sagt Kathrin Doppler. Das heißt: Die Erkrankung entwickelt sich schnell, führt zu schweren Lähmungen und spricht schlecht auf die übliche Therapie mit Kortikosteroiden oder Immunglobulinen an, sehr gut hingegen auf eine Therapie mit Rituximab.

Bei den beiden Patienten mit Caspr-Antikörpern konnten die Würzburger Neurologen als weiteres charakteristisches Merkmal starke Nervenschmerzen feststellen. Bei Patienten mit Antikörpern gegen die beiden anderen Proteine – Neurofascin-155 und Contactin-1 – gilt hingegen ein ausgeprägtes Zittern bei zielgerichteten Bewegungen als typisch.

Nach Aussage der Würzburger Wissenschaftlerinnen gibt diese Studie Anlass zur Hoffnung, dass zumindest bei einem Teil der Patienten mit entzündlicher Neuropathie eine Ursache identifiziert werden kann, und dass diese Patienten durch einen einfachen Bluttest auf das Vorliegen der Autoantikörper identifiziert und zielgerichtet behandelt werden können.

Auto-antibodies to contactin-associated protein 1 (Caspr) in two patients with painful inflammatory neuropathy. Doppler K, Appeltshauser L, Villmann C, Martin C, Peles E, Krämer HH, Haarmann A, Buttmann M, Sommer C.Brain. 2016 Jul 29. DOI: 10.1093/brain/aww189

Kontakt

Dr. Kathrin Doppler, T: (0931) 201-23787, Doppler_k@ukw.de

Prof. Dr. Claudia Sommer, sommer@uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Schnelltests für genauere Diagnose bei Hirntumoren
17.05.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

nachricht Antibiotikaresistenz – schneller und zuverlässiger Nachweis
14.05.2018 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Im Focus: Positronen leuchten besser

Leuchtstoffe werden schon lange benutzt, im Alltag zum Beispiel im Bildschirm von Fernsehgeräten oder in PC-Monitoren, in der Wissenschaft zum Untersuchen von Plasmen, Teilchen- oder Antiteilchenstrahlen. Gleich ob Teilchen oder Antiteilchen – treffen sie auf einen Leuchtstoff auf, regen sie ihn zum Lumineszieren an. Unbekannt war jedoch bisher, dass die Lichtausbeute mit Elektronen wesentlich niedriger ist als mit Positronen, ihren Antiteilchen. Dies hat Dr. Eve Stenson im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald jetzt beim Vorbereiten von Experimenten mit Materie-Antimaterie-Plasmen entdeckt.

„Wäre Antimaterie nicht so schwierig herzustellen, könnte man auf eine Ära hochleuchtender Niederspannungs-Displays hoffen, in der die Leuchtschirme nicht von...

Im Focus: Erklärung für rätselhafte Quantenoszillationen gefunden

Sogenannte Quanten-Vielteilchen-„Scars“ lassen Quantensysteme länger außerhalb des Gleichgewichtszustandes verweilen. Studie wurde in Nature Physics veröffentlicht

Forschern der Harvard Universität und des MIT war es vor kurzem gelungen, eine Rekordzahl von 53 Atomen einzufangen und ihren Quantenzustand einzeln zu...

Im Focus: Explanation for puzzling quantum oscillations has been found

So-called quantum many-body scars allow quantum systems to stay out of equilibrium much longer, explaining experiment | Study published in Nature Physics

Recently, researchers from Harvard and MIT succeeded in trapping a record 53 atoms and individually controlling their quantum state, realizing what is called a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

Tagung »Anlagenbau und -betrieb der Zukunft«

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

18.05.2018 | Physik Astronomie

Countdown für Kilogramm, Kelvin und Co.

18.05.2018 | Physik Astronomie

Wie Immunzellen Bakterien mit Säure töten

18.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics