Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Therapien gegen Krebs

13.10.2009
Mit wohl dosierten Eingriffen in den Informationsfluss von Tumorzellen wollen Würzburger Wissenschaftler Krebs bekämpfen. Dazu müssen sie jedoch zunächst deren Signalnetzwerk möglichst exakt kennen. Eine neue klinische Forschergruppe arbeitet in den kommenden Jahren daran.

Die Vorstellung, dass ein kleiner Defekt im Erbmaterial ausreicht, um eine normale Körperzelle in eine Tumorzelle zu verwandeln, ist zwar weit verbreitet - stimmt aber nicht unbedingt mit der Realität überein. "Wir verfolgen die Hypothese, dass Tumoren schrittweise entstehen, wenn mehrere Ereignisse geschehen und sich in ihrer Wirkung addieren", erklärt Professor Ralf Bargou.

Acht Millionen Euro für den Kampf gegen Krebs

Bargou ist wissenschaftlicher Leiter der neuen klinischen Forschergruppe an der Universität Würzburg, die vor Kurzem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingerichtet wurde. Die Gruppe will an einer bestimmten Art von Knochenmarkkrebs, dem Multiplen Myelom, neue Therapiemöglichkeiten entwickeln, die im Erfolgsfall auch bei anderen Krebsarten zum Einsatz kommen könnten. Sprecher der Gruppe ist der Leiter der Medizinischen Klinik II, Professor Hermann Einsele. Acht Millionen Euro stehen dafür in den kommenden sechs Jahren zur Verfügung.

Wie Krebs entsteht

Die Mitglieder der Forschergruppe sind davon überzeugt, dass nicht eine Veränderung im Erbgut alleine dafür verantwortlich ist, wenn sich Zellen unkontrolliert teilen und vermehren. Sie haben die Komplexität eines großen Systems im Auge. "Zellen tauschen Informationen auf den unterschiedlichsten Wegen untereinander aus", sagt Bargou. Geht es um Teilung und Wachstum, würden etliche solcher Signalwege eine Rolle spielen, die sich auch noch gegenseitig beeinflussen. Auf diese Weise entsteht ein Signalnetzwerk, das erst dann aus dem Ruder läuft, wenn die Störungen an zentralen Stellen auftauchen oder wenn mehrere Schäden sich in ihrer Wirkung verstärken.

Blockaden an zentralen Stellen

"Unser Ziel ist es, dieses Signalnetzwerk mit allen seinen Komponenten so gut wie möglich zu verstehen und dann die Stellen zu identifizieren, die sich für einen effizienten therapeutischen Ansatz anbieten", sagt Bargou. Ist solch ein Ansatzpunkt erst gefunden, können die Mediziner im Idealfall dort Substanzen - so genannte Inhibitoren - andocken lassen, die den Informationsfluss im Netzwerk blockieren. "Wir hoffen, dass auf diese Weise das Signalnetzwerk zusammenbricht und das Wachstum des Tumors gestoppt wird", so Bargou.

Erste Studien am Krankenbett

Im Fall des Multiplen Myeloms haben die Würzburger Wissenschaftler bereits solch eine Komponente entdeckt, die eine wichtige Rolle spielt, wenn es darum geht, das Signalnetzwerk aufrecht zu erhalten. Auch der Stoff, der diese Komponente blockieren kann, ist bekannt - und seit Kurzem an Patienten in Erprobung. Dabei zeigt sich allerdings auch, wie komplex das Geschehen ist: "Wir mussten feststellen, dass die alleinige Blockade dieser Komponente nicht ausreicht, um den Tumor zu stoppen", sagt Bargou. Deshalb würden jetzt weitere, zusätzliche Inhibitoren gesucht.

Auf das Multiple Myelom konzentriert sich die Forschergruppe, weil diese Krankheit schon seit Jahren ein ausgewiesener klinischer Forschungsschwerpunkt des Universitätsklinikums Würzburg ist. "Auf diesem Gebiet haben wir die meiste wissenschaftliche und klinische Expertise", so Bargou.

Rasche Umsetzung in die Klinik

In den kommenden Monaten werden die Wissenschaftler das Signalnetzwerk der Tumoren zunächst an Zellkulturmodellen analysieren, bevor sie im nächsten Schritt auch genetisch veränderte Tiere in ihre Versuche mit einbeziehen. Doch dabei soll es nicht bleiben: Durch die enge Anbindung der Forschungsgruppe an die so genannte Early Clinical Trial Unit sollen auch Patienten möglichst rasch von den Erkenntnissen der Wissenschaftler profitieren.

In der Early Clinical Trial Unit werden Tumorpatienten, für die es mit herkömmlichen Verfahren keine Heilungschancen mehr gibt, ausschließlich mit neuen Therapien behandelt. Patienten bekommen dort also frühen Zugang zu möglichen neuen Behandlungsverfahren. "Wir verfügen damit über die Voraussetzungen, die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung im Rahmen klinischer Studien rasch in die klinische Praxis umzusetzen", sagt Ralf Bargou, der die Early Clinical Trial Unit an der Medizinischen Klinik II leitet.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Damit dieses Ziel tatsächlich erreicht werden kann, arbeiten in der klinischen Forschergruppe Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zusammen. Daran beteiligt sind neben der Medizinischen Klinik II das Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie, das Institut für Organische Chemie, das Institut für Virologie und Immunbiologie, das Institut für Pathologie und die Biochemie der Universität Würzburg. Des Weiteren besteht eine enge Kooperation mit Wissenschaftlern und Ärzten der Klinik für Innere Medizin II der Universität Ulm.

Kontakt: Prof. Dr. Ralf C. Bargou, T (0931) 201-70280, bargou_r@klinik.uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie