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Neue Leitlinie unterstreicht Bedeutung der Selbsthilfe für manisch-depressive Patienten

02.08.2012
Dresdner Psychiater schließen mehrjähriges Projekt für erste evidenz- und konsensbasierte Leitlinie zu Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen für Deutschland ab

Fünf Jahre lang arbeiteten Psychiater, Psychotherapeuten, Fachgesellschaften sowie Patienten- und Angehörigenvertreter eng zusammen, um eine wissenschaftlich fundierte wie auch allgemein akzeptierte Leitlinie zur Diagnose und Behandlung sogenannter bipolarer (ehemals manisch-depressive) Erkrankungen zu schaffen.

Verantwortlich für die Koordination und einen großen Teil der wissenschaftlichen Arbeit war die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden. Im Mittelpunkt des 500-seitigen Werks stehen detaillierte Empfehlungen zur richtigen Versorgung manisch-depressiver Patienten. Das Besondere der neuen Leitlinie ist darüber hinaus deren Nähe zu den aktuellen Erkenntnissen aus der alltäglichen Betreuung von Betroffenen: Die Darstellung beruht auf dem Konsens aller Beteiligten und berücksichtigt die wissenschaftlich belegten Effekte der unterschiedlichen Mittel der Versorgung. Damit erfüllt dieses Regelwerk die Ansprüche einer S3-Leitlinie.

Neben den Beschreibungen zu Diagnose- und Auswertungsverfahren sowie den Empfehlungen zur medikamentösen wie psychotherapeutischen Behandlung stehen unterschiedliche Elemente der Selbsthilfe für die Betroffenen im Mittelpunkt der neuen Leitlinie. Sie empfiehlt den flächendeckenden Aufbau von Selbsthilfegruppen ebenso wie die Selbstbeobachtung der Betroffenen, z.B. mit Hilfe eines elektronischen Stimmungskalenders. Zudem empfehlen die Autoren den Aufbau von Spezialambulanzen, um Diagnostik und Therapie von besonders schwer betroffenen Patienten zu verbessern.

„Ich fühle mich himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt: Im ersten Moment will ich mir die Welt untertan machen, im nächsten will ich sie verlassen!" – so beschreibt Johann Wolfgang von Goethe im dritten Aufzug des Trauerspiels Egmont einen Zustand, den Manisch-Depressive zur Genüge kennen. Doch gerade im Frühstadium der Krankheit, in der die Betroffenen noch am besten behandelt werden können, fehlt es oft an Wissen für die richtige Diagnosestellung. „Mit der S-3-Leitlinie möchten wir allen Beteiligten eine Entscheidungshilfe anhand krankheitsspezifischer Informationen und Empfehlungen zu Diagnostik und Therapie zur Verfügung stellen“, sagt Professor Michael Bauer.

Der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie weist dabei auf den Umstand hin, dass Bipolare Störungen oft sehr spät diagnostiziert werden. Dies liegt u.a. daran, dass zwar die depressiven Phasen der Erkrankung gut erkennbar sind, der Umschwung in eine positive – im krankhaften Sinne manische – Stimmung dagegen nicht. „Patienten, die plötzlich sehr gut drauf sind, suchen deswegen keinen Arzt auf“, sagt Prof. Andrea Pfennig, die das Früherkennungszentrum der Klinik leitet.

Etwa drei Prozent der Bevölkerung von Bipolaren Störungen betroffen

Durch eine zu spät einsetzende Therapie verschlechtern sich die Chancen der Betroffenen, ein normales, geregeltes Leben zu führen. Der Abbruch der Ausbildung oder auch soziale Isolation können die Betroffenen in einen Abwärtsstrudel ziehen. „Bipolare Störungen sind schwerwiegende, häufig immer wieder auftauchende psychiatrische Erkrankungen, die etwa drei Prozent der Bevölkerung im Verlauf ihres Lebens treffen. Häufig manifestieren sie sich bereits bei Jugendlichen und oder bei jungen Erwachsen“, erklärt Prof. Bauer.

„Übergeordnetes Ziel jeder Behandlung ist es, die psychosozialen Fähigkeiten des Patienten auf einem möglichst hohen Niveau zu halten. Wenn Betroffenen eine umfangreiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist – etwa durch eine Berufsausbildung, ein festes Arbeitsverhältnis und vielleicht eine eigene Familie – beeinflusst dies die gesundheitsbezogene Lebensqualität erheblich“, sagt Prof. Pfennig. Ohne eine qualifizierte, flächendeckende Versorgung der Patienten sind Berufsunfähigkeit und komplizierte Verläufe häufige Folgen.

Daraus erwächst neben dem individuellen auch ein volkswirtschaftliches Problem.

Die neue S3-Leitlinie zu den Bipolaren Störungen verfolgt ganz unterschiedliche Ziele. So soll sie den behandelnden Ärzten Hinweis dazu geben, wie sich im Rahmen einer Akutbehandlung kurzfristig die Symptome von Depression oder Manie reduzieren lassen. Ein längerfristiges Ziel ist es, dem phasenweisen Auftritt der Erkrankung entgegenzuwirken oder dies ganz zu verhindern. „Mit dem wachsendem Wissensstand zur Behandlung Bipolarer Störungen und des damit verbundenen Erkennens der Komplexität der Erkrankung ist das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Phasenprophylaxe deutlich gewachsen. Sie muss bereits bei der Akutbehandlung berücksichtigt werden“, sagt Prof. Bauer. Dies schlägt sich nun in der neuen Leitlinie nieder. Sie enthält konkrete wie detaillierte Empfehlungen zur Diagnostik und Behandlung Erkrankter in akuten Phasen und im Rahmen der Phasenprophylaxe.

Ein weiterer Schwerpunkt der neuen Leitlinie sind die Selbsthilfegruppen: Sie haben bei Bipolaren Störungen einen besonderen Stellenwert, weil sie die vorhandene soziale Kompetenz und Sensibilität stärken. Der persönliche Austausch mit anderen Betroffenen wirkt der krankheitstypischen Kränkung des Selbstwertgefühls der Patienten ebenso entgegen wie der gestörten Zeitwahrnehmung. „Die Selbsthilfegruppen können bei dem Einzelnen u.a. das Gefühl der ‚Ewigkeit‘ der Depression relativieren und die damit einhergehende Verzweiflung lindern“, erklärt Prof. Pfennig.

Um die Situation der manisch-depressiven Patienten perspektivisch zu verbessern, definiert die S3-Leitlinie die Voraussetzungen für eine bestmögliche Versorgung. „Derzeit fehlt in Deutschland beispielsweise ein flächendeckendes Netz an Selbsthilfegruppen ebenso wie eine ausreichende Zahl an Spezialambulanzen“, betont der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Die am Dresdner Universitätsklinikum etablierte Spezialambulanz ist die einzige in Sachsen. So müssen die Patienten weite Wege in Kauf nehmen, um von einem Spezialisten-Team behandelt zu werden.

Betroffene und Angehörige unterstützten Projektarbeit ehrenamtlich

Initiiert durch die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. (DGBS) wurde die S3-Leitlinie in einem gemeinsamen Projekt mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) sowie mit Unterstützung durch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) entwickelt. Projektleitung und -koordination übernahm dann die Arbeitsgruppe um den Dresdner Klinikdirektor Prof. Michael Bauer. Um einen breiten Konsens herzustellen, beteiligten sich Vertreter von Patienten- und Angehörigenverbänden ebenso an dem Projekt, wie Organisationen, die Menschen mit Bipolaren Störungen professionell versorgen.

Dies sind vor allem Beratungsstellen, Betreuungseinrichtungen, Ärzte und Therapeuten mit eigener Praxis, Spezialisten in den Krankenhäusern sowie Vertreter der entsprechenden Fachgesellschaften: „Alle Beteiligten haben über Jahre mit enormem Engagement ehrenamtlich dazu beigetragen, eine Leitlinie im Sinne dieses Trialog-Gedankens zu schaffen“, zieht Prof. Bauer Resümee.

Wichtiges Merkmal der S3-Leitlinie ist, dass dafür in einem ersten Schritt wissenschaftliche Erkenntnisse zusammengetragen und kritisch bewertet wurden.

Im Fall der S3-Leitlinie zu den Bipolaren Störungen analysierte das Dresdner Team Dokumente der letzten 60 Jahre. Es folgte der formale, strukturierte Konsensusprozess. „Mit der Veröffentlichung der Leitlinie beginnt nun der Prozess der Verbreitung und Einführung in die Praxis“, formuliert Projektleiter Prof. Bauer die nun anstehenden Ziele der Leitlinienentwickler. „Wir erhoffen uns eine konstruktive Diskussion mit den Nutzern. Damit möchten wir uns weiter dem Ziel nähern, Menschen mit Bipolaren Störungen flächendeckend besser versorgen zu können“ ergänzt Projektkoordinatorin Prof. Andrea Pfennig.

Neue Leitlinie ist online abrufbar

Die Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen für Deutschland kann kostenlos abgerufen werden unter www.leitlinie-bipolar.de.

Kontakt
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Direktor: Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Michael Bauer
Tel. 0351/ 4 58 27 60
E-Mail: michael.bauer@uniklinikum-dresden.de

Holger Ostermeyer | idw
Weitere Informationen:
http://www.uniklinikum-dresden.de/psy

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