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Neue Erkenntnisse zur Prävention von Gefäßerkrankungen bei Diabetes Typ 2

04.09.2009
Herzinfarkt und Schlaganfall sind eine häufige Folge der Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus. Eine blutgerinnungshemmende, antithrombotische Therapie im Rahmen der Diabetes-Behandlung erscheint somit sinnvoll.

"Neue Erkenntnisse lassen jedoch vermuten, dass Patienten mit Typ-2-Diabetes ohne ein vorheriges Gefäßereignis wie Herzinfarkt oder Schlaganfall von einer solchen Therapie insgesamt nicht profitieren und auch Nachteile durch Nebenwirkungen wie zum Beispiel Magen-Darmblutungen haben". Darauf weist Professor Dr. med. Helmut Schatz, Bochum, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), hin.

Für die antithrombotische Therapie stehen mehrere Medikamente zur Auswahl, insbesondere Acetylsalicylsäure (ASS). Bisherige Untersuchungen zeigen, dass Aspirin die Anzahl von kardiovaskulären Gefäßerkrankungen senken kann: In einer kürzlich durchgeführten Meta-Analyse mehreren Studien, die 95 000 Menschen aus der Allgemeinbevölkerung einschloss - veröffentlicht in der Fachzeitschrift Lancet (2009; 373, 1849-60) - lag die Anzahl der kardiovaskulären Ereignisse unter Einnahme von Aspirin um zwölf Prozent niedriger als ohne. Dem stand jedoch eine signifikante Zunahme an Blutungen insbesondere aus dem Magen-Darmtrakt gegenüber. Insgesamt wurde ein "Netto-Nutzen" von Aspirin für die Allgemeinbevölkerung als fraglich eingestuft.

In die gleiche Richtung weist auch die Studie "Aspirin for Asymptomatic Atherosclerosis (AAA)", die Georg Fowkes, Edingburgh, Ende August 2009 auf dem Europäischen Kardiologenkongress in Barcelona vorstellte. Die Wissenschaftler untersuchten 29 000 schottische Frauen und Männer auf Erkrankungen der Gefäße. Sie fanden 3350 Teilnehmer mit Hinweisen auf eine beginnende, asymptomatische Atherosklerose, jedoch ohne Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Hälfte der Teilnehmer erhielt täglich 100 Milligramm Aspirin (ASS), die andere Hälfte ein Plazebo. Im Schnitt wurden die Personen 8,2 Jahre lang beobachtet und kardiovaskuläre Ereignisse erfasst. Ergebnis: Das Aspirin zeigte keine erkennbaren Vorteile bezüglich Gefäßerkrankungen.

Menschen mit Diabetes sind Hochrisikopatienten für Herz-Kreislauferkrankungen. Die Annahme war bisher, dass bei ihnen weniger gefäßbedingte Erkrankungen durch die Einnahme von Aspirin auftreten. Diese sogenannte "Primärprävention" wird deshalb von der Amerikanischen Diabetesgesellschaft (ADA) empfohlen. Auch die Praxisleitlinie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) vom Jahre 2008 führt Aspirin an.

Inzwischen mehren sich aber die Arbeiten, welche gegen den Einsatz von Aspirin in der Primärprävention von Herz-Gefäßkomplikationen bei Diabetespatienten sprechen. So zeigten sich in der japanische Studie "Japanese Primary Prevention of Atherosclerosis with Aspirin for Diabetes" (JPAD) - veröffentlicht in der Fachzeitschrift JAMA (2008; 300, 2134-41) - nicht die erwarteten Vorteile, wenn Typ-2-Diabetiker Aspirin einnehmen.

Eine schwedische Arbeit fand sogar eine erhöhte Sterblichkeit von Diabetespatienten ohne vorausgegangene kardiovaskuläre Ereignisse unter Aspirin: "Aspirin increases mortality in diabetic patients without cardiovascular disease: a Swedish record linkage study" (Pharmacoepidemiol Drug Safety, Wiley, London, August 2009). Die Mortalität stieg signifikant bei 50-Jährigen um 17 Prozent, bei 85-Jährigen um 29 Prozent. Günstig waren hingegen die Ergebnisse bei der sogenannten Sekundärprävention: Hatten die Teilnehmer bereits einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall, tendierte die Sterblichkeit mit Einnahme von Aspirin zu niedrigeren Zahlen als ohne Aspirin. Die Autoren dieser Studie, L. Welin et al., fordern, die Leitlinien zu revidieren. Mit einer eventuellen Empfehlung von Aspirin zur Primärprävention bei Diabetes solle abgewartet werden, bis die Resultate größerer, randomisierter kontrollierter Studien vorliegen.

"Wir müssen also noch stärker als bisher abwägen, ob eine antithrombotische Therapie mit Aspirin bei Diabetes sinnvoll ist oder nicht, und auch die Nebenwirkungen wie Magen-Darmblutungen bedenken", betont Professor Schatz. Zur primären Verhütung von Herzinfarkt und Schlaganfall ist dies nach den jetzt vorliegenden, neuen Studien offenbar nicht der Fall.

Eine Folge der Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus ist ein hohes Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Das Blut von Diabetespatienten gerinnt schneller, da die Blutplättchen sich leichter vernetzen. Die Folgen sind Verklumpungen beziehungsweise Gerinnsel im Blut, sogenannte Thrombosen, welche die Herz- und Hirngefäße verstopfen können. Diabetes mellitus gilt daher als besonderer Risikofaktor für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Mehr als drei Viertel der Diabetiker versterben an Folgen von Durchblutungsstörungen in diesen Gefäßen. Um die Gefahr zu senken, empfehlen viele wissenschaftliche Gremien eine antithrombotische Therapie, welche jedoch nicht generell, sondern individuell und abgestimmt auf die Vorgeschichte des Patienten erfolgen sollte.

Kontakt:

Pressestelle
Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie
Beate Schweizer
Pf 30 11 20, 70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931 295, Fax: 0711 8931 167
Schweizer@medizinkommunikation.org

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http://www.endokrinologie.net

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