Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Multiple Sklerose: Den Therapieerfolg vorhersagen

23.12.2013
Menschen mit Multipler Sklerose leiden häufig unter einer Gangstörung. Ein Medikament das ihnen helfen kann, wirkt allerdings nur bei weniger als der Hälfte der Patienten. Mediziner der Neurologischen Uniklinik Würzburg haben jetzt eine Methode entwickelt, den Behandlungserfolg vorherzusagen.

Bei Menschen, die an einer Multiplen Sklerose (MS) erkrankt sind, finden sich Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark, die in Abhängigkeit von ihre Lage und Größe mehr oder weniger schwere Symptome hervorrufen. Viele Patienten leiden unter einer Gangstörung, die sie im Alltag stark einschränkt.

Mittel der Wahl ist in diesem Fall der Wirkstoff Fampridin, der seit 2011 in Deutschland zugelassen ist. Er blockiert Kaliumkanäle auf der Oberfläche von Nervenzellausläufern und kann damit die Leitfähigkeit der Nervenfasern verbessern. Viele Betroffene können nach der Einnahme von Fampridin wieder schneller gehen; gleichzeitig berichten sie, dass sie sich beim Gehen sicherer fühlen.

Allerdings haben Studien bereits vor der Zulassung von Fampridin gezeigt, dass weniger als die Hälfte der Patienten mit MS tatsächlich von der Einnahme des Präparates profitieren. Bei den übrigen ändert sich ihre Gehfähigkeit nicht. Deshalb müssen Ärzte heute das Medikament ihren Patienten erst einmal für zwei Wochen zur Probe geben. Nur wenn sich die Gehfähigkeit nach dieser Zeit deutlich verbessert hat, dürfen sie das Mittel dauerhaft verschreiben.

Magnetstimulation zur Vorhersage des Therapieerfolgs

Eine Methode, den Therapieerfolg vorherzusagen, haben jetzt Wissenschaftler der Universität Würzburg entwickelt. Das Team um die Mediziner Dr. Daniel Zeller und Dr. Mathias Buttmann setzt dafür auf die sogenannte transkranielle Magnetstimulation – eine schmerzlose Untersuchungstechnik, die ohne den Einsatz schädlicher Strahlen arbeiten und die schon seit vielen Jahren bei klinischen Routinemessungen verwendet wird. Die Ergebnisse ihrer Arbeit haben die Forscher jetzt im Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry veröffentlicht.

„Wir haben den Zusammenhang zwischen der Leitgeschwindigkeit motorischer Bahnen im zentralen Nervensystem und dem Ansprechen der Gangstörung auf Fampridin bei Patienten mit MS genauer untersucht“, beschreibt Daniel Zeller die Studie. Ihre Ergebnisse sind eindeutig: „Mit Hilfe der Magnetstimulation lässt sich bereits im Voraus sagen, ob Fampridin bei dem jeweiligen Patienten eine Verbesserung der Gehfähigkeit bewirkt“, so der Mediziner.

Die Studie

20 an MS erkrankte Patienten haben die Wissenschaftler in dieser Studie untersucht. Vor dem Behandlungsbeginn mit Fampridin haben sie mit Hilfe der transkraniellen Magnetstimulation die sogenannte zentralmotorische Latenz (ZML) bestimmt. Das ist die Zeit, die ein elektrischer Impuls benötigt, um von der Hirnrinde bis zur Nervenwurzel auf Höhe der Wirbelsäule zu gelangen. „Die zentralmotorische Latenz spiegelt in erster Linie den Schädigungsgrad motorischer Bahnen infolge entzündlicher Entmarkungsherde wider“, erklärt Zeller.

Ebenfalls vor Behandlungsbeginn sowie zusätzlich am Tag 14 der Einnahme von Fampridin haben die Wissenschaftler die Gehgeschwindigkeit ihrer Studienteilnehmer gemessen. Erst wenn die Geschwindigkeit über zwei verschiedene Distanzen um mindestens 20 Prozent gestiegen war, werteten sie dies als Therapieerfolg.

Die Ergebnisse

Dabei zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der ZML und der Änderungen der Gehgeschwindigkeit während der Einnahme von Fampridin: Je deutlicher die ZML vor Therapie verlängert war, desto besser sprachen die Patienten auf das Medikament an. Darüber hinaus war die durchschnittliche ZML vor Therapiebeginn in der Gruppe der Therapie-Ansprecher (Responder) signifikant höher als bei denjenigen Patienten, die nicht auf Fampridin ansprachen (Non-Responder). Dasselbe Ergebnis zeigte sich auch, als die Wissenschaftler das Ansprechkriterium auf eine zehnprozentige Verbesserung in beiden Gehstrecken lockerten.

Zusammengefasst zeigt die Studie: Allen Patienten mit einer normalen ZML brachte die Einnahme von Fampridin keine Verbesserungen der Gehgeschwindigkeit. Alle Teilnehmer, bei denen das Medikament Wirkung zeigte, hatten vor Beginn der Therapie eine verlängerte ZML. Und nur bei einem Teil der Patienten mit einer verlängerten ZML blieb die Fampridin-Therapie erfolglos.

„Dieses Ergebnis ist gut mit dem vermuteten Wirkmechanismus von Fampridin vereinbar“, sagt Daniel Zeller. Schließlich verbessert der Wirkstoff die Reizleitung in zentralen Leitungsbahnen und deren Leitgeschwindigkeit.

Insbesondere aber weist die Studie darauf hin, dass MS-Patienten mit einer normalen zentralen Leitungszeit höchst wahrscheinlich nicht von Fampridin profitieren werden, während eine ZML-Verlängerung vor Therapiebeginn die Chance auf ein Ansprechen erhöht. Sollten sich diese Ergebnisse im Rahmen einer größeren Studie bestätigen, könnte die Magnetstimulation für Neurologen im klinischen Alltag nützlich sein, die Chancen eines Therapieversuches mit Fampridin bereits im Voraus abzuschätzen und dadurch unnötige Behandlungsversuche mit Fampridin zu vermeiden.

Stichwort Transkranielle Magnetstimulation

Bei der Transkraniellen Magnetstimulation legen Ärzte eine ringförmige Magnetspule im Bereich des Schädels an. Diese Spule erzeugt ein sich rasch änderndes Magnetfeld, das magnetische Impulse durch die Schädeldecke ins Gehirn schickt. Dort löst es in den Neuronen ein Aktionspotential aus, die Nervenzelle leitet einen Impuls weiter, der sich wiederum von außen messen lässt. Auch wenn die Technik erst wenige Jahrzehnte alt ist, kommt sie inzwischen in Forschung und Diagnostik routinemäßig zum Einsatz.

Central motor conduction time may predict response to fampridine in multiple sclerosis patients. Daniel Zeller, Karlheinz Reiners, Stefan Bräuninger, Mathias Buttmann. J Neurol Neurosurg Psychiatry doi:10.1136/jnnp-2013-306860.

Kontakt

Dr. Daniel Zeller,
Neurologische Universitätsklinik Würzburg,
T: (0931) 201-23766
E-Mail: Zeller_D@ukw.de oder
Dr. Mathias Buttmann,
Neurologische Universitätsklinik Würzburg
T.: (0931) 201-24617,
E-Mail: m.buttmann@ukw.de

Gunnar Bartsch | Uni Würzburg
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie