Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

MS-Forschung: Münstersche Neuroimmunologen finden Ursache für Abwehrdefizit und Gegenmittel

13.05.2016

Neuroimmunologen und Neuropathologen aus Münster und München haben entdeckt, was genau im Körper bei der Multiplen Sklerose (MS) falsch läuft. Sie zeigten auch: Es gibt eine Therapie für die schubförmige MS, die geradezu maßgeschneidert ist, um das Defizit zu beheben.

Die beteiligten Forscher sprechen von einem Meilenstein: Neuroimmunologen und Neuropathologen der Universitäten Münster und München haben entdeckt, was genau im Körper bei der Multiplen Sklerose (MS) falsch läuft: Zellen des angeborenen Immunsystems - die natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) - erfüllen bei MS ihre Schutzfunktion nicht mehr.


Dr. Catharina Groß, Prof. Heinz Wiendl und Dr. Andreas Schulte-Mecklenbeck bei der Arbeit im Labor

Foto: FZ

Sie können Effektor-T-Zellen – das sind die Zellen, die bei der Krankheit im Körper Schaden anrichten - nicht ausreichend in Schach halten. Zugleich konnten die Neurowissenschaftler zeigen: Es gibt eine Therapie für die schubförmige MS, die geradezu maßgeschneidert ist, um das Defizit zu beheben: die Blockade des Interleukin-2-Rezeptors.

Der dafür einsetzbare Wirkstoff Daclizumab wurde gerade von der EU-Arzneimittelbehörde EMA zur Zulassung empfohlen - Patienten können ihn also schon bald als Therapie verwenden. Die Wirkung des neuen Medikaments wurde - auch unter Beteiligung der Münsteraner Neuroimmunologen - bereits in Studien nachgewiesen.

Ihre Ergebnisse – erzielt im Sonderforschungsbereich TR-128 „Multiple Sklerose“ – sind nachzulesen in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Ein gesundes Immunsystem funktioniert wie eine effiziente Verkehrskontrolle. Die Raser – hier: autoreaktive T-Lymphozyten - werden herausgefischt und bestraft. Andererseits reicht allein die Drohung mit den „Knöllchen“, damit das Gros der Fahrer den Fuß vom Gas nimmt.

So werden potenzielle Gefährder in Schach gehalten. Bei der Multiplen Sklerose aber ist diese Kontrolle gestört: Autoreaktive T-Zellen überqueren ungehindert die Blut-Hirn-Schranke in das Gehirn und greifen dort die Schutzschicht der Nervenzellen an. Um im Bild zu bleiben: Die Raser werden nicht gestoppt und verursachen schwere Unfälle.

Die Projektleiter Dr. Catharina Groß und Prof. Heinz Wiendl von der münsterschen Uniklinik für Allgemeine Neurologie zeigten: Zellen des angeborenen Immunsystems – die NK-Zellen – tragen bei gesunden Menschen entscheidend dazu bei, gefährliche autoreaktive T-Zellen in Schach zu halten.

Die Forscher entschlüsselten sogar den genauen molekularen Mechanismus, mit dem NK-Zellen das Immunsystem schützen. Außerdem enthüllten sie, dass bei der MS nicht nur die Überwachungsmechanismen des Immunsystems versagen: Zusätzlich nutzen die schädlichen T-Zellen Tricks, um der Kontrolle der natürlichen Killerzellen zu entgehen - etwa so, als würden Verkehrssünder ihre Nummernschilder abschrauben, um nicht identifiziert zu werden.

Die Wissenschaftler belegten aber auch: Mit dem monoklonalen Antikörper gegen den Interleukin-2-Rezeptor (Daclizumab) gibt es einen vielversprechenden Wirkstoff, der die immunregulatorische Funktion des NK-Zellen stärken kann – eine Unterstützung für die Verkehrskontrolle sozusagen. „Wir konnten zeigen, dass Daclizumab nicht nur die positive immunregulatorische Funktion der natürlichen Killerzellen verstärkt“, sagt Dr. Groß, deren Arbeit von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) gefördert wurde.

Zusammen mit den Kollegen untersuchte sie unter anderem auch Blut von Patienten mit Multipler Sklerose, die bereits mit dem neuen Präparat behandelt wurden. Der Wirkstoff führe dazu, dass die schädlichen T-Zellen wieder empfänglicher für die Regulation durch NK-Zellen seien. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat nach erfolgreichen Phase-II- und Phase–III-Studien bei MS-Patienten das Präparat Ende April zur Zulassung empfohlen.

Für Forschungserfolge wie diese brauche es nicht nur das Wissen der Neuroimmunologen aus Westfalen, betont Projekt- und Arbeitsgruppenleiter Wiendl. Insbesondere die Zusammenarbeit mit den Neurowissenschaftlern Prof. Reinhard Hohlfeld und Priv.-Doz. Dr. Klaus Dornmair von der Universität München sowie Prof. Tanja Kuhlmann aus der münsterschen Neuropathologie habe das Projekt vorangetrieben. Alle Genannten kooperieren innerhalb des Sonderforschungsbereiches TR-128 „Multiple Sklerose“ der DFG. Dessen klinische Translationsplattform stellte auch die notwendigen Blut- und Nervenwasserproben von Patienten für Analysen zur Verfügung.

Originalpublikation:

Gross CC, Schulte-Mecklenbeck A, Rünzi A, Kuhlmann T, Posevitz-Fejfár A, Schwab N, Schneider-Hohendorf T, Herich A, Held K, KonjeviM, Hartwig M, Dornmair K, Hohlfeld R, Ziemssen T, Klotz L, Meuth SG, Wiendl H, Impaired NK-mediated regulation of T-cell activity in multiple sclerosis is reconstituted by IL-2 receptor modulation. PNAS 2016; published ahead of print May 9, 2016, doi:10.1073/pnas.1524924113

Redaktion:

Dr. Thomas Bauer
Pressereferent für Forschung und Lehre
Universitätsklinikum Münster
GB Unternehmenskommunikation
Domagkstraße 5
48149 Münster
Tel. 0251-83-58937
mobil: 0171-4948979

Weitere Informationen:

http://www.pnas.org/content/early/2016/05/04/1524924113.abstract Originalpublikation PNAS online

Dr. Christina Heimken | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Kostformen im Vergleich: Für Menschen mit Diabetes ist die Mittelmeer-Diät besonders gut geeignet
19.01.2018 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Vielversprechender Malaria-Wirkstoff erprobt
19.01.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie