Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Monoaminoxidase-A: Biomarker für Wochenbett-Depression

31.07.2014

Postpartale Stimmungsschwankungen lassen sich an hohen Monoaminoxidase-A-Werte ablesen

Nach der Geburt leiden viele Frauen am Baby-Blues, bei manchen entsteht daraus in den folgenden Wochen sogar eine Depression. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Monoaminoxidase A. Das Enzym ist für den Abbau von Neurotransmittern wie Dopamin und Serotonin zuständig.


Positronemissionstomografie (PET) einer unbehandelten depressiven Patientin (links) mit erhöhten Monoamin-Oxidase-A-Werten (grün, gelb, rot) und nach sechswöchiger Behandlung mit dem Monoamin-Oxidase-A-Hemmer Moclobemid (rechts).

© Sacher et al., 2011, J Psy Neurosci.

Bei Frauen mit depressiven Episoden nach der Geburt sind die Enzymwerte im Gehirn im Vergleich zu gesunden Frauen stark erhöht. Zu diesem Ergebnis kommt ein kanadisch-deutsches Forscherteam unter Beteiligung von Julia Sacher vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Die Ergebnisse können dabei helfen, Wochenbett-Depressionen vorzubeugen und mit neuen Medikamenten zu behandeln.

Die Geburt eines Kindes stellt für die Mutter alles auf den Kopf. Zu Freude und Glück  gesellen sich bald auch Müdigkeit und Erschöpfung. Die überwiegende Mehrheit der Frauen erlebt im Wochenbett für einige Tage ein vorübergehendes Stimmungstief. Dieser „Baby-Blues“ ist noch keine Erkrankung, lässt aber manchmal schon erste Anzeichen für eine sich anbahnende depressive Verstimmung erkennen: Für 13 Prozent aller Mütter führt die Achterbahnfahrt der Gefühle direkt in den Keller; sie entwickeln das Vollbild einer Wochenbett-Depression. Diese schadet nicht nur der Mutter, sondern auch dem Kind. Eine effektive Behandlung ist schwierig, da die genauen neurobiologischen Ursachen bisher unbekannt waren.

Die neue Studie zeigt, dass die Wochenbett-Depression mit stark erhöhten Monoaminoxidase-A-Werten im Gehirn einhergeht, besonders im präfrontalen Kortex und im anterioren cingulären Kortex. Bei Frauen mit postpartaler Depression lagen die Werte 21 Prozent über denen von Frauen, die nach der Geburt nicht von negativen Gefühlen geplagt wurden. Die Frauen, die keine volle Depression entwickelten, aber öfter und häufiger in Tränen ausbrachen, zeigten ebenfalls moderat erhöhte Werte.

„Man sollte also alles fördern, was die Monoaminoxidase-A-Werte senkt und alles vermeiden, was die Werte ansteigen lässt“, erklärt Sacher. Zu letzterem gehören starkes Rauchen, Alkoholkonsum und chronischer Stress, zum Beispiel, wenn die Mutter sich vom Partner und ihrer Familie alleingelassen und vernachlässigt fühlt. „Mein Ziel ist es, den Frauen und ihren Familien eines Tages ganz konkrete Hinweise für einen Lebensstil zu geben, mit denen sie einer postpartalen Depression vorbeugen können“, erklärt die Psychiaterin.

Auch eine neue Generation von altbekannten Medikamenten könnte in Zukunft bei der Behandlung von Wochenbett-Depressionen eine wichtige Rolle spielen. Bisher erhalten die depressiven Mütter hauptsächlich Medikamente, die die Konzentration von Serotonin im Gehirn erhöhen. Da die Monoaminoxidase-A jedoch nicht nur Serotonin, sondern auch andere Monoamine wie Dopamin und Noradrenalin abbaut, könnte die Erfolgsrate mit einer Behandlung, die direkt auf die Monoaminoxidase-A abzielt, in besonders schwerwiegenden Fällen vielversprechender sein: Diese Alternative bieten Wirkstoffe, die das Enzym an der Arbeit hindern.

„Die ersten Monoaminoxidase-A-Hemmer hatten oft schwere Nebenwirkungen, zum Beispiel Bluthochdruckkrisen, die es erforderlich machten, eine strenge Diät zu halten“, erläutert Sacher, „doch die neuen selektiven Medikamente sind besser verträglich.“ In klinischen Studien sollte als nächster Schritt die Wirksamkeit dieser reversiblen Hemmstoffe der Monoaminoxidase-A bei der Behandlung von postpartalen Depressionen überprüft werden.

Da man das Enzym im Gehirn nur mit aufwändiger Technik messen kann, eignet es sich nicht für Routineuntersuchungen. Die Forscher fahnden deshalb außerdem nach einem Molekül, dessen Werte sich ähnlich verhalten, sich aber im Speichel oder im Blut nachweisen lässt.

Bereits vor vier Jahren konnten Julia Sacher und ihre Kollegen vom CAMH Krankenhaus in Toronto zeigen, dass in der ersten Woche nach der Geburt die Konzentration des Enzyms Monoaminoxidase-A im Gehirn aller Mütter um durchschnittlich 40 Prozent höher war als bei Frauen, die nicht gerade ein Kind zur Welt gebracht hatten. „Die Werte verhalten sich genau entgegengesetzt zum Östrogen-Spiegel. Wenn der nach der Geburt akut abfällt, steigt die Konzentration der Monoaminoxidase-A extrem an.  Diese drastische Änderung beeinflusst auch das als Glückshormon bekannte Serotonin“, sagt Sacher. Bei den meisten Frauen normalisieren sich die Werte schnell wieder. Bei anderen bleiben sie erhöht – und begünstigen damit das Entstehen einer Depression.

Ansprechpartner 

Dr. Julia Sacher

Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig

Telefon: +49 341 9940-2409

E-Mail:sacher@cbs.mpg.de
 

Originalpublikation 

Julia Sacher, P. Vivien Rekkas, Alan A. Wilson, Sylvain Houle, Leslie Romano, Jinous Hamidi, Pablo Rusjan, Ian Fan, Donna E. Stewart, Jeffrey H. Meyer

Relationship of Monoamine Oxidase A Distribution Volume to Postpartum Depression and Postpartum Crying

Neuropsychopharmacology, 30 July 2014 (doi: 10.1038/npp.2014.190)

Dr. Julia Sacher | Max-Planck-Institut

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt
18.10.2017 | Universität Bern

nachricht Aromatherapie bei COPD
12.05.2015 | Airnergy AG

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Aufräumen? Nicht ohne Helfer

19.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Biotinte für den Druck gewebeähnlicher Strukturen

19.10.2017 | Materialwissenschaften

Forscher studieren molekulare Konversion auf einer Zeitskala von wenigen Femtosekunden

19.10.2017 | Physik Astronomie