Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mögliche Therapie für unheilbare Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung

24.08.2014

Forscher entdecken neuen Behandlungsansatz für diese erbliche neurologische Erkrankung

Die Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung 1A ist die am häufigsten auftretende erblich bedingte Krankheit im peripheren Nervensystem.


Elektronenmikroskopische Aufnahmen von Nervenquerschnitten aus einer gesunden (links), einer an Charcot-Marie-Tooth (CMT1A) erkrankten (Mitte) und einer mit Neuregulin-1 behandelten CMT1A-Ratte (rechts). Die Neuregulin-1-Behandlung bewirkt eine verbesserte Myelinisierung im CMT1A Rattenmodell, die gesunden Tieren nahe kommt.

© Fledrich et al, Nat. Med. 2014

Wissenschaftler der Abteilung Neurogenetik vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin sowie der Universitätsmedizin Göttingen haben herausgefunden, dass bei erkrankten Ratten die Reifung von Schwann-Zellen beeinträchtigt ist. Diese Zellen umhüllen die Nervenfasern mit einer isolierenden Schicht, dem Myelin, das eine schnelle Weiterleitung elektrischer Impulse ermöglicht.

Kann die Schwann-Zelle nicht richtig ausreifen, werden zu wenige Nervenfasern während der Entwicklung mit Myelin ummantelt. Großes therapeutisches Potenzial besitzt den Forschern zufolge der Wachstumsfaktor Neuregulin-1: Mit Neuregulin-1 behandelte Ratten besitzen mehr myelinisierte Nervenfasern. Die Symptome der Erkrankung gehen in der Folge merklich zurück.

Patienten mit der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung 1A besitzen eine zusätzlich Kopie des PMP22-Gens. Dies führt zu einer Überproduktion des Peripheren Myelin Proteins 22, einem Hauptbestandteil des Myelins. Folge ist eine langsam fortschreitende Nervenschädigung, die schon im Kindesalter beginnen kann.

Die Patienten leiden unter Taubheit, Kribbeln und Schmerzen in Armen und Beinen sowie einer Schwäche von Bein- und Armmuskulatur. Manche Patienten können sich nicht mehr ohne Rollstuhl fortbewegen. Die Erkrankung ist bislang nicht heilbar, da die grundlegenden Erkrankungsmechanismen kaum bekannt sind.

Die Göttinger Forscher haben nun genetisch veränderte  Ratten untersucht, die ähnlich wie  Charcot-Marie-Tooth-Patienten zu viel PMP22-Protein produzieren. In den Tieren können die Schwann-Zellen nicht richtig ausreifen, so dass nicht genügend Nervenzellfortsätze während der Entwicklung mit Myelin ummantelt werden.

„Dafür ist ein Ungleichgewicht zweier für die Reifung wichtiger Signalwege in den Schwann-Zellen verantwortlich, des sogenannten PI3K/AKT- und des MEK/ERK-Signalwegs“, erklärt Robert Fledrich vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin.

In der aktuellen Studie testeten die Wissenschaftler außerdem das therapeutische Potential des Wachstumsfaktors Neuregulin-1. Sie konnten zeigen, dass die Gabe von Neuregulin-1 das Gleichgewicht zwischen den beiden Signalwegen wiederherstellt.

Der Wachstumsfaktor wird normalerweise von Nervenzellen hergestellt und dient Schwann-Zellen während der Entwicklung als wichtiges Reifungssignal. Außerdem wird er bei akuten Nervenschädigungen auch von den Schwann-Zellen gebildet und leistet einen  wichtigen Beitrag zur Reparatur verletzter Nerven.

„Bei den genetisch veränderten Ratten verbessert bereits eine kurze Neuregulin-1 Therapie innerhalb der ersten zwei Lebenswochen die Krankheitssymptome der Tiere bis ins Erwachsenenalter hinein“, sagt Mitautorin Ruth Stassart.

Die Wissenschaftler und Neurologen aus der Arbeitsgruppe von Michael Sereda wollen nun weiterführende Studien durchführen, um die Entwicklung einer Therapie für die Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung 1A voran zu treiben. Bis zu einer Übertragung der Erkenntnisse auf Patienten ist es jedoch noch ein langer Weg.

Zunächst müssen sie die Sicherheit einer möglichen Therapie untersuchen und verschiedene Substanzen testen, die den Neuregulin-1 Signalweg imitieren können.

Dazu soll auch das erst kürzlich gegründete deutschlandweite Netzwerk für die Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT-NET) dienen. Hier können sich Patienten, Wissenschaftler und Ärzte über die Fortschritte bei der bei der Erforschung dieser in Deutschland wenig bekannten Erkrankung informieren.

Ansprechpartner 

Dr. Michael W. Sereda M.D.

http://www.em.mpg.de

Telefon: +49 551 3899-732745
Fax: +49 551 3899-758

 

Prof. Klaus-Armin Nave Ph.D.

Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin, Göttingen

Telefon: +49 551 3899-757
Fax: +49 551 3899-758

 

Originalpublikation

 
Robert Fledrich, Ruth M. Stassart, Axel Klink, Lennart M. Rasch, Thomas Prukop, Lauren Haag, Dirk Czesnik, Theresa Kungl, Tamer A.M. Abdelaal, Naureen Keric, Christine Stadelmann, Wolfgang Brück, Klaus–Armin Nave and Michael W. Sereda
Soluble neuregulin–1 promotes Schwann cell differentiation in Charcot–Marie–Tooth Disease 1A
Nature Medicine, 24. August 2014 (doi: 10.1038/NM.3664)

Dr. Michael W. Sereda M.D. | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/8375094/charcot-marie-tooth_neuregulin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Immunsystem: Wer lockt die Polizisten auf Streife?
17.02.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Erstmals Herzpflaster aus Stammzellen für die Anwendung an Patienten mit Herzmuskelschwäche
17.02.2017 | Universitätsmedizin Göttingen - Georg-August-Universität

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Im Focus: Sensoren mit Adlerblick

Stuttgarter Forscher stellen extrem leistungsfähiges Linsensystem her

Adleraugen sind extrem scharf und sehen sowohl nach vorne, als auch zur Seite gut – Eigenschaften, die man auch beim autonomen Fahren gerne hätte. Physiker der...

Im Focus: Weltweit genaueste und stabilste transportable optische Uhr

Optische Strontiumuhr der PTB in einem PKW-Anhänger – für geodätische Untersuchungen, weltweite Uhrenvergleiche und schließlich auch eine neue SI-Sekunde

Optische Uhren sind noch genauer als die Cäsium-Atomuhren, die gegenwärtig die Zeit „machen“. Außerdem benötigen sie nur ein Hundertstel der Messdauer, um eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

ANIM in Wien mit 1.330 Teilnehmern gestartet

17.02.2017 | Veranstaltungen

Ökologischer Landbau: Experten diskutieren Beitrag zum Grundwasserschutz

17.02.2017 | Veranstaltungen

Von DigiCash bis Bitcoin

16.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Stammzellen verlassen Blutgefäße in strömungsarmen Zonen des Knochenmarks

17.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

LODENFREY setzt auf das Workforce Mangement von GFOS

17.02.2017 | Unternehmensmeldung

50 Jahre JULABO : Erfahrung – Können & Weiterentwicklung!

17.02.2017 | Unternehmensmeldung