Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit dem Zweiten sieht man leichter

26.07.2016

Neurowissenschaftler der Universität Jena veröffentlichen Sonderausgabe des Fachjournals Cortex

Der vielzitierte zweite Blick kommt häufig dann zum Einsatz, wenn Dinge genau überprüft und unter die Lupe genommen werden sollen. Neurologisch gesehen ist er meist der weniger aufwendige und effizientere.


Jenaer Neurowissenschaftler untersuchen seit Langem das visuelle Erkennen; sie durften nun eine Sonderausgabe des Fachjournals Cortex zum Thema „Repetition Suppression“ zusammenstellen.

Foto: Jan-Peter Kasper/FSU

Davon sind Neurowissenschaftler überzeugt – spätestens seitdem sie das Phänomen der ,Repetition Suppression‘ (übersetzt etwa „unterdrückende Wiederholung“) kennen. „Betrachtet man zweimal die gleiche Sache, etwa ein Gesicht, dann ist die neuronale Aktivität während der Wiederholung messbar geringer als während des ersten Blicks“, erklärt Prof. Dr. Gyula Kovács von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Das Gehirn scheint hier Ressourcen schonen zu wollen und greift deshalb auf Erfahrungswerte zurück“, sagt der Neurowissenschaftler.

Eine jetzt erschienene Sonderausgabe „Repetition Suppression – an integrative view“ des Fachjournals Cortex, die Kovács gemeinsam mit seinem Jenaer Kollegen Prof. Dr. Stefan Schweinberger zusammengestellt hat, greift aktuelle Diskussionen in diesem Bereich auf.

Die Publikation fasst die Inhalte einer Summer School von 2014 zusammen, während der sich internationale Experten und Jenaer Studenten intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. „Dass wir die Sonderausgabe eines so renommierten Fachblattes herausgeben können, ist nicht selbstverständlich und zeigt, wie aktuell dieses Forschungsgebiet derzeit ist und die Inhalte unserer Tagung nach wie vor sind“, sagt Schweinberger.

Informationen über die Funktionsweise des Gehirns

Interessant ist das Phänomen der Repetition Suppression vor allem deshalb, weil es Wissenschaftlern genaue Informationen über die Funktionsweise des Gehirns vermittelt. So zeigt sich hier deutlich, dass es innerhalb kürzester Zeit durch äußere Einflüsse etwas lernt und sofort anwenden kann. „Wir finden hier also einen kurzfristigen plastischen Prozess im Hirn“, fasst Kovács zusammen.

„Außerdem ist es ein Beispiel für sogenannte Top-Down-Prozesse im Gehirn – also Vorgänge, bei denen wir zunächst auf allgemeine Informationen zurückgreifen, um etwas Spezielles zu identifizieren.“ Prinzipiell lässt sich hier feststellen, dass visuelles Erkennen nicht auf einer Einbahnstraße verläuft.

Sehen ist zwar ein serieller Ablauf: Man bekommt einen Impuls und am Ende erkennt man ein Bild. Gleichzeitig gleicht das Hirn aber auch das Gesehene mit seinem Erfahrungsschatz ab und nimmt es zudem in ihn auf. Diese kurz zuvor aufgenommene Information kann allerdings die Wahrnehmung späterer Bilder beeinflussen.

Eine vieldiskutierte Theorie, die möglicherweise den erklärenden Rahmen für das Phänomen der „unterdrückenden Wiederholung“ bildet und aktuell – und damit auch in der Cortex-Sonderausgabe – kontrovers diskutiert wird, ist die des ,Predictive Coding‘. Sie setzt praktisch voraus, dass die Erfahrungswerte während des Sehens permanent genutzt werden und das Hirn Vorhersagen über alle Dinge macht, die ins Auge gefasst werden.

Dieses vorgefertigte Bild wird dann mit den aktuell aufgenommenen Informationen abgeglichen und sozusagen um Details korrigiert bzw. erweitert, um das Bild zu vervollständigen. „Die Idee ist sehr reizvoll aber auch sehr provokant, da viel für aber auch einiges gegen sie spricht“, sagt der Jenaer Neurowissenschaftler Kovács, der selbst während seiner Forschungen Gegenargumente herausgearbeitet hat. Nicht zuletzt weil einer der Entwickler der Theorie, Prof. Dr. Karl Friston vom University College in London, anwesend war, wurde während der Summer School intensiv darüber gesprochen.

„Wir sind sehr froh darüber, dass es uns gelungen ist, einen solchen Expertenkreis in Jena und damit in der aktuellen Publikation zu versammeln“, sagt der Tagungsorganisator und Herausgeber Kovács. „Für uns ist das Ansporn, an dieser Stelle weiterzuarbeiten, Spezialisten und Studenten zusammenzubringen, und gleichzeitig Jena damit auf der Karte der kognitiven Neurowissenschaften noch stärker zu platzieren.“ Für das kommende Jahr plant er eine ähnliche weitere Summer School zu einem aktuellen neurowissenschaftlichen Thema.

Kontakt:
Prof. Dr. Gyula Kovács
Institut für Psychologie der Universität Jena
Leutragraben 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945936
E-Mail: gyula.kovacs[at]uni-jena.de

Weitere Informationen:

http://www.uni-jena.de

Sebastian Hollstein | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie