Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Migräne: Candesartan als zweite Option für die Prophylaxe

05.02.2014
Die Wirksamkeit von Candesartan bei der Prophylaxe von Migräne-Attacken haben norwegische Neurologen in einer Vergleichsstudie mit 72 Patienten bestätigt. Die Substanz aus der Gruppe der Angiotensin-Rezeptorblocker erwies sich dabei als ähnlich wirksam wie der in dieser Indikation häufig verschriebene Beta-Blocker Propranolol.

„Beide Wirkstoffe haben unterschiedliche Angriffspunkte und unterschiedliche Nebenwirkungsprofile. Wer das eine Medikament nicht verträgt, profitiert womöglich von dem anderen“, erläutert Professor Hans-Christoph Diener von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Die Bedeutung für die Praxis bestätigt auch Professor Andreas Straube von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft: „Candesartan ist für Patienten wie Asthmatiker, die keine Betablocker vertragen, eine wichtige Alternative. Dank der Studie dieser Kollegen werden wir vermutlich in Zukunft noch besser auf individuelle Bedürfnisse und Begleiterkrankungen eingehen und damit mehr Patienten vor den Migräneattacken schützen können.“ Candesartan ist in Deutschland allerdings noch nicht für diese Indikation zugelassen.

Die in der Fachzeitschrift Cephalalgia veröffentlichte Studie stammt von der gleichen Arbeitsgruppe, die im Jahr 2003 erstmals über die Wirksamkeit von Candesartan zur Vorbeugung von Migräneattacken berichtet hatte. Die Studie war zwar 26-mal zitiert worden, jedoch hatte bislang keine andere Arbeitsgruppe versucht, sie zu reproduzieren. Ein möglicher Grund sei das Problem, Studien mit Wirkstoffen zu finanzieren, deren Patent gerade ausläuft, spekulieren die Wissenschaftler um Lars Jacob Stovner und Trond Sand vom Norwegischen Nationalen Kopfschmerzzentrum.

Placebo-kontrollierte Cross-Over-Studie zum Vergleich der Wirksamkeit

Ziel der aktuellen Studie war aber nicht nur eine Bestätigung der früheren Arbeit, sondern auch ein Vergleich der Wirksamkeit und der Nebenwirkungen mit der bereits zur Migräneprophylaxe etablierten Substanz Propranolol. Die Norweger rekrutierten für die Placebo-kontrollierte Cross-Over-Studie über die Medien und direkt am St. Olavs Hospital in Trondheim 72 Patienten zwischen 18 und 65 Jahren, die seit mindestens einem Jahr an dieser Krankheit litten und die in den drei Monaten vor Studienbeginn jeweils mindestens zwei Attacken hatten.

Die wichtigste Zielgröße war die Zahl der Tage mit moderaten oder schweren Kopfschmerzen, die mindestens vier Stunden dauerten oder durch die Einnahme der üblichen Arzneien behandelt werden mussten. Sekundäre Studienparameter waren die Zahl der Kopfschmerztage, die Dauer der Kopfschmerzen in Stunden, deren Intensität, die Dosierung von Analgetika und Triptanen, die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage und schließlich die Zahl der Responder – definiert als Patienten, bei denen sich die Zahl der Migränetage im Vergleich zum Ausgangswert mindestens halbierte.

Zahl der Migränetage sinkt

54 Patienten konnten die Studie gemäß Protokoll beenden, 61 waren in der modifizierten Intention-to-Treat-Analyse auswertbar. Beim primären Studienziel waren Candesartan und Propranolol fast gleich wirksam und beide besser als Placebo. Der Ausgangswert von durchschnittlich 4,82 Migränetagen in vier Wochen sank mit Candesartan auf 2,95 und mit Propranolol auf 2,91 (Placebo 3,53). Auch bei den meisten sekundären Zielwerten waren die beiden Medikamente dem Placebo eindeutig überlegen, mit Ausnahme der Tage mit Kopfschmerzen beim Propranolol, der Anzahl von Analgetika-Dosen beim Candesartan und der Fehltage bei der Arbeit, die keine der beiden Arzneien signifikant zu reduzieren vermochte.

„Interessant ist die Betrachtung der Responder-Zahlen“, bemerkt Professor Diener, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen. Hier waren Candesartan mit 43 Prozent und Propranolol mit 40 Prozent fast gleich gut und deutlich besser als Placebo (23 Prozent). „Unter den 55 Patienten, die beide Medikamente erhielten, sprachen jedoch zehn nur auf Candesartan an und acht nur auf Propranolol“, so Diener. Mit beiden Präparaten zusammen könnten die Kollegen deshalb voraussichtlich mehr Patienten Linderung verschaffen.

Die detaillierte Erfassung der Nebenwirkungen für die zwei Arzneien zeigte unterschiedliche Profile. Körperschmerzen etwa traten bei Propranolol doppelt so häufig auf wie unter Candesartan, beim Schwindel war das Verhältnis umgekehrt. Eine niedrige Herzfrequenz nach Belastung fand sich nur unter Propranolol, dafür gab es unter Candesartan doppelt so oft Parästhesien. „Auch das ist eine interessante Beobachtung, denn die Kollegen hatten ursprünglich berichtet, dass die Nebenwirkungsprofile der beiden Substanzen ähnlich seien“, so Diener. Wünschenswert sei es in jedem Fall, dass die Ergebnisse nochmals von einer unabhängigen Arbeitsgruppe bestätigt würden.

Quellen:

Stovner LJ, Linde M, Gravdahl GB et al: A comparative study of candesartan versus propranolol for migraine prophylaxis: A randomised, triple-blind, placebo-controlled, double cross-over study. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24335848

Tronvik E, Stovner LJ, Helde G, Sand T, Bovim G. Prophylactic treatment of migraine with an angiotensin II receptor blocker: a randomized controlled trial. JAMA. 2003 Jan 1;289(1):65-9 http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12503978

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen

Prof. Dr. med. Andreas Straube
Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG)
Neurologie der Universität München, Klinikum Grosshadern
Marchioninistr. 15, 81377 München
Tel.: +49 (0)89 7095 3901
E-Mail: Andreas.Straube@med.uni-muenchen.de
Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener
Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN)
Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen
Hufelandstr. 55, 45122 Essen
Tel.: +49 (0)201 7232460, Fax: +49 (0)201 7235901
E-Mail: hans.diener@uk-essen.de
Pressestelle der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
c/o Rita Wilp, pr und kommunikation, Goethe-Allee 1, 37073 Göttingen
E-Mail: info@wilp-pr.de, Tel.: +49 (0)551 7708061
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
c/o albertZWEI media GmbH, Englmannstr. 2, 81673 München
E-Mail: presse@dgn.org, Tel: +49 (0)89 46148622

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org
http://www.dmkg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Beschichtung lässt Muscheln abrutschen

18.08.2017 | Materialwissenschaften

Fettleber produziert Eiweiße, die andere Organe schädigen können

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

18.08.2017 | Geowissenschaften