Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

L-Dopa könnte in Behandlung von Phobien und posttraumatischen Störungen zum Einsatz kommen

10.07.2014

Wissenschaftler aus Mainz und Innsbruck untersuchen neuen Therapieansatz zur Überwindung von Ängsten

Ein Medikament, das aktuell in der Behandlung von Parkinson eingesetzt wird, könnte möglicherweise auch Menschen helfen, die unter Phobien oder posttraumatischen Störungen (PTSD) leiden.

Wissenschaftler des Forschungszentrums Translationale Neurowissenschaften (FTN) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) untersuchen derzeit die Erfolge einer Kombination zweier Therapieoptionen: eine Psychotherapie, die Ängste abbauen soll, gepaart mit der Einnahme des Medikaments L-Dopa. Dieses Medikament kam bislang in der Behandlung von Bewegungsstörungen zum Einsatz, könnte nach Einschätzung der Forscher aber auch dazu dienen, negative Erinnerungen zu überwinden.

Univ.-Prof. Dr. Raffael Kalisch, Leiter des Neuroimaging Center Mainz (NIC) am Forschungszentrum Translationale Neurowissenschaften der JGU, forscht in Kooperation mit der Universität Innsbruck über die psychologischen und neurobiologischen Mechanismen von Angst und Furcht. "Angstreaktionen sind sehr wichtig für die Gesundheit und das eigene Überleben, aber Erinnerungen an derartige Situationen können langfristig eine Angststörung oder Phobien auslösen", erklärt Univ.-Prof. Dr. Raffael Kalisch.

Um diese zu behandeln, verwenden Psychotherapeuten die sogenannte Angst-Exposition, in der die Person der angstauslösenden Situation ausgesetzt wird, nicht aber die befürchteten Konsequenzen erlebt. Jüngste Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass sich überwundene Ängste positiv auf die geistige Gesundheit eines traumatisierten Menschen auswirken. Exposition könnte also als ein schützender und selbstregulierender Mechanismus, als ein sogenannter Resilienzfaktor wirken.

In der Angst-Exposition bekommt der Patient zunächst einen neutralen Reiz zu sehen, beispielsweise einen Kreis auf einem Computerbildschirm. Gleichzeitig wird beim Patienten ein schmerzhaftes Empfinden ausgelöst. Schon bald verbindet der Patient den ehemals neutralen Reiz, also den Kreis auf einem Computerbildschirm, mit Schmerz. Die Angst hat sich verfestigt.

In der nächsten Phase wird der Patient wieder mit eben diesem Reiz konfrontiert, allerdings ohne den schmerzauslösenden Stimulus. So lernt der Patient, die Reize wieder entkoppelt wahrzunehmen und damit, dass das Objekt harmlos ist. Beispielsweise werden Menschen, die Angst vor Spinnen haben, in der Psychotherapie auf eine beruhigende, ermutigende und sichere Weise mit Spinnen konfrontiert.

In einem anderen Forschungsprogramm testeten Wissenschaftler aus dem belgischen Leuven Soldaten, die später in Kriegsgebieten eingesetzt werden sollen, wie gut sie negative Erinnerungen löschen - in der Fachsprache "extinguieren" - können. Diejenigen, die besser extinguierten, hatten später eine geringere Wahrscheinlichkeit, nach dem Kriegseinsatz Stressymptome zu entwickeln.

"Wenn ein Mensch mental flexibel genug ist, um bereits bestehende Assoziationen auszutauschen, ist er möglicherweise besser in der Lage, Langzeitschäden zu vermeiden", so Kalisch. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern hat er Hinweise dafür gefunden, dass der für Belohnung und Freude zuständige Teil des Gehirns an diesem Prozess des Auswechselns negativer Assoziationen beteiligt sein könnte, allerdings in Abhängigkeit davon, ob der diesen Prozess fördernde Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet wird.

Doch selbst nach einer erfolgreichen Exposition ist nicht auszuschließen, dass Angstassoziationen in anderen Stresssituationen wieder autreten. Dies könnte sich dann sowohl auf die Entwicklung einer posttraumatischen Störung auswirken als auch einen Rückfall nach einer erfolgreichen Psychotherapie bewirken. Die Forschungsergebnisse von Univ.-Prof. Dr. Raffael Kalisch geben allerdings Grund zur Hoffnung: L-Dopa, ein Wirkstoff zur Behandlung von Morbus Parkinson, hilft, diesem Effekt vorzubeugen.

Das Gehirn nimmt L-Dopa auf und wandelt es in Dopamin um. Dopamin steuert das Belohnungssystem im Gehirn, beeinflusst den Bewegungsapparat des Menschen und wirkt sich darauf aus, ob Erinnerungen im Gedächtnis festgehalten werden. Ein Mensch, der nach einer Exposition L-Dopa einnimmt, wird eine stärkere sekundäre positive Erinnerung an die Expositionsphase entwickeln und so leichter die negativen Erinnerungen ersetzen können.

Daher wird L-Dopa möglicherweise zukünftig auch zur Prävention von Rezidiven bei PTSD- oder Phobiepatienten eingesetzt. "Ziel ist es, die Langzeiteffekte einer Psychotherapie durch die Kombination mit L-Dopa zu verbessern", so Kalisch. Vor diesem Hintergrund hat er auch eine klinische Studie über Spinnenangst gestartet. Sie soll unter anderem dazu dienen, die Auswirkungen von L-Dopa auf den Therapieerfolg festzustellen. "Auf der Grundlage des Expositionsprozesses ist die Manipulation des Gehirns mit Dopamin ein vielversprechender Weg, um primäre und sekundäre Präventionsstrategien zu verbessern", so Kalisch.

Abstract Reference R10221: Fear extinction as a key human resilience mechanism: dopaminergic contributions.
Symposia S30: Ramping up resilience: from (epi) genetics, to optogenetics and imaging

Single dose of L-dopa makes extinction memories context-independent and prevents the return of fear. J Haaker, S Gaburro, A Sah, N Gartmann, TB Lonsdorf, K Meier, N Singewald, H-C Pape, F Morellini, R Kalisch. PNAS Plus - Biological Sciences - Psychological and Cognitive Sciences. 2013; 110 (26): E2428-36.
DOI: 10.1073/pnas.1303061110

Empirical support for an involvement of the mesostriatal dopamine system in human fear extinction. K A Raczka, A Reif; J Deckert, N Gartmann, M-L Mechias, M Pessiglione, R Kalisch. Translational Psychiatry. 2011; 1: e12.
DOI:10.1038/tp.2011.10

Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Raffael Kalisch
Neuroimaging Center (NIC) am Forschungszentrum Translationale Neurowissenschaften (FTN) Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel: +49 6131 17-4588
E-Mail: rkalisch@uni-mainz.de
http://www.ftn.nic.uni-mainz.de/en/raffael-kalisch

Weitere Informationen:

http://www.uni-mainz.de/presse/61271.php - Pressemitteilung

Petra Giegerich | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium 2017: Internet of Production für agile Unternehmen

23.05.2017 | Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Medikamente aus der CLOUD: Neuer Standard für die Suche nach Wirkstoffkombinationen

23.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungsnachrichten

CAST-Projekt setzt Dunkler Materie neue Grenzen

23.05.2017 | Physik Astronomie