Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kürzerer Weg zu neuen Krebsmedikamenten

21.12.2009
Die Entwicklung neuer Krebsmedikamente ist sowohl langwierig als auch extrem teuer. Im Durchschnitt dauert es 15 Jahre und kostet ca. 1 Mrd. US-Dollar um ein neues Medikament gegen Krebs zuzulassen.

Angesichts der extrem hohen Anzahl von insgesamt ca. 5000 zugelassenen Medikamenten, von denen die allerwenigsten gegen Krebs entwickelt, getestet oder eingesetzt sind, fragt man sich, ob unter allen zugelassenen Medikamenten nicht auch solche sind, die sich für einen Einsatz gegen Krebs bestens eignen, in dieser Hinsicht jedoch niemals untersucht wurden.

Herausragende Beispiele für die Wirksamkeit dieser Strategie sind die beiden Medikamente Retinolsäure und Arsen-Trioxid, die für die Behandlung von Akne bzw. Infektionskrankheiten zugelassen wurden, und jetzt sehr erfolgreich in der Leukämietherapie verwendet werden. Thalidomid, ehemals als Schlafmittel zugelassen und nach der Serie katastrophaler Defekte bei Neugeborenen wieder vom Markt genommen, hat für die Behandlung einer relativ häufigen Form von Knochenmark-Krebs (Multiples Myelom) einen neuen Therapiestandard begründet.

Da diese Medikamente in der Regel keinen Patentschutz mehr haben, weil sie schon zu lange zur Behandlung anderer Krankheiten auf dem Markt sind und der Patentschutz nach einigen Jahren automatisch ausläuft, ist für die Pharmaindustrie mit diesen Medikamenten auch bei gleicher Wirksamkeit nicht im entferntesten so viel Geld zu verdienen, wie mit der Entwicklung und Zulassung neuer Substanzen. Dadurch besteht in der Pharmaforschung wenig Interesse an einer solchen optimierten Nutzung seit langem bekannter Medikamente.

Eine seit langem bekannte Klasse von Medikamenten zur Behandlung der HIV-Infektion (sogenannte HIV-Proteaseinhibitoren) scheint ebenfalls gegen Tumorerkrankungen zu wirken. Immer wieder gab es Beobachtungen, dass bei einzelnen AIDS-Patienten, die ausserdem eine Tumorerkrankung entwickelten, durch die Behandlung des Virus mit Proteaseinhibitoren auch der Tumor zurückging, jedoch wurde der Einsatz dieser Medikamente als mögliche Krebsmedikamente bisher nicht systematisch untersucht. Die Arbeitsgruppe von Prof. Driessen, Experimentelle Onkologie St. Gallen/CH, konnte jetzt im Laborexperiment zeigen, dass die zusätzliche Gabe von bestimmten HIV-Proteaseinhibitoren die Wirkung von bestimmten Krebsmedikamenten derart verstärken kann, dass auch Krebszellen die vormals resistent gegenüber Krebsmedikamenten waren, durch die gleichzeitige Behandlung mit dem HIV-Medikament wieder empfindlich gegenüber der Krebstherapie wurden. Dies ist auch deshalb interessant, weil diese HIV-Medikamente einfach als Tabletten eingenommen werden können und eine wesentlich bessere Verträglichkeit haben, als die meisten bekannten Krebsmedikamente. Eine entsprechende klinische Phase I-Studie wird innerhalb der Schweizer Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) ab 2010 in St.Gallen, Chur, Lausanne und Bern durchgeführt werden. Die molekularen Grundlagen dieser Wirkung und die Interaktion dieser HIV-Proteaseinhibitoren mit dem Proteasen-System von Tumorzellen sind bisher jedoch wenig verstanden. Die Wilhelm Sander Stiftung unterstützt nun die weiteren Arbeiten auf diesem Gebiet im Labor von Prof. Driessen, wo man insbesondere verstehen will, auf welchem molekularen Mechanismus diese erstaunliche Wirkung von bestimmten HIV-Medikamenten beruht, und welches Medikament aus dieser Gruppe in welcher Darreichungsform sich am besten für einen zukünftigen Einsatz bei Krebspatienten eignet. Dies soll dann die Grundlage für die weitere klinische Entwicklung dieses Ansatzes sein.

Kontakt: Prof. Dr. Christoph Driessen, Oberarzt mbF, Fachbereich Onkologie/Hämatologie, Kantonsspital St. Gallen, CH-9007 St. Gallen

E-Mail: christoph.diressen@kssg.ch

Die Wilhelm Sander-Stiftung fördert dieses Forschungsprojekt mit über 140.000 €. Stiftungszweck der Stiftung ist die medizinische Forschung, insbesondere Projekte im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden dabei insgesamt über 190 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Bernhard Knappe | idw
Weitere Informationen:
http://www.wilhelm-sander-stiftung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Antibiotikaresistenzen durch Nanopartikel überwinden?
15.12.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik