Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Konzepte gegen Wundinfektionen: Antibakterielles Nahtmaterial kann Komplikationen kaum verringern

30.07.2014

Wundinfektionen, die nach offenen Bauchoperationen auftreten, können durch spezielles antibakterielles Nahtmaterial nicht signifikant verringert werden.

Zu diesem Fazit kommt eine große, vom Studienzentrum der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (SDGC) durchgeführte Multicenter Studie, deren Ergebnisse vor Kurzem in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurden.

Die Untersuchung zeigt zudem, dass Patienten mit ausgedehnten Operationen ein erhöhtes Risiko haben, eine Wundinfektion zu erleiden. Die Studie ergab aber auch, dass die vorsorgliche Gabe von Antibiotika und die Erfahrung des Chirurgen postoperative Wundinfektionen positiv beeinflussen können.

„Der Erfolg einer Operation ist in der Bauchchirurgie auch mit dem Wundverschluss verbunden, da Komplikationen im Bereich des Bauchschnittes schwerwiegende und langfristige Folgen für die Patienten haben können“, erläutert Professor Dr. med. Markus Büchler vom Universitätsklinikum Heidelberg.

„Die Fäden müssen die Wundränder so lange zusammenhalten, bis sich eine zugfeste Narbe gebildet hat, andernfalls kann es zu Narbenbrüchen kommen, die eine zweite Operation notwendig machen“, fügt der Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie hinzu.

Viele Bauchchirurgen verwenden laut Büchler heute für den Verschluss der Bauchdecke einen fortlaufenden Faden, der erst nach mehreren Monaten vom Körper abgebaut wird. Ein Beispiel hierfür ist Polydioxanon, das seit vielen Jahren verwendet wird. Das von außen eingebrachte Nahtmaterial birgt aber auch ein Risiko: Der Faden kann zu einem Nährboden für Bakterien werden und damit schwere Infektionen der Wunde und im Bauchraum auslösen.

Das im Jahr 2009 eingeführte Nahtmaterial PDS Plus sollte dieses Problem lösen. Der Faden ist hier mit Triclosan beschichtet, ein in der Medizin häufig eingesetzter Bakterien-Hemmer. „Der Ansatz war biologisch plausibel“, so Markus Büchler. „Doch ein klarer wissenschaftlicher Beleg für den Vorteil von PDS Plus in der klinischen Anwendung lag bei der Einführung nicht vor.“

Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) hat daher am SDGC die PROUD-Studie („Prevention of abdominal wound infection“) initiiert. Daran nahmen zwischen April 2010 und Oktober 2012 an 24 Kliniken insgesamt 1224 Patienten teil, bei denen eine Operation mit Eröffnung der Bauchwand mittels eines Längsschnittes geplant war.

Die Studie war ein randomisierter Vergleich, der feststellen sollte, wie häufig chirurgische Wundinfekte bei dem durch eine zufällige Zuteilung verwendeten herkömmlichen Nahtmaterial PDS II oder dem mit Triclosan beschichteten PDS Plus vorkommen. Da sich beide Fäden äußerlich nicht unterscheiden, konnte die Studie „doppelblind“ durchgeführt werden. Patient und Chirurg erfuhren nicht, welcher Faden bei der Operation verwendet wurde.

Die Auswertung ergab, dass das beschichtete Nahtmaterial die Rate der Wundinfektionen kaum senken konnte. Eine Wundinfektion trat in der PDS Plus-Gruppe bei 14,8 Prozent der Patienten auf gegenüber 16,1 Prozent bei Verwendung von PDS II. „Der Unterschied von 1,3 Prozentpunkten war statistisch nicht signifikant“, so PD Dr. Markus Diener vom SDGC, der die Untersuchung geleitet hat.

Für den Experten zeigt die Studie zudem, dass der Nutzen neuer Operations-techniken, Materialien und Strategien in hochwertigen Studien überprüft werden sollte. Dies führe zum einen zu objektivierbaren klinischen Ergebnissen, zum anderen möglicherweise auch zur Senkung unnötiger Kosten im Gesundheits-wesen.

„Es ist der falsche Ansatz, wenn neue Materialien auf den Markt gebracht werden, ohne dass ihre Vorteile vorher in Studien belegt wurden“, betont auch Professor Dr. med. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer, Generalsekretär der DGCH. Die PROUD-Studie habe außerdem gezeigt, dass eine solche Prüfung innerhalb eines vertretbaren Zeitraums durchgeführt werden kann, meint Meyer.

Wundinfektionen können bei offenen Bauchoperationen vor allem dann vorkommen, wenn beim Eingriff der Darm eröffnet werden muss, der zahlreiche Keime enthält. „Das Risiko erhöht sich zudem, wenn wir Risikopatienten wie Übergewichtige oder Patienten mit schweren Begleiterkrankungen operieren“, so Diener. „Antibakterielles Nahtmaterial ist jedoch nur ein Puzzlestein in unserem Paket aus umfangreichen Vorbeugemaßnahmen einer Wundinfektion. Wir müssen unser Augenmerk nun verstärkt auf weitere schützende Maßnahmen im Rahmen des operativen Eingriffes richten“, betont der Studienleiter.

Quelle:
Diener MK, Knebel P, Kieser M, Schüler P, Schiergens TS, Atanassov V, Neudecker J, Stein E, Thielemann H, Kunz R, von Frankenberg M, Schernikau U, Bunse J, Jansen-Winkeln B, Partecke LI, Prechtl G, Pochhammer J, Bouchard R, Hodina R, Beckurts KT, Leißner L, Lemmens HP, Kallinowski F, Thomusch O, Seehofer D, Simon T, Hyhlik-Dürr A, Seiler CM, Hackert T, Reissfelder C, Hennig R, Doerr-Harim C, Klose C, Ulrich A, Büchler MW. Effectiveness of triclosan-coated PDS Plus versus uncoated PDS II sutures for prevention of surgical site infection after abdominal wall closure: the randomised controlled PROUD trial.
Lancet 2014; doi: 10.1016/S0140-6736(14)60238-5

Kontakt für Journalisten:
Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH)
Pressestelle
Anna Julia Voormann
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart

Telefon: 0711 8931-552
Fax: 0711 8931-167
E-Mail: voormann@medizinkommunikation.org

Weitere Informationen:

http://www.dgch.de

Anna Julia Voormann | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern

17.08.2017 | Physik Astronomie

Fake News finden und bekämpfen

17.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Effizienz steigern, Kosten senken!

17.08.2017 | Messenachrichten