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Wenn die Knochen brüchig werden - der Oberschenkelhalsbruch

05.10.2011
Am 8. Oktober ist Weltosteoporosetag. Osteoporose, oft auch als Knochenschwund bezeichnet, betrifft häufig ältere Menschen.

Der schleichende Verlust an Knochenmasse verläuft meist schmerzlos und ohne jegliche Symptome und kann Auslöser für einen Knochenbruch sein, z.B. bei einem kleinen Sturz. Häufig brechen ältere Patienten dabei den Oberschenkelhalsknochen*. Wir sprachen mit dem Chefarzt der Orthopädischen Universitätsklinik Tübingen, Prof. Nikolaus Wülker, über die Folgen und die Behandlung bei einer solchen Verletzung.

Was passiert bei einer Osteoporose mit den Knochen?

Prof. Wülker: „Bei der Osteoporose verliert der Knochen Kalk. Das bedeutet, dass er weniger stabil ist. Oft reichen daher schon relativ banale Verletzungen, wie ein kleiner Sturz. Manchmal treten Brüche bei osteoporotischen Knochen auch spontan ohne jede äußere Ursache auf. Nur selten gibt es vorher Alarmzeichen, wie etwa Schmerzen bei der Belastung. Eine plötzliche Fraktur, etwa am Schenkelhals, hat dann allerdings drastische Konsequenzen. Die Patienten können nicht mehr aufstehen und müssen mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden.“

Wie wird ein Oberschenkelhalsbruch heute versorgt?
Kommt man wieder auf die Beine?
Prof. Wülker: „Die Behandlung von Schenkelhalsbrüchen bei älteren Patienten mit Osteoporose ist eine der größten Erfolgsgeschichten in der Chirurgie überhaupt. Bevor es künstliche Gelenke an der Hüfte gab, mussten die Patienten 6 bis 12 Wochen im Streckverband liegen. Viele sind daran gestorben, denn gerade für ältere Patienten, die vielleicht auch andere Erkrankungen haben, ist es besonders wichtig, schnell wieder auf die Beine zu kommen. Sonst können bald Komplikationen eintreten, zum Beispiel Lungenentzündungen und Thrombosen. Heute wird routinemäßig ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt, wofür sich die meisten Frakturen gut eignen. Dann können die Patienten bereits am Tag nach der Operation das erste Mal aufstehen und schon bald mit Gehstützen wieder auf dem Stationsflur laufen. In der Regel kann das künstliche Hüftgelenk gleich voll belastet werden. So kann eine weit gehend normale Gehfähigkeit innerhalb von 2 bis 3 Monaten nach der Operation erreicht werden.“

Wird immer ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt?

Prof. Wülker: „Die meisten Schenkelhalsfrakturen bei über 60-jährigen Patienten werden gleich mit einem künstlichen Hüftgelenk versorgt. Damit kommen die Patienten am schnellsten wieder auf die Beine und die Kunstgelenke halten heute so lange, dass sie aller Voraussicht nach nicht mehr ausgewechselt werden müssen. Bei Brüchen, die weiter vom Hüftgelenk entfernt sind und somit nicht nur den Schenkelhals sondern auch den eigentlichen Oberschenkelknochen betreffen, wird die Stabilisierung mit Implantaten dem Einsatz von künstlichen Hüftgelenken vorgezogen.

Anders sieht es bei jüngeren Patienten aus. Hier wird häufiger der Knochen mit verschiedenen Implantaten wieder ausgerichtet und stabilisiert. Dazu eignen sich unterschiedliche Nägel und Schrauben. Dann kann aber nicht immer gleich voll belastet werden und die Gefahr von Komplikationen wird dadurch größer als bei künstlichen Hüftgelenken.

Wie wirkt sich die Vorerkrankung Osteoporose auf die Operation aus? Funktioniert das überhaupt bei weniger stabilen Knochen ...?

Prof. Wülker: „Eine Osteoporose macht es dem Chirurgen schwieriger, da Implantate mit besonderer Vorsicht eingebracht werden müssen. Wenn zum Beispiel der Stiel eines künstlichen Hüftgelenks in den Oberschenkelknochen eingeschlagen wird, kann der Knochen leichter brechen. Hier gehen wir deshalb besonders sorgfältig vor. Außerdem heilt der Knochen in zementfreie Implantate weniger gut ein, weswegen wir bei älteren Menschen mit einer Osteoporose in aller Regel Knochenzement zur Fixierung von Kunstgelenken verwenden. Dies ist dann fast immer möglich, auch bei sehr alten Patienten mit einer stark fortgeschrittenen Osteoporose. Der Vorteil für ältere Patienten, die vielleicht auch anderer Erkrankungen haben, liegt auf der Hand: Sie müssen schnell wieder auf die Beine kommen um Komplikationen durch langes Liegen zu vermeiden.“

Welche Knochen sind noch gefährdet?

Prof. Wülker: „Brüche bei Osteoporose treten besonders häufig am Schenkelhals, am Handgelenk und an der Schulter auf. Diese Brüche werden in aller Regel operiert, da bei einer Stabilisierung mit Implantaten das betroffene Gelenk bald wieder bewegt und belastet werden kann.

Können auch Wirbel brechen?

Prof. Wülker: „ Ja, ebenso häufig gibt es bei Osteoporose Brüche an der Wirbelsäule. Die Patienten klagen oft schon etliche Wochen über Schmerzen bei Belastung, die sich dann - oft ohne äußere Ursache - plötzlich verschlimmern. Im Röntgenbild sieht man, dass der betroffene Wirbelkörper vorne zusammengebrochen ist. Dies führt dann häufig zu starken Schmerzen. Lähmungen sind jedoch in der Regel nicht zu befürchten, da die Nervenwurzeln an der Wirbelsäule hinten verlaufen, und die hinteren Strukturen von Frakturen bei der Osteoporose nur selten betroffen sind. Anders als bei Brüchen an großen Gelenken wird an der Wirbelsäule eigentlich nie gleich operiert. Hier kann man so gut wie immer erst einmal abwarten und die Patienten vorsichtig auf die Beine stellen, wozu Schmerzmittel und gegebenenfalls eine Stabilisierung, zum Beispiel mit einem Korsett, verwendet werden. Erst wenn die Schmerzen dann immer noch anhalten oder wenn sich durch das Ausmaß der Fraktur der Körper zunehmend nach vorne neigt und sich hinten ein Buckel bildet, werden die Frakturen stabilisiert. Dazu wird in der Regel durch eine Kanüle Knochenzement in den betroffenen Wirbelkörper eingespritzt, was oft zu einer raschen Besserung der Beschwerden führt. Langfristig können damit jedoch weitere Frakturen nicht verhindert werden.

Was raten Sie als Orthopäde, um die Knochen gesund zu erhalten?

Prof. Wülker: „Die sinnvollste Vorbeugung ist eine gesunde Lebensweise. Knochen reagiert sehr empfindlich, wenn er nicht benutzt wird. Dann wird rasch Kalk abgebaut. Insofern ist es für ältere Menschen besonders wichtig, regelmäßige Spaziergänge zu unternehmen, Fahrrad zu fahren, Gymnastik zu machen oder auch in einem Fitnessstudio zu trainieren. Mit Ernährung kann man den Knochenbau kaum beeinflussen. Hier gilt es lediglich, Übergewicht zu verhindern. Der Einsatz von Medikamenten, die häufig zur Prophylaxe oder Therapie der Osteoporose verordnet werden, ist umstritten, da diese Substanzen auch Nebenwirkungen haben.

* Als Schenkelhalsfraktur oder Oberschenkelhalsbruch bezeichnet man den Bruch des Schenkelknochens, der zwischen Oberschenkelknochen und Hüftkopf liegt.

Ansprechpartner für die Presse

Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Orthopädie
Prof. Dr. med. Nikolaus Wülker, Ärztlicher Direktor
Hoppe-Seyler-Str.3 ,72076 Tübingen
Tel. 07071/29-8 66 85, Fax 07071/29-4091
wuelker@med.uni-tuebingen.de
Aus der Serie „Der Professor rät“ des Universitätsklinikums Tübingen.
Weitere Beiträge finden Sie unter
http://www.medizin.uni-tuebingen.de/Patienten/Der+Professor+rät.html

Dr. Ellen Katz | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de

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