Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes: Niedriger Langzeitblutzuckerwert kein Risikofaktor

29.10.2014

In Deutschland und Österreich erleiden immer weniger Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes eine Unterzuckerung, einen „Zuckerschock“, der zu Bewusstlosigkeit und im schwersten Fall auch zum Tode führen kann.

Experten haben durch die Auswertung der „Diabetes Patienten Verlaufsdokumentation“, die jetzt in der Zeitschrift PLOS Medicine veröffentlicht wurde, herausgefunden, dass niedrige Langzeitblutzuckerwerte kein Risikofaktor mehr für eine schwere Hypoglykämie und Koma darstellen. Für die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) sind die neuen Zahlen ein Erfolg der modernen Diabetesbehandlung.

Menschen mit Typ-1-Diabetes müssen ein Leben lang Insulin spritzen. Die Autoimmunerkrankung tritt meist bereits im Kindes- oder Jugendalter auf. Um Diabetes-Folgeerkrankungen wie Nierenschäden, Erblindung, Nervenschäden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu vermeiden, soll der Blutzucker der Patienten möglichst normnah eingestellt sein. Der Langzeitblutzuckerwert, das HbA1c, soll laut Leitlinie unter 7.5 Prozent liegen.

Lange Zeit galt, dass unter Insulinbehandlung bei Kindern und insbesondere Jugendlichen ein niedriger Blutzuckerwert mit einem deutlich erhöhten Risiko für Unterzuckerungen einhergeht. Nun zeigen die Daten der „Diabetes Patienten Verlaufsdokumentation“, dass heute bei zeitgemäßer Diabetesbetreuung eine normnahe Blutzuckereinstellung die Gefahr für eine Hypoglykämie nicht mehr erhöht.

Am Dokumentationsprogramm, das von 1995 bis 2012 an 372 Zentren in Deutschland und Österreich lief, haben über 53 000 Patienten teilgenommen. Es werden circa 80 Prozent aller an Typ-1-Diabetes erkrankten Kinder und Jugendlichen erfasst.

„Zu Unterzuckerungen kommt es, wenn die Patienten vor den Mahlzeiten zu viel Insulin spritzen oder den nächtlichen Bedarf überschätzen. Die schlimmste Folge ist, dass der Patient in ein lebensgefährliches Unterzuckerungskoma fällt“, erklärt Professor Dr. med. Beate Karges vom Universitätsklinikum der RWTH Aachen, Mitautorin der Studie. Unterzuckerungen sind bei jungen Patienten mit Diabetes nicht selten.

1995 kamen auf 100 Patienten und pro Jahr im Durchschnitt noch 42,3 Hypoglykämien und 13,5 Fälle von Bewusstlosigkeit („Koma“) durch Unterzuckerung. Doch seither ist die Zahl stetig gesunken. Im Jahr 2012 traten nur noch 17,6 Hypoglykämien und 1,8 Koma-Fälle pro 100 Patienten pro Jahr auf.

Die aktuellen Zahlen belegen also einen deutlichen Rückgang der Hypoglykämien. Dies gilt besonders für Patienten, deren Langzeitblutzuckerwert (HbA1c) zwischen 6 bis 7.9 Prozent lag. Bei diesen Individuen nahm das Risiko für schwere Hypoglykämien um 50 Prozent und für Koma-Fälle um 86 Prozent ab.

„Ein niedriger HbA1c-Wert ist erstrebenswert, weil er Spätfolgen des Diabetes vermeidet“, erläutert die Expertin für pädiatrische Endokrinologie. Im ersten Studienjahr stieg das Hypoglykämie-Risiko noch um 28 Prozent, sobald die Patienten ihren HbA1c-Wert um einen Prozentpunkt absenkten. Im Jahr 2012 nahm das Risiko dann nur noch um 5 Prozent zu. Professor Karges fasst zusammen: „Bei guter fachärztlicher Betreuung kann heute das Therapieziel einer normnahen Blutzuckereinstellung ohne zusätzliche Gefährdung erreicht werden.“

Die genauen Gründe für die Abnahme der Hypoglykämien kann die Studie nicht klären. DGE-Mediensprecher Professor Dr. med. Dr. h. c. Helmut Schatz, Bochum, meint, dass die Versorgung junger Diabetespatienten insgesamt besser geworden ist.

„Heute bekommen die Patienten oft die neuen Analoginsuline und in recht differenzierten Formen wie mehrfachen Injektionen am Tag oder zunehmend mit der Insulinpumpe. Sie werden von diabetologisch erfahrenen Teams behandelt, intensiv geschult und auch psychologisch betreut.“

Diese neuen Daten seien erfreulich. Nach wie vor sollte man aber gerade bei Kindern und Jugendlichen sorgfältig darauf achten, dass Unterzuckerungen, insbesondere schwere, das heißt mit Bewusstseinsverlust einhergehende, vermieden werden, betont der Experte.

Literatur:
Karges B, Rosenbauer J, Kapellen T, Wagner VM, Schober E, Karges W, Holl RW. Hemoglobin A1c Levels and Risk of Severe Hypoglycemia in Children and Young Adults with Type 1 Diabetes from Germany and Austria: A Trend Analysis in a Cohort of 37,539 Patients between 1995 and 2012. PLOS Med. 2014; 11(10): e1001742
Abstract: http://www.plosmedicine.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pmed.1001742


Endokrinologie ist die Lehre von den Hormonen, Stoffwechsel und den Erkrankungen auf diesem Gebiet. Hormone werden von endokrinen Drüsen, zum Beispiel Schilddrüse oder Hirnanhangdrüse, aber auch bestimmten Zellen in Hoden und Eierstöcken, „endokrin“ ausgeschüttet, das heißt nach „innen“ in das Blut abgegeben. Im Unterschied dazu geben „exokrine“ Drüsen, wie Speichel- oder Schweißdrüsen, ihre Sekrete nach „außen“ ab.

Kontakt für Journalisten:
Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)
Dagmar Arnold
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Telefon: 0711 8931-380
Fax: 0711 8931-984
arnold@medizinkommunikation.org
http://www.endokrinologie.net

Medizin - Kommunikation | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Anzeichen einer Psychose zeigen sich in den Hirnwindungen
26.04.2018 | Universität Basel

nachricht Revolutionär: Ein Algensaft deckt täglichen Vitamin-B12-Bedarf
23.04.2018 | Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Why we need erasable MRI scans

New technology could allow an MRI contrast agent to 'blink off,' helping doctors diagnose disease

Magnetic resonance imaging, or MRI, is a widely used medical tool for taking pictures of the insides of our body. One way to make MRI scans easier to read is...

Im Focus: Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

Das Kleben der Zellverbinder von Hocheffizienz-Solarzellen im industriellen Maßstab ist laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und dem Anlagenhersteller teamtechnik marktreif. Als Ergebnis des gemeinsamen Forschungsprojekts »KleVer« ist die Klebetechnologie inzwischen so weit ausgereift, dass sie als alternative Verschaltungstechnologie zum weit verbreiteten Weichlöten angewendet werden kann. Durch die im Vergleich zum Löten wesentlich niedrigeren Prozesstemperaturen können vor allem temperatursensitive Hocheffizienzzellen schonend und materialsparend verschaltet werden.

Dabei ist der Durchsatz in der industriellen Produktion nur geringfügig niedriger als beim Verlöten der Zellen. Die Zuverlässigkeit der Klebeverbindung wurde...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Konferenz »Encoding Cultures. Leben mit intelligenten Maschinen« | 27. & 28.04.2018 ZKM | Karlsruhe

26.04.2018 | Veranstaltungen

Konferenz zur Marktentwicklung von Gigabitnetzen in Deutschland

26.04.2018 | Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Weltrekord an der Uni Paderborn: Optische Datenübertragung mit 128 Gigabits pro Sekunde

26.04.2018 | Informationstechnologie

Multifunktionaler Mikroschwimmer transportiert Fracht und zerstört sich selbst

26.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Berner Mars-Kamera liefert erste farbige Bilder vom Mars

26.04.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics