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Was ein Kind zum Wachsen braucht

03.04.2012
Die Stiftung Kindergesundheit informiert über die unentbehrlichen Komponenten einer gesunden Kinderernährung.
Kinder wachsen schnell – besonders im Vorschulalter und in der Pubertät. Zu diesem rasanten Aufbau benötigen sie viel energiereiches Essen und wichtige Nährstoffe. Es kommt auf die richtige Zusammensetzung der Ernährung an, um ein ungestörtes Wachstum und eine langfristige Gesundheit zu garantieren.

Der Münchner Pädiater und Ernährungsexperte Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit, erläutert die komplexen Zusammenhänge an einem Beispiel: „Für die Bildung von stabilen, kräftigen Knochen benötigt der Organismus des Kindes vor allem Kalzium und Phosphor. Die wichtigste Quelle dafür ist die Milch. Zum Aufbau der Knochen und zur Versorgung der Herzmuskeln und des Nervensystems mit Kalzium braucht der Körper aber auch Vitamin D, entweder ebenfalls aus Milch, oder aus Fisch, Eigelb, Leber, Butter oder Margarine. Und aus der Sonne: Ihre ultravioletten Strahlen sorgen für den Aufbau von Vitamin D in der Haut“.

Kalzium für Knochen und Zähne

Die Versorgung mit Kalzium scheint allerdings immer problematischer zu werden. Die Ernährung vieler Familien enthält heute weniger Kalzium als früher. Fastfood und Softdrinks haben Milch- und Milchprodukte, die Hauptlieferanten von Kalzium, verdrängt. Untersuchungen am Forschungsinstitut für Kinderernährung FKE in Dortmund haben gezeigt, dass etwa ein Drittel der Kinder nicht so viel Kalzium bekommt, wie es nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung wichtig wäre.

Während Babys und Vorschulkinder in aller Regel noch ausreichend mit Kalzium versorgt werden, ist das mit zunehmendem Alter der Kinder immer weniger der Fall. Möglicherweise glauben die Eltern von größeren Kindern, dass die Milch und all das, was man daraus machen kann, nur für kleine Kinder wirklich wichtig sind.

Lange Zeit war man der Ansicht, Kalzium allein sei genug, damit Knochen und Zähne sich gesund entwickeln. Doch Kalzium benötigt das Vitamin D als Wegbegleiter, damit es ausreichend in den Knochen aufgenommen werden kann. Vitamin D ist (zusammen mit dem so genannten Parathormon) das wichtigste Rädchen im komplizierten Kalziumstoffwechsel. Es steigert die Aufnahme des Kalziums aus der Nahrung und fördert die Einlagerung von Kalziumsalzen in die Knochen.

Es scheint, als ob das Sonnenvitamin aber noch mehr kann: Es mehren sich Hinweise auf eine Stärkung des Immunsystems und eine geringes Risiko von Atemwegsinfekten. Besonders eindrucksvoll sind die Ergebnisse einer Studie, in der die Gesundheit von Kindern über 31 Jahre verfolgt wurde. Kinder, die als Babys ausreichende Mengen von Vitamin D erhalten haben, hatten später als Erwachsene ein um 80 Prozent geringeres Risiko, an einem Typ I-Diabetes zu erkranken.

„Leider liegt in Deutschland auch die Versorgung mit Vitamin D zum Teil erheblich unter den empfohlenen Werten“, bedauert Professor Koletzko: „Die von internationalen Fachgremien befürworteten Werte für die Nährstoffzufuhr für Vitamin D werden von den meisten Kindern und Jugendlichen jenseits des Säuglingsalters deutlich unterschritten. Besonders niedrige Vitamin-D-Spiegel werden bei 11- bis 13-jährigen Mädchen und bei 14- bis 17-jährigen Jungen gemessen, also ausgerechnet in einer für das Wachstum und den Aufbau der Knochen besonders wichtigen Entwicklungsphase“.

Das Problem ist: Nennenswerte Mengen des Vitamins finden sich nur in fettem Seefisch (z. B. Lachs, Hering, Makrele, Lebertran), in Eiern oder Milch. Um den empfohlenen Bedarf von täglich zwischen 400 und 800 I. E. Vitamin D zu decken, müsste man mindestens drei bis vier Fischmahlzeiten pro Woche zu sich nehmen (oder mindestens 10 Eier täglich essen).

Kinder zur Sonne, ins Freie

Das beste Rezept gegen Vitamin-D-Mangel und die Entstehung von Rachitis wäre ein tägliches Sonnenbad. Das ist jedoch in unseren Breiten leider leichter gesagt als getan, beklagt die Stiftung Kindergesundheit: In den Wintermonaten November bis Februar ist die UV-B-Strahlung in Nord- und Mitteleuropa im Allgemeinen zu schwach, um eine ausreichende Produktion von Vitamin D im Körper wie gewünscht anzustoßen.

Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin DGKJ erweiterte deshalb jüngst ihre bisherigen Empfehlungen und fordert: In Zukunft sollten nicht nur Babys, wie bisher, sondern alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland zusätzliches Vitamin D3 erhalten. Außerdem sollten die Kinder- und Jugendärzte die Eltern darauf hinweisen, wie sinnvoll der Aufenthalt ihrer Kinder unter freien Himmel ist, und zwar in Bewegung mindestens eine halbe Stunde am Tag, am besten mit unbedeckten Kopf und mit freien Armen und Beinen.

Eisen für Muskeln, Blut und Nerven
Für das gesunde Wachstum ebenso unentbehrlich ist der Mineralstoff Eisen. Er wird für die Bildung von Blut und für das Wachstum von Muskeln benötigt. „Am besten verarbeitet der Organismus Eisen aus Fleisch und Fleischprodukten. Leider werden gerade diese Lebensmittel von vielen Kindern nicht gern gegessen“, erklärt Professor Koletzko. Die Folge: In aktuellen Studien aus Bayern weist nahezu die Hälfte der Kinder im Alter zwischen sieben und neun Jahren erhebliche Defizite in der Eisenaufnahme auf.

In der DONALD-Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund erreichen die Kinder im Mittel 80 bis 90 Prozent der empfohlenen Werte für die Eisenversorgung, unter den Mädchen zwischen zehn und 18 Jahren sind das jedoch nur 75 Prozent. Folgen von Eisenmangel können aber Müdigkeit, Blutarmut, Muskelschwäche und Appetitlosigkeit sein, warnt die Stiftung Kindergesundheit.

Jod für den Hormonhaushalt

Auch das natürliche Spurenelement Jod, das eine reibungslose Arbeit der Schilddrüse ermöglicht, zählt zu den für Gesundheit und Wachstum unentbehrlichen Substanzen. Die Schilddrüse ist ein wichtiger Schrittmacher für den Organismus.

Ihre beiden Hormone, die für ihre Arbeit Jod benötigen, bestimmen das Tempo des Energiestoffwechsels im Körper. Sie steuern Sauerstoffverbrauch, Körpertemperatur und Muskelaktivität, regen das Wachstum an und senken den Cholesterinspiegel. Sie beeinflussen außerdem alle anderen Hormone bildenden Organe des Körpers.

Deutschland zählt zu den jodärmsten Ländern Europas: Unser Trinkwasser, die hier wachsenden Pflanzen und das Fleisch der damit ernährten Tiere enthalten nur wenig von diesem lebenswichtigen Spurenelement. Nennenswerte Mengen von Jod sind nur in Seefischen vorhanden, die ja auch gute Lieferanten von Vitamin D sind. Um Störungen der Schilddrüsenfunktion besser vorzubeugen, sollten Familien im Haushalt jodiertes und am besten auch mit Fluorid und Folsäure angereichertes Speisesalz verwenden. Wichtig ist auch der Kauf von Back- und Wurstwaren, die mit Jodsalz hergestellt wurden.

Vitamine für Kraft und Fitness

Die Wichtigkeit von Vitaminen für die gesunde Entwicklung ist den meisten Eltern bewusst. Schwierig wird es allerdings, die Kinder zum Essen von vitaminreichem Gemüse und Obst zu animieren. Der Hinweis, wie gesund das alles sei, zieht nicht: Die Kinder merken nur, dass sie etwas essen sollen, was sie nicht wollen.

Eltern müssen deshalb häufig zu Tricks greifen. Ein Beispiel: Viele Kinder essen rohes Gemüse lieber als gekochtes. In einem solchen Fall sollte im Haushalt immer etwas Obst oder rohes Gemüse, gewaschen und in appetitlichen Happen in erreichbarer Höhe stehen. Eine praktische Faustregel zur benötigten Menge an Obst und Gemüse: Fünf Kinderhände voll Obst und Gemüse über den Tag verteilt. Für ein Vierjähriges sind das zum Beispiel zwei kleine Tomaten, ein paar kernlose Trauben, zwei Stückchen rohe Kohlrabi, eine halbe Banane, ein Stück Gurke.

Die von Ernährungsexperten ermittelten Mengen zur optimalen Versorgung von Kindern und Jugendlichen werden leider von vielen Kindern nicht einmal annähernd erreicht. Dazu einige Beispiele:

o 22 Prozent der Jungen und 30 Prozent der Mädchen im Vorschulalter erhalten nicht einmal die Hälfte der empfohlenen Milchmenge.

o In fast allen Altersgruppen essen die Kinder zu wenig pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Brot, Kartoffeln und andere kohlehydratreiche Beilagen. Dafür wird insbesondere mit zunehmendem Alter zu viel Fleisch und damit auch zu viel Fett konsumiert.

Die in deutschsprachigen Länder empfohlenen D-A-CH-Referenzwerte werden für die Vitamine D und E sowie für Folat, Ballaststoffe, Kalzium und Eisen (bei Mädchen) von den meisten Kindern unterschritten, während der Fleischverbrauch verhältnismäßig hoch und die konsumierten Fette ungünstig sind.

Wovon mehr, wovon weniger?
Die Stiftung Kindergesundheit empfiehlt allen Eltern, sich an folgende Regeln zu halten:

o Mehr pflanzliche Lebensmittel, vor allem Gemüse, Obst, Brot und Kartoffeln;

o Mehr Vollkornmehl, -brot, -nudeln oder -reis anstelle von hellen Produkten.
Brot sollte dick geschnitten und dünn belegt werden;
o Mehr fettreduzierte Milchprodukte anstelle von Vollmilchprodukten;
o Mehr fettarme Wurst- und Fleischsorten anstelle von fettreichen Varianten;
o Weniger Fett- und zuckerreiche Lebensmittel (Speisefette, Süßwaren, Knabberartikel);

o Kinder brauchen viel zu Trinken, im Durchschnitt fünf bis sechs Gläser Flüssigkeit am Tag. Aber bitte lieber als Leitungswasser, Mineralwasser oder ungesüßter Früchtetee anstelle von übersüßten Softdrinks.

o Beim Kochen und Braten lieber Raps- oder Olivenöl anstelle von anderen Ölen und Fetten.

Eltern sollten allerdings der Versuchung widerstehen, das Essverhalten ihrer Kinder streng zu kontrollieren, unterstreicht Professor Koletzko. Besser sei es, ein ausgewogenes Essensangebot bereitzustellen.
Dem Kind bleibt dann überlassen, wie viel es davon isst. Auf diese Weise entwickelt das Kind ein natürliches Hunger- und Sättigungsgefühl, und das ist die beste Vorbeugung gegen Überernährung und Übergewicht.

Und noch ein Letztes: Kinder lernen auch bei der Ernährung durch Nachahmung ihrer Eltern. Doch die Medaille hat zwei Seiten, gibt die Stiftung Kindergesundheit zu bedenken: Ernähren sich die Eltern gesund, wird auch ihr Kind das (hoffentlich) übernehmen – genau so ist es aber leider auch bei schlechtem Vorbild der Eltern.

Vorbeugen ist besser als heilen.

Deshalb setzt sich die 1998 gegründete Stiftung Kindergesundheit für eine verbesserte Gesundheitsvorbeugung ein, fördert die hierzu notwendige Forschung und die Verbreitung wissenschaftlich gesicherter Informationen für Ärzte und Familien mit Kindern. Unser Engagement gilt nicht nur Kindern mit besonderen gesundheitlichen Problemen. Die gewonnenen Erkenntnisse kommen allen Kindern und ihren Familien zugute.

Hildegard Debertin | idw
Weitere Informationen:
http://www.kindergesundheit.de/

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