Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Inkontinenz und Beckenbodensenkung – wann Beckenbodentraining, wann OP?

12.10.2012
Konzentriertes, langfristiges Beckenbodentraining ist der zwingende erste Behandlungsschritt bei Inkontinenz der Frau. Die Erfolgsaussichten sind schlecht, wenn keine professionelle und spezialisierte Physiotherapie erfolgt. Auf dem DGGG-Kongress 2012 wurden ärztliche Optionen diskutiert.

Eine etablierte nicht-medikamentöse und nicht-chirurgische Behandlungsoption bei Belastungsinkontinenz ist das Beckenbodentraining mit oder ohne Biofeedback. Ziel ist es, die Beckenbodenmuskulatur zu stärken und die Koordination der bewussten Beckenbodenkontraktionen zu verbessern, damit bei drohendem Urinverlust die Harnröhre verschlossen werden kann.

Eine solche Strategie setzt voraus, dass Frauen kognitiv gesund sind und aktiv mitarbeiten, so Prof Dr. med. Werner Bader, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Urogynäkologie und plastische Beckenbodenrekonstruktion (AGUB) der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe . Der Einsatz von Biofeedbackgeräten oder Elektrostimulation kann das Erlernen der willkürlichen Kontraktion erleichtern. Das Verfahren muss aber konsequent und langfristig angewandt werden, um spürbare Erfolge zu erzielen. Schwache Stromimpulse stimulieren dabei die Beckenbodenmuskulatur und trainieren diese auf passive Weise. Zusätzlich kann die Anwendung von mechanischen Hilfsmitteln (Pessare), die in die Scheide eingeführt werden und durch Druck von unten die Harnröhre bzw. die Blase bei Belastung stabilisieren, sinnvoll sein.

Eine vergleichende Analyse verschiedener Studien (Metaanalyse) hat ergeben, dass ein Beckenbodentraining wirksamer ist als eine Nichtbehandlung. Die Ergebnisse dieser Metaanalyse deuten darauf hin, dass gerade jüngere Frauen zwischen 40 und 60 Jahren mit reiner Belastungsinkontinenz den größten Nutzen aus dem Training ziehen können. Bei konsequentem Training kann mit Heilungs- bzw. Besserungsraten von 46-75% gerechnet werden, wobei keine Nebenwirkungen zu befürchten sind. Auch das aktuelle Cochrane-Review 2011 stützt diese Zahlen.

Der Erfolg der Methode hängt sehr von der Motivation und der aktiven Mitarbeit der Patientin ab. Für viele Frauen ist es schwierig, das Übungsprogramm längerfristig konsequent durchzuführen: Ein Großteil der Betroffenen bricht das Training im Laufe der Zeit ab. Ein erster Erfolg zeigt sich frühestens nach sechs Wochen, aber erst nach drei bis vier Monaten kann bewertet werden, ob sich die Inkontinenz tatsächlich messbar gebessert hat so Prof. Werner Bader.

Außerdem schafft es nur die Hälfte der Frauen, das Beckenbodentraining alleine oder nach kurzer Anweisung zu erlernen und dann selbständig weiterzuführen: Nach zehn Jahren sind zwei Drittel der Patientinnen (66%) mit dem Ergebnis unzufrieden.

Nur angeleitete Physiotherapie erhöht die Erfolgsrate. Inzwischen gibt es in Deutschland eine wachsende Anzahl spezialisierter Physiotherapeutinnen, die auch mittels vaginaler Kontrolle – wie es in anderen Ländern seit langem bereits Standard ist – die Patientinnen gezielt anleiten. Hier besteht gerade in der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pessartherapeuten gegenüber anderen Ländern der EU, insbesondere den skandinavischen, noch immer ein großer Nachholbedarf.

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit bei der Inkontinenz sind Medikamente. Als Standard hat sich heute bei allen postmenopausalen Patientinnen eine lokale Östrogenisierung mittels eine Östriol-haltigen Präparates etabliert. Darüber hinaus gibt es eine spezifische Therapie zur Behandlung der Inkontinenz durch einen Serotonin-Reuptake-Hemmer, das Duloxetin. Wenn nicht Nebenwirkungen bzw. Kontraindikationen den Einsatz verbieten, ist die Verordnung von Duloxetin auch mit einer sehr langfristigen Option eine sinnvolle Maßnahme.

Ist es nicht möglich, eine Inkontinenz mit physiotherapeutischen und medikamentösen Mitteln zu beherrschen – und erst dann –, so steht ein operativer Eingriff zur Diskussion. Ziel ist nicht eine Maßnahme an der Harnröhre selbst, sondern ein Wiederaufbau und eine Stabilisierung der Bänder und der Muskulatur des Beckenbodens. Häufig werden, den anatomischen Gegebenheiten angepasst, Bänder aus synthetischem Material eingesetzt. Hierbei ist das so genannte TVT (Tension free vaginal tape) der Goldstandard der Inkontinenzbehandlung geworden.

Different hierzu verhält es sich mit dem Einsatz vom künstlichen Netzgewebe (Meshes) zur Korrektur von bestehenden Senkungsleiden. Die Netze, die vor allem bei Frauen mit Rezidiven bei Gebärmutter- und Scheidensenkung eingesetzt werden, sind bewährt und etabliert. Die FDA hat jedoch bereits im Sommer 2008 und erneut in 2011 vor einem unkritischen Einsatz in der Deszensuschirurgie gewarnt. Sie bezog sich dabei auf 1503 gemeldete Fälle mit postoperativen Komplikationen. Umgerechnet auf die etwa 225.000 Patientinnen, die in dieser Zeit operiert wurden, bedeutet das eine Komplikationsrate von 0,67%. Die AG Gynäkologische Urologie und plastische Beckenbodenrekonstruktion der DGGG hat sich deshalb der Empfehlung der FDA nicht angeschlossen, sondern sich für Deutschland für eine Beibehaltung dieser chirurgischen Option ausgesprochen. Der Operateur bzw. die Operateurin sollte allerdings eine hohe, nachgewiesene Qualifikation für rekonstrukte Eingriffe am Beckenboden mitbringen, und die Patientin sollte entsprechend aufgeklärt sein.

Hinweis: www.ag-ggup.de = Speziell ausgebildete Physiotherapeutinnen und –therapeuten im Beckenbodenbereich.

© DGGG 2012

Ansprechpartner für die Medien:

Prof. Dr. med. Werner Bader
Klinikum Bielefeld Mitte
Chefarzt des Zentrums für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Teutoburger Straße 50
D-33604 Bielefeld

Dr. Susanna Kramarz | idw
Weitere Informationen:
http://www.dggg.de/
http://www.agub.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Im Focus: Developing reliable quantum computers

International research team makes important step on the path to solving certification problems

Quantum computers may one day solve algorithmic problems which even the biggest supercomputers today can’t manage. But how do you test a quantum computer to...

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Von Hefe für Demenzerkrankungen lernen

22.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Sektorenkopplung: Die Energiesysteme wachsen zusammen

22.02.2018 | Seminare Workshops

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics