Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum Infusionen krank machen können

30.09.2009
Entzündungsstoffe werden durch Anlagerung von Zuckermolekülen an Proteine gebildet / Heidelberger Forscher fordern erweiterte Qualitätskontrolle

Schwerkranke Menschen, die an einer Blutvergiftung, Verbrennungen oder Blutverlust leiden, brauchen Flüssigkeitszufuhr durch Infusionen. Diese enthalten Humanes Serum Albumin (HSA), Eiweißbestandteile, im menschlichen Blut.

Die Arbeitsgruppe von Privatdozentin Angelika Bierhaus, Abteilung Innere Medizin I und Klinische Chemie am Universitätsklinikum Heidelberg, hat festgestellt, dass HSA-Infusionen Stoffe enthalten können, die Entzündungsreaktionen auslösen und im Tierexperiment zu einer erhöhten Sterblichkeit führen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Infusionen auch beim Menschen lebensbedrohliche Entzündungsreaktionen hervorrufen können. Die Heidelberger Wissenschaftler fordern deshalb zusätzliche Qualitätskontrollen. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen sind online im "Journal of Leucocyte Biology" veröffentlicht.

Dass eiweißhaltige Infusionslösungen häufig Nebenwirkungen verursachen, ist bekannt; dafür werden verschiedene Ursachen diskutiert. Infusionslösungen werden zwar routinemäßig auf Reinheit und Sterilität überprüft, dabei werden aber vor allem mögliche Kontaminationen mit Bakterien oder Viren berücksichtigt. Sogenannte "Advanced glycation end products" (AGE's) werden bei der normalen Qualitätskontrolle jedoch nicht erfasst.

AGE's entstehen nach Herstellung der Infusionslösungen durch Anlagerung von Zuckerresten an die Eiweißmoleküle. Diese Reaktion erfolgt ohne Beteiligung von Enzymen. AGE's können über einen körpereigenen Rezeptor (RAGE) entzündliche Reaktionen hervorrufen. Die Aktivierung dieses Rezeptors spielt auch beim klinischen Verlauf der Blutvergiftung eine große Rolle.

Kontamination erhöht die Sterblichkeit im Tiermodell

Die Wissenschaftler untersuchten verschiedene, auf dem Markt erhältliche Infusionslösungen auf ihren Gehalt an AGE's und fanden stark variierende Konzentrationen, unabhängig von der herstellenden Firma oder der untersuchten Charge. Ein gängiges Tiermodell für eine behandlungsbedürftige Blutvergiftung sind Mäuse mit experimentell erzeugter Bauchfellentzündung. Die Forscher teilten die Mäuse in zwei Behandlungsgruppen ein: Die eine Gruppe erhielt Infusionen, die viel AGE's enthielten, die andere Gruppe Infusionen mit geringen AGE-Konzentrationen. In der ersten Gruppe (viel AGE's) waren im Vergleich zur zweiten Gruppe Entzündungsreaktionen und Sterblichkeit deutlich erhöht. Der Krankheitsverlauf genetisch veränderter Mäuse, die keinen Rezeptor für AGE besitzen, blieb unbeeinflusst.

Screening bei Qualitätskontrolle unbedingt erforderlich

Vermutlich wird die AGE-Konzentration in den Infusionslösungen durch einen bestimmten Herstellungsprozess begünstigt. Welcher dies ist, muss aber noch herausgefunden werden. Bis dahin sollte ein erhöhter AGE-Gehalt durch erweiterte Qualitätskontrollen vermieden werden. "Die Ergebnisse sind nicht nur für Humanes Serum Albumin relevant, sondern auch für andere eiweißhaltige Lösungen, wie z.B. Antikörper oder Gerinnungsfaktoren", sagt Professor Peter Nawroth, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik I und Klinischen Chemie. "Wir sind der Meinung, dass die herstellenden Firmen dringend eine routinemäßige Kontrolle auf posttranslational modifizierte Proteine wie die AGE's einführen sollten."

Literatur:
AGE-modified albumin containing infusion solutions boosts septicaemia and inflammation in experimental peritonitis. Per M. Humpert, Ivan K. Lukic, Suzanne R. Thorpe, Stefan Hofer, Ezzat M. Awad, Martin Andrassy, Elizabeth K. Deemer, Michael Kasper, Erwin Schleicher, Markus Schwaninger, Markus A. Weigand, Peter P. Nawroth, und Angelika Bierhaus. The Journal of Leucocyte Biology, online publiziert April 2009.
Weitere Informationen über die Abteilung Innere Medizin I und Klinische Chemie:
www.klinikum.uni-heidelberg.de/Innere-Medizin-I-Endokrinologie-und-Stoffwechsel.106652.0.html
Ansprechpartner:
PD Dr. Angelika Bierhaus
Senior Scientist
Abteilung Innere Medizin I und Klinische Chemie
Universitätsklinikum Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 410
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 47 52
Fax: 06221 / 56 47 54
E-Mail: angelika_bierhaus(at)med.uni-heidelberg.de
Prof. Peter Nawroth
Ärztlicher Direktor
Abteilung Innere Medizin I und Klinische Chemie
Universitätsklinikum Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 410
69120 Heidelberg
Tel.: 06221-56-8601
Fax: 06221-56-5226
Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang
Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 7.000 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 40 Kliniken und Fachabteilungen mit 1.600 Betten werden jährlich rund 500.000 Patienten ambulant und stationär behandelt. Derzeit studieren ca. 3.100 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland. (Stand 12/2008)
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Die bestmögliche Behandlung bei Hirntumor-Erkrankungen
28.03.2017 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Demenz: Forscher testen Wirkstoffe im Hochdurchsatz
28.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Warum der Brennstoffzelle die Luft wegbleibt

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chlamydien: Wie Bakterien das Ruder übernehmen

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Sterngeburt in den Winden supermassereicher Schwarzer Löcher

28.03.2017 | Physik Astronomie