Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Immunzellen mit Killer-Instinkt: Bewährtes Anti-Tumor-Medikament zeigt neue Wirkung

26.03.2012
Das gegen Hautkrebs eingesetzte Therapeutikum Imiquimod zeigt eine bisher unbekannte Wirkung auf Immunzellen. Sogenannte Dendritische Zellen werden durch das Medikament in effiziente "Tumor-Killer" umgewandelt.

Diese rücken dem Tumor direkt zu Leibe und zerstören dessen Zellen. Dabei agieren die Dendritischen Zellen sehr "geschickt" - sie produzieren nicht nur spezielle Substanzen mit zellschädlicher Wirkung, sondern schaffen es auch ohne die Hilfe von T- und B-Zellen und natürlichen Killer-(NK)-Zellen, den Tumor zu bekämpfen. Die Entdeckung dieses komplexen Zusammenspiels wurde in einem Doktoratskolleg des Wissenschaftsfonds FWF gemacht und vor Kurzem im Journal of Clinical Investigation publiziert und kommentiert.

Seit 15 Jahren ist der Wirkstoff Imiquimod zur Behandlung bestimmter Hauterkrankungen inklusive einiger Hautkrebsarten zugelassen - seit 15 Jahren hat sich der als Hautcreme verabreichte Wirkstoff oftmals bewährt. Trotz dieses therapeutischen Erfolgs war der genaue Wirkmechanismus des Medikaments bei der Bekämpfung von Tumoren bisher nicht bekannt. Jetzt hat eine Gruppe um Prof. Maria Sibilia, Vorstand des Instituts für Krebsforschung der Medizinischen Universität Wien, unbekannte und überraschende Wirkungen von Imiquimod (Imi) auf spezielle Immunzellen feststellen können.

ZELLULÄRE INFANTERIE
In einem Mausmodell für schwarzen Hautkrebs konnte das Team um Prof. Sibilia zeigen, dass Imiquimod nicht nur die "Rekrutierung" spezieller Immunzellen bewirkt, sondern diese zusätzlich für den Kampf gegen Tumorzellen "aufrüstet". Dazu Dr. Barbara Drobits, Schlüsselwissenschafterin in dem vom FWF unterstützten Doktoratskolleg, in dem diese Entdeckung gelang: "Wir konnten zeigen, dass Imi zunächst unmittelbar in der Haut auf sogenannte Mastzellen wirkt. Diese sind Zellen des Immunsystems, die Botenstoffe zur Steuerung einer Immunantwort freisetzen können. In Reaktion auf Imi, welches spezielle, als toll-like bezeichnete Rezeptoren aktiviert, setzten sie den Botenstoff CCL2 frei - ein Auftaktsignal, das nun eine für Tumorzellen tödliche Reaktion in Gang setzt."

Tatsächlich konnte die Gruppe zeigen, dass CCL2 in weiterer Folge das Einwandern zusätzlicher Zellen des Immunsystems bewirkt. Die Analyse der nachfolgenden Aktivität dieser Immunzellen sorgte dann für eine echte Überraschung: Die als plasmazytoide Dendritische Zellen (pDCs) bezeichneten Immunzellen waren bisher eher als Modulatoren bekannt - in Reaktion auf Imi entpuppten sie sich nun aber als echte Aggressoren.

KAMPFSTRATEGIE
Dazu Prof. Sibilia: "Tatsächlich gelang es meinem Team, einen wichtigen Aspekt des Imiquimod-induzierten Wirkungsmechanismus und die Rolle der pDCs in diesem zu entschlüsseln. Diese ist Teil einer komplexen Strategie des Körpers im Kampf gegen Tumore. Denn pDCs wurden nicht nur durch CCL2 angelockt, sondern auch zur Produktion von Interferon alpha (IFN alpha) angeregt. Damit werden die pDCs zu echten Tumor-Killern." Tatsächlich bewirkt IFN alpha die Produktion verschiedener Stoffe (TRAIL, granzyme B), die auf Tumorzellen tödlich wirken können. Als eine weitere Besonderheit konnte erstmals gezeigt werden, dass pDCs selbst, unabhängig von den Immunzellen des adaptiven Immmunsystems (B- und T-Zellen), aber auch unabhängig von NK-Zellen, welche beide als wichtige Komponenten der tumoralen Immunantwort gesehen werden, die Zerstörung der Tumorzellen einleiten.

Insgesamt gelang es dem Team des Doktoratskollegs "Inflammation and Immunity", einen neuen Wirkmechanismus von Dendritischen Zellen bei der Tumorbekämpfung zu entdecken. Denn niemals zuvor konnte eine so direkte Bekämpfung der Tumore durch pDCs beobachtet werden. Inwieweit sich diese Entdeckung für innovative Krebstherapien nutzen lässt, werden weitere Arbeiten zeigen. Denn noch bleiben wichtige Fragen offen, wie Dr. Drobits meint: "Es ist bekannt, dass einige Tumorzellen selbst CCL2 produzieren. Also dieselbe Kaskade wie Imi in Gang setzen sollten. Doch das bewirkte nicht immer einen positiven Erkrankungsverlauf. Warum? Das wissen wir noch nicht und gilt es zu klären." Mit Herausforderungen wie diesen wird das Doktoratskolleg des FWF wieder einem wichtigen Ziel gerecht: jungen WissenschafterInnen die Chance zu geben, ganz vorne an der Wissenschaftsfront mit dabei zu sein.

Originalpublikation: Imiquimod clears tumors in mice independent of adaptive immunity by converting pDCs into tumor-killing effector cells. B. Drobits, M. Holcmann, N. Amberg, M. Swiecki, R. Grundtner, M. Hammer, M. Colonna, and M. Sibilia. J Clin Invest. 2012;122(2):575 585. doi:10.1172/JCI61034.

Bild und Text ab Montag, 26. März 2012, 09.00 Uhr MEZ verfügbar unter:
http://www.fwf.ac.at/de/public_relations/press/pv201203-de.html
Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Maria Sibilia
Institut für Krebsforschung
Medizinische Universität Wien
Borschkegasse 8a
1090 Wien
T +43 / (0)1 / 4277 65211
E Maria.Sibilia@meduniwien.ac.at
Der Wissenschaftsfonds FWF:
Mag. Stefan Bernhardt
Haus der Forschung
Sensengasse 1
1090 Wien
T +43 / (0)1 / 505 67 40 - 8111
E stefan.bernhardt@fwf.ac.at
W http://www.fwf.ac.at
Redaktion & Aussendung:
PR&D - Public Relations für Forschung & Bildung Mariannengasse 8
1090 Wien
T +43 / (0)1 / 505 70 44
E contact@prd.at
W http://www.prd.at

Margot Pechtigam | PR&D
Weitere Informationen:
http://www.fwf.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verbesserte Heilungschancen durch individualisierte Therapie bei Hodgkin Lymphom
23.10.2017 | Uniklinik Köln

nachricht Aktuelle Therapiepfade und Studienübersicht zur CLL
20.10.2017 | Kompetenznetz Maligne Lymphome e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Salmonellen als Medikament gegen Tumore

HZI-Forscher entwickeln Bakterienstamm, der in der Krebstherapie eingesetzt werden kann

Salmonellen sind gefährliche Krankheitserreger, die über verdorbene Lebensmittel in den Körper gelangen und schwere Infektionen verursachen können. Jedoch ist...

Im Focus: Salmonella as a tumour medication

HZI researchers developed a bacterial strain that can be used in cancer therapy

Salmonellae are dangerous pathogens that enter the body via contaminated food and can cause severe infections. But these bacteria are also known to target...

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Konferenz IT-Security Community Xchange (IT-SECX) am 10. November 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Luftfracht

23.10.2017 | Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Magma sucht sich nach Flankenkollaps neue Wege

23.10.2017 | Geowissenschaften

Neues Sensorsystem sorgt für sichere Ernte

23.10.2017 | Informationstechnologie

Salmonellen als Medikament gegen Tumore

23.10.2017 | Biowissenschaften Chemie