Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn das Immunsystem Gewichtsprobleme macht

24.02.2009
Immer mehr Menschen haben Gewichtsprobleme mit teils schwer wiegenden Folgen für die Gesundheit.

Forscher vom Biozentrum der Universität Basel haben nun Antikörper identifiziert, die bei der Entstehung von Übergewicht eine Rolle spielen könnten.

Damit wäre bei einer bestimmten Gruppe von Adipositas-Patienten zum ersten Mal eine individualisierte medizinische Beratung möglich. Die Forschungsergebnisse werden in der Märzausgabe des "Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism" publiziert.

Übergewicht und Fettleibigkeit, auch Adipositas genannt, sind in den letzten Jahrzehnten weltweit zu einem medizinischen Problem geworden. So ist in den USA inzwischen mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung übergewichtig oder adipös, ohne dass bei den meisten Patienten spezifische Ursachen dafür verantwortlich gemacht werden könnten.

Aus Untersuchungen am Tier und aufgrund seltener Fälle von Einzelgenmutationen am Menschen sind verschiedene Schaltstellen im Gehirn bekannt, die bei der Regulation der Nahrungsaufnahme eine wesentliche Rolle spielen. Ein Beispiel dafür ist der so genannte Melanocortin-4 (MC4) Rezeptor im Hypothalamus, einer Hirnregion, die für die Koordination des Energiehaushalts wichtig ist. Wird der MC4-Rezeptor, der normalerweise den Appetit und damit die Nahrungsaufnahme senkt, über längere Zeit blockiert, führt das zu Adipositas.

Ist bei Adipositas das Immunsystem beteiligt?
Prof. Karl G. Hofbauer und Dr. Jean-Christophe Peter vom Biozentrum der Universität Basel konnten bereits vor zwei Jahren in experimentellen Studien an Nagern nachweisen, dass die aktive Immunisierung gegen diesen Rezeptor die Produktion von hemmenden Antikörpern auslöst.

Diese Antikörper führen an den immunisierten Tieren zu einer Gewichtszunahme und zu Stoffwechselstörungen, wie sie auch an adipösen Patienten beobachtet werden. Ausgehend von diesem Befund formulierten die Wissenschaftler die Hypothese, dass auch beim Menschen Adipositas entstehen könnte, wenn der Appetit durch solche Antikörper gesteigert würde.

Antikörper, die sich gegen körpereigene Proteine richten, werden Autoantikörper genannt, und man kennt verschiedene Krankheitszustände, sogenannte Autoimmunerkrankungen, an denen sie ursächlich beteiligt sind.

Klinischer Nachweis von Autoantikörpern erbracht
Zur Überprüfung ihrer Hypothese untersuchten Hofbauer und sein Team Blutproben von über 200 Patienten mit Normalgewicht, Übergewicht oder Adipositas. Bei etwa 4% der Patienten mit Gewichtsproblemen fanden sich tatsächlich spezifisch gegen den MC4-Rezeptor gerichtete, pharmakologisch aktive Autoantikörper, während bei normalgewichtigen Probanden keine Autoantikörper festgestellt wurden.

Die Tatsache, dass solche hemmenden Autoantikörper nur bei Patienten mit erhöhtem Körpergewicht gefunden wurden, könnte, so Hofbauer, "auf einen Zusammenhang zwischen Autoantikörpern gegen den MC4-Rezeptor und der Entstehung von Übergewicht und Adipositas hinweisen".

Translational Research - individualisierte Medizin
Die Arbeit von Hofbauer und seiner Gruppe lässt sich als so genannter "translational research" bezeichnen. Dabei werden experimentelle Resultate auf den Menschen übertragen, um neue Ansatzpunkte für die klinische Diagnostik und Therapie zu erarbeiten.

Die Forscher haben bereits mithilfe der Stelle für Wissens- und Technologietransfer der Universität Basel (WTT) ein Patent für die Entwicklung von entsprechenden Diagnostika angemeldet. Zurzeit laufen weitere klinische Studien, in denen Hofbauer und seine Gruppe untersuchen, wie Patienten mit Autoantikörpern gegen den MC4-Rezeptor auf Diät oder operative Eingriffe ansprechen.

Diese Ergebnisse sollten Hinweise auf die klinische Bedeutung solcher Autoantikörper erbringen und eine individuelle Beratung und Betreuung der betroffenen Patienten ermöglichen.

Originalbeitrag
Jean-Christophe Peter, Akkiz Bekel, Anne-Catherine Lecourt, Géraldine Zipfel, Pierre Eftekhari, Maya Nesslinger, Matthias Breidert, Sylviane Muller, Laurence Kessler, and Karl G. Hofbauer
Anti-melanocortin-4 receptor autoantibodies in obesity
Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, First published ahead of print December 2, 2008 | doi: 10.1210/jc.2008-1749
Weitere Auskünfte
Prof. Dr. Karl G. Hofbauer, Universität Basel
Biozentrum, Angewandte Pharmakologie
Klingelbergstrasse 50/70, CH-4056 Basel
E-Mail: karl.hofbauer@unibas.ch
Tel. +41 61 267 16 45

Reto Caluori | idw
Weitere Informationen:
http://www.unibas.ch
http://jcem.endojournals.org/cgi/content/abstract/jc.2008-1749v1

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise