Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Immunologen der Uni Bonn bringen Dogma ins Wanken

14.02.2014
Ein internationales Wissenschaftlerteam unter Federführung der Universität Bonn widerlegt ein Dogma

Bislang gingen Immunologen davon aus, dass sich die als „Fresszellen“ fungierenden Makrophagen in zwei unterschiedliche Formen einteilen lassen. Die Forscher haben nun in einer aufwendigen Suche herausgefunden, dass diese Immunzellen sich in deutlich mehr verschiedene Ausprägungen verwandeln.


Farbliche Visualisierung unterschiedlich programmierter Makrophagen.
(c) Foto: Jia Xue/Uni Bonn

Aus dieser Erkenntnis ergeben sich auch für viele Volkskrankheiten vollkommen neue Therapieansätze. Die Ergebnisse erscheinen nun im renommierten Fachjournal „Immunity“.

Makrophagen gehen als „Fresszellen“ im Körper auf Streife und dienen der Beseitigung von Eindringlingen. Nach den üblichen Vorstellungen in der Immunologie werden sie in zwei Gruppen eingeteilt: Erstens in „klassische Makrophagen“, die entzündliche Prozesse anfeuern. Und zweitens in „alternative Makrophagen“, die Entzündungen herunterfahren. Dieses Dogma bringen nun Forscher der Universität Bonn mit ihren Kollegen am Universitätsklinikum Bonn, aus Worcester (USA) und Edinburgh (Schottland) ins Wanken: In einer bahnbrechenden Entdeckung widerlegen die Wissenschaftler diese einfache Einteilung für die Fresszellen.

Makrophagen verarbeiten wie ein Computer komplexe Informationen

„Viele Makrophagen passen nicht in dieses Schema“, sagt Prof. Dr. med. Joachim L. Schultze vom Life & Medical Sciences (LIMES) Institut der Universität Bonn. „Vielmehr steht dieses einfache Konzept innovativen Therapieansätzen im Weg.“ Die Makrophagen reagieren nach den Ergebnissen der Forscher auf viele unterschiedliche Reize, zum Beispiel Botenstoffe, die sie wie ein Computer auf höchst komplexe Weise verarbeiten. Daher differenzieren sie nicht nur zu Entzündungen befeuernden oder anti-entzündlichen Makrophagen aus, wie bisher geglaubt. Die Wissenschaftler haben vielmehr mindestens neun verschiedene Formen gefunden, die mit ihren Waffen auf unterschiedliche Weise Eindringlinge optimal bekämpfen.

Die Wissenschaftler des LIMES-Instituts der Universität Bonn nutzten Blutproben verschiedener Menschen, um aus den darin enthaltenen Vorläuferzellen mit Hilfe verschiedener Wachstumsfaktoren möglichst unterschiedliche Makrophagen zu gewinnen. Während diese Fresszellen heranreifen, werden in ihrer DNA bestimmte Gene aktiviert. Welche das sind, erkennen die Forscher anhand der so genannten RNA, die in der Zelle als Erbgut-Bote fungiert. „Mit aufwendigen bioinformatischen Analysen gewannen wir für jeden Makrophagen eine Art Fingerabdruck, der uns zeigte, welche Gene in der Zelle gerade aktiv waren“, berichtet Prof. Schultze. Anhand dieses genetischen Fingerabdrucks konnten die Wissenschaftler darauf zurückschließen, welche Kombination von Reizen dazu geführt hat, das sich der Makrophage in eine bestimmte Richtung entwickelte.

Morgenröte für vollkommen neue Therapieoptionen

Für ihre bioinformatischen Datensätze machten die Forscher anschließend die Feuerprobe: Aus Raucherlungen wurden Makrophagen gewonnen und mit den gleichen Fresszellen in gesunden Lungen verglichen. Es zeigte sich, dass die Makrophagen aus Raucherlungen weder der Entzündungen befeuernden Sorte, noch des anti-entzündlichen Typs zuzuordnen waren. „Wir müssen uns von der einfachen Einteilung der Makrophagen verabschieden und sie in den jeweiligen Zusammenhängen mit Erkrankungen genauer untersuchen“, ist der Wissenschaftler überzeugt. „Wenn wir das herkömmliche Schema verlassen, eröffnen sich vollkommen neue Konzepte.“

Aus den genetischen Fingerabdrücken lasse sich viel über die Aktivierung der Makrophagen und damit über klassische Immunreaktionen herauslesen. „Dies ist die Morgenröte für neue Therapieoptionen“, sagt Prof. Schultze. Denn Makrophagen spielen bei vielen Volkskrankheiten eine Rolle, wie zum Beispiel Arteriosklerose, Fettleibigkeit, Diabetes, Asthma, Alzheimer und Krebs.

Publikation: Transcriptome-based network analysis reveals a spectrum model of human macrophage activation, Fachjournal „Immunity“

Kontakt:

Prof. Dr. med. Joachim L. Schultze
Life & Medical Sciences (LIMES) Institut
Tel. 0228/7362787
E-Mail: j.schultze@uni-bonn.de
Weitere Informationen:
http://dx.doi.org/10.1016/j.immuni.2014.01.006
Die Publikation im Internet

Johannes Seiler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise