Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hundebandwurm: Parasitologe packt das Problem an der Wurzel

12.11.2012
Wissenschaftler der Universität Hohenheim erfasst, wie häufig und in welchen Regionen Hundebandwurm-Arten vorkommen – und wie gefährlich sie sind

Todbringender Schmarotzer: Weltweit sind mehr als eine Million Menschen von der Hundebandwurm-Erkrankung betroffen, viele sterben an den Folgen. Die meisten davon in Asien und Afrika. Dabei lasse sich der Parasit wahrscheinlich durch einfache Vorsichtsmaßnahmen besiegen, so die These von Parasitologe Dr. Thomas Romig von der Universität Hohenheim.

Details soll ein neues Forschungsprojekt klären, bei dem Dr. Romig die einzelnen Arten des Hundebandwurms nach Gefährlichkeit, Häufigkeit und Verbreitungsmuster klassifiziert. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Forschungsprojekt CESSARI mit 270.000 Euro. Damit gehört es zu den Schwergewichten der Forschung an der Universität Hohenheim.

Das Unheil beginnt im Schlachthaus. Immer wieder entdecken dort Metzger seltsame Zysten in den Innereien geschlachteter Schafe. Dass Menschen sie nicht essen sollten, wissen sie. Deshalb schneiden sie die Wucherungen heraus und entsorgen sie. In den meisten Industrieländern hat sich das Problem dadurch erledigt. Nicht aber in weiten Teilen Afrikas, wo die Schlachthygiene zu wünschen übrig lässt.

Herumstreunende Hunde kommen dort ganz einfach an Schlachtabfälle heran – und fressen die Zysten. „In den Zysten schlummern die Larven des Hundebandwurms", erklärt Dr. Thomas Romig vom Fachgebiet Parasitologie an der Universität Hohenheim. „Im Hundekörper finden sie ideale Bedingungen, wachsen aus und legen massenhaft Eier."

Für Menschen ist der Hundebandwurm lebensbedrohlich. Jährlich sterben tausende Menschen auf der ganzen Welt an den Folgen. Über den Kot scheiden Hunde die Wurmeier aus. „Weil die Tiere auch ihren Analbereich mit der Zunge säubern, verteilen sie die Wurmeier in ihrem Fell. Es reicht also, einen Hund zu streicheln, um sich den Parasiten einzufangen", klärt Dr. Romig auf. Die Folge: lebensgefährliche Zysten an inneren Organen. Zystische Echinokokkose nennen Fachleute die Krankheit.

Viele Hundebandwurm-Arten sind noch nicht untersucht

„Es gibt mindestens fünf Arten und zahlreiche Stämme des Hundebandwurms", sagt Dr. Romig. Sie seien unterschiedlich gefährlich für den Menschen und viele bisher noch gar nicht wissenschaftlich untersucht worden. Auch sei nicht klar, welche Art in welcher Gegend vorkomme und welche Schlachttiere sie befalle.

Mit dieser Ungewissheit will der Parasitologe aufräumen. Zusammen mit Partnern in Uganda, Kenia und dem Sudan untersucht Dr. Romig an zwölf verschiedenen Orten die Bevölkerung auf die zystische Echinokokkose. Außerdem inspiziert er Schlachthöfe und schneidet Zysten aus den befallenen Organen heraus. In Alkohol eingelegte Proben nimmt er mit ins Labor.

Nach molekularbiologischer Untersuchung erkennt der Forscher, welche Wurmart welche Zyste verursacht. „Dadurch bekomme ich eine ungefähre Vorstellung davon, wie häufig ein Erreger vorkommt und in welchen Gegenden er besonders verbreitet ist. Daraus ergeben sich Rückschlüsse auf die Gefährdung des Menschen." Denn jede Zyste befällt andere Organe und wächst unterschiedlich schnell.

Vor allem nomadische Hirtenvölker sind betroffen

Voruntersuchungen haben bereits gezeigt: Die Zysten, die Ärzte bei Operationen entfernt haben, werden überwiegend durch ein und dieselbe Hundebandwurm-Art ausgelöst. Auch den Ursprung der Krankheit hat der Forscher auf diesem Weg in Erfahrung gebracht: Es sind die Zysten in Schaforganen. Weitgehende Entwarnung gibt Dr. Romig bei Kamelen: „Es hat sich gezeigt, dass die Wurmart, die Kamele befällt, für den Menschen weit weniger gefährlich ist."

Weil die nomadischen Hirtenvölker mit ihren Wachhunden am stärksten unter der zystischen Echinokokkose leiden, geht der Experte von der Universität Hohenheim davon aus, dass Insekten, Wildtiere und verunreinigtes Wasser als Übertragungswege kaum eine Rolle spielen.

Vorsorge: Mehr Hygiene und eine Altersbeschränkung für Schlachtvieh
Die Forschungsarbeit des Parasitologen legt die Grundlage dafür, dass Bekämpfungsmaßnahmen entwickelt werden können. „Es gibt bereits Ansätze Schafe dagegen zu impfen", erzählt Dr. Romig. Das funktioniere aber nur bei wenigen Arten und helfe den betroffenen Hirtenvölkern überhaupt nicht. Der Impfstoff ist für sie viel zu teuer. Der Wissenschaftler will das Problem an der Wurzel packen: „Es würde schon viel helfen, wenn die Schlachter Hygienestandards einhalten und alte Schafe aus den Herden entfernt würden", sagt er. „Es hat sich nämlich gezeigt, dass vor allem alte Schafe unter Zysten leiden."

Fein raus sind die Hunde: Für sie ist der Hundebandwurm keine Bedrohung. Der Parasit fühlt sich in ihnen zwar wohl, bildet aber keine Zysten.

Hintergrund: Forschungsprojekt CESSARI

Das Akronym CESSARI steht für „Cystic Echinococcosis in Sub-Saharian Africa Research Initiative". Es ist die Fortsetzung eines großangelegten Forschungsprojekts, das bereits 2009 begonnen hat. Das Forschungsprojekt ist im Februar 2012 angelaufen und auf weitere drei Jahre angelegt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert CESSARI in Hohenheim mit 270.000 Euro. Ziel ist neben neuen Erkenntnissen über die zystische Echinokokkose auch ein Technologietransfer nach Afrika und die Fortbildung afrikanischer Ärzte und Wissenschaftler.

Hintergrund: Schwergewichte der Forschung

Rund 28 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Wissenschaftler der Universität Hohenheim im vergangenen Jahr für Forschung und Lehre. In loser Folge präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende Forschungsprojekte mit einem Drittmittelvolumen von mindestens 250.000 Euro bei den Experimental- bzw. 125.000 Euro bei den Buchwissenschaften.

Text: Weik / Klebs

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Methode der Eisenverabreichung
26.04.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Bestrahlung bei Hirntumoren? Eine neue, verlässlichere Einteilung erleichtert die Entscheidung
26.04.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie