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Herz-Kreislauf-Medikamente gegen Multiple Sklerose

18.08.2009
Bochumer Studie ergibt neue Ansatzpunkte für Erkrankungsverständnis und Therapie / RUB-Neurologen berichten in PNAS

Bewährte Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnten eine neue Therapieoption gegen Multiple Sklerose (MS) sein. Darauf deuten die Ergebnisse von Neurologen der Ruhr-Universität hin: Sie beobachteten, dass körpereigene Botenstoffe, die dem Regulationssystem von Blutdruck und Salz-Wasser-Haushalt angehören, auch Einfluss auf Autoimmunreaktionen haben.

Greift man mit Medikamenten in den Regulationskreis ein, verläuft die Entzündungsreaktion im experimentellen MS-Modell in Rückenmark und Gehirn milder.

Die Forscher um Dr. Ralf Linker (Neurologische Klinik der RUB im St. Josef Hospital, Direktor: Prof. Dr. Ralf Gold) berichten in der Online-Ausgabe dieser Woche von PNAS.

Einfluss auf Blutdruck und Entzündungen

Das Renin-Angiotensin-System ist eines der wichtigsten Mediatorsysteme des Körpers zur Regulation des Blutdrucks und der Nierenfunktion. Studien haben gezeigt, dass dieses System auch eine Bedeutung für die Entstehung von Entzündungsvorgängen bei Herz-/Kreislauferkrankungen haben kann. Die Bochumer Arbeitsgruppe untersuchte diese Zusammenhänge nun bei Mäusen in einem experimentellen Modell der Multiplen Sklerose. Sie fanden heraus, dass im MS-Modell wichtige Schaltstellen des Renin-Angiotensin-Systems wie Renin oder der Angiotensinrezeptor AT1R in Rückenmark und Immunzellen im Übermaß vorhanden waren. Unabhängig von einem Einfluss auf den Blutdruck führt die Aktivierung dieser Moleküle dort zu einer vermehrten Anwesenheit bestimmter Immunzellen und zur Ausschüttung von Signalstoffen, die weitere Entzündungszellen anlocken. Bei MS richtet sich das körpereigene Abwehrsystem gegen die "Isolierschicht" der Nervenfaserbahnen und zerstört sie.

Milderer Verlauf durch Medikamente

Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Systems, die sich gegen Renin richten oder den Rezeptor AT1R blockieren, führten im Modell zu einem milderen Krankheitsverlauf und einer Reduktion von Entzündungsvorgängen im zentralen Nervensystem. Vor allem beobachteten die Forscher eine Wirkung auf so genannte Fresszellen (Makrophagen) des Immunsystems, die auch bei der MS eine wichtige Rolle spielen. In einer gleichzeitig veröffentlichten Studie der Gruppe um Prof. Dr. Lawrence Steinman von der Stanford University in Kalifornien ergaben sich ähnliche Effekte auch auf regulatorische Immunzellen.

Bewährte und verträgliche Therapie

Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Systems, wie ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptor-Blocker, werden weltweit bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit gutem Erfolg und guter Verträglichkeit eingesetzt. "Diese Substanzen könnten nun auch in die MS-Therapie Einzug finden, z.B. in Kombination mit bereits etablierten Medikamenten", sagt Dr. Linker. "Wir sehen eine potentiell synergistische Wirkung mit etablierten Basistherapeutika bei MS, was natürlich in Studien zu überprüfen ist." Im Gegensatz zu den neuen Antikörpertherapien bei MS sollten hier keine entsprechenden Risiken, wie z.B. die progressive multifokale Leukencephalopathie (PML), eine Infektion, die bei geschwächtem Immunsystem vorkommt, zu befürchten sein.

Titelaufnahme

Johannes Stegbauer, De-Hyung Lee, Silvia Seubert, Gisa Ellrichmann, Arndt Manzel, Heda Kvakan, Dominik N. Muller, Stefanie Gaupp, Lars Christian Rump, Ralf Gold, and Ralf A. Linker: Role of the renin-angiotensin system in autoimmune inflammation of the central nervous system. In: PNAS, Online Early Edition 17.-21.8.2009, doi_10.1073_pnas.0903602106

Weitere Informationen

Dr. Ralf Linker, Neurologische Klinik St. Josef Hospital, Zentrum für klinische Forschung, Neuroimmunologisches Labor der Ruhr-Universität, 44780 Bochum, Tel.: 0234/32-29048, E-Mail: Ralf.Linker@rub.de

Redaktion: Meike Drießen

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

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