Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hartnäckige Resistenzen

28.01.2015

Resistente Aidsviren können sich rasch ausbreiten. Das zeigt eine Untersuchung der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie, die vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützt wird. Wenn nicht ständig neue Medikamente auf den Markt kommen, droht das Virus die Oberhand zu gewinnen.

Die Anpassungsfähigkeit von Krankheitserregern stellt die moderne Medizin vor grosse Herausforderungen. Gefürchtet sind vor allem Antibiotikaresistenzen von bakteriellen Infektionen.

Allerdings können sich auch andere Keime so weiterentwickeln, dass Medikamente ihnen nichts mehr anhaben können. Nun zeigt eine Studie im Rahmen der gesamtschweizerischen HIV-Kohorte exemplarisch auf, wie sich solche Resistenzen ausbreiten können, wenn nicht ständig neue Medikamente auf den Markt gebracht werden.

"Mit den heutigen Therapien kann die Vermehrung der Viren im Körper der meisten HIV-Patienten zu praktisch 100 Prozent unterdrückt werden", sagt Huldrych Günthard, Präsident der HIV-Kohortenstudie und Professor für Infektiologie am Universitätsspital Zürich.

«Darum sollten auch weniger resistente Viren auftreten und übertragen werden als noch vor ein paar Jahren.» Das stimmt allerdings nur bedingt, wie frühere Untersuchungen zeigten: Die Zahl der Resistenzen, die von einem Infizierten auf den anderen übertragen werden, blieb in den letzten Jahren konstant.

Atempausen dank neuen Medikamenten

Um dieses scheinbare Paradox zu erklären, untersuchten Günthard und seine Forschungskolleginnen und -kollegen die Anzahl und Art der auftretenden Resistenzen in der HIV-Kohorte in den Jahren 1998 bis 2012. Gemäss der eben erschienenen Studie (*) lag der Anteil der Patienten mit übertragenen Resistenzen über die Jahre hinweg bei ungefähr 10 Prozent, wobei die Übertragungsrate stark schwankte.

Zwei gegenläufige Entwicklungen hätten zu diesen Fluktuationen beigetragen, sagt Günthard: Wenn in der Schweiz neue Klassen von Medikamenten auf den Markt kamen, sank die Übertragungsrate von resistenten Viren vorübergehend stark – zum Beispiel im Jahr 2000, als die so genannten «verstärkten Protease-Inhibitoren» zugelassen wurden, oder im Jahr 2009, als zum ersten Mal «Integrase-Inhibitoren» verwendet wurden. Aber zwischen diesen Neuzulassungen stieg die Resistenzübertragung jeweils wieder kontinuierlich. Das zeige, wie wichtig ein ständiger Nachschub an neuen Medikamenten sei, erklärt Günthard.

Unterschiedliche Übertragungswege

Die Forschenden konnten auch aufzeigen, wie unterschiedlich die Übertragungswege von einzelnen resistenten Virentypen sind. Insgesamt sind weltweit weit über 100 wichtige Mutationen bekannt, die zu einer Resistenz des HI-Virus gegen eines oder mehrere Medikamente führen. Eine oft auftretende Mutation namens M184V wurde zum Beispiel hauptsächlich von HIV-Patienten übertragen, die medikamentös behandelt werden. Bei zwei anderen häufigen Mutationen (L90M und K103N) scheinen vor allem unbehandelte infizierte Personen als Reservoir zu dienen.

Wahrscheinlich seien diese Unterschiede auf unterschiedliche Fitness-Kosten der Mutationen zurückzuführen, sagt Günthard. M184V wandelt sich bei unbehandelten Patienten schnell wieder in den nicht-mutierten Zustand zurück, weil diese Resistenzmutation die Virusvermehrung stark reduziert; das bedeutet, dass sich Viren mit der M184V-Mutation prinzipiell nur in behandelten Patienten vermehren, die diese dann weiter übertragen können.

L90M und K103N dagegen könnten sich auch ohne den Druck der Medikamente gegenüber nicht resistenten Virentypen behaupten, weshalb auch unbehandelte Patienten diese Resistenzen weiter verbreiten können. Laut Günthard verdeutlichen diese Resultate exemplarisch, dass die Ausbreitung von Resistenzen noch komplizierter ist, als oft vermutet.

(*) Assessing the paradox between transmitted and acquired HIV-1 drug resistance in the Swiss HIV Cohort Study from 1998 to 2012,
Wan-Lin Yang, Roger Kouyos, Alexandra U Scherrer, Jürg Böni, Cyril Shah, Sabine Yerly, Thomas Klimkait, Vincent Aubert, Hansjakob Furrer, Manuel Battegay, Matthias Cavassini, Enos Bernasconi, Pietro Vernazza, Leonhard Held, Bruno Ledergerber, Huldych F. Günthard, and the Swiss HIV Cohort Study (SHCS), Journal of Infectious Diseases. 2014
(Für Medienvertreter als PDF-Datei beim SNF erhältlich: com@snf.ch)

Ergänzende Literatur

The interplay between transmitted and acquired HIV-1 drug resistance: the reasons for a disconnect, Andrea De Luca and Maurizio Zazzi, Journal of Infectious Diseases, Advance Access, published January 9, 2015
(Editorial)

Kontakt
Prof. Dr. med. Huldrych Günthard
Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene
Universitätsspital Zürich
Tel.: +41 44 255 34 50
E-Mail: huldrych.guenthard@usz.ch

Weitere Informationen:

http://www.snf.ch/de/fokusForschung/newsroom/Seiten/news-150128-medienmitteilung...

Medien - Abteilung Kommunikation | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Antibiotikaresistenzen durch Nanopartikel überwinden?
15.12.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik