Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Greifswalder entdecken Zusammenhang zwischen Bauchspeicheldrüsenentzündung und Blutgruppe B

11.09.2014

In deutschen Krankenhäusern werden jährlich mehr als 72.000 Patienten mit einer akuten oder chronischen Entzündung der Bauchspeicheldrüse behandelt. Mehr als 1.600 versterben daran. Neben vermeidbaren Risikofaktoren wie zu großem Alkoholkonsum und Tabakrauch spielen auch Gallensteine und eine erbliche Veranlagung eine Rolle bei der Entstehung der Pankreatitis. Besonders mit den erblichen Faktoren beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe um Professor Markus M. Lerch und Dr. Georg Homuth an der Universitätsmedizin Greifswald.

Ausgangspunkt war die bekannte Beobachtung, dass bei der akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung höhere Aktivitäten eines Verdauungsenzyms, der Lipase, im Blut erkrankter Patienten zu finden sind. Zunächst haben die Forscher mittels einer sogenannten Genom-weiten Assoziationsstudie (GWAS) an 4.000 gesunden Freiwilligen der SHIP-Studie (Study of Health in Pomerania) untersucht, welche genetischen Faktoren bei Gesunden mit dem Vorliegen hoher oder niedriger Lipase-Werte im Blut korrelieren.

Hierbei fanden sie eindeutige Assoziationen zwischen spezifischen Varianten (sogenannten Polymorphismen) in drei Genen und der Höhe der Lipase-Werte im Blut. Die drei identifizierten Gene ABO, FUT2 und CTRB2 kodieren die ABO-Blutgruppen-Eigenschaften der Probanden und die Enzyme Fucosyltransferase 2 und Chymotrypsinogen-B2.

In einem nächsten Schritt wurden diese Assoziationsbefunde zunächst bei 1.400 gesunden Blutspendern überprüft und bestätigt. Anschließend wurden über 1.000 Greifswalder Patienten mit einer Bauchspeicheldrüsenentzündung untersucht und auch hier bestätigte sich, dass sowohl der sogenannte FUT2-Non-Secretor-Status (also die genetisch bedingte Unfähigkeit, dieses Enzym aus den Drüsenzellen auszuscheiden) als auch die Blutgruppe B ein bis zu 2,5-fach erhöhtes Risiko für eine chronische Pankreatitis erblich vermitteln. Die Erstautorenschaft bei dieser Studie teilen sich Dr. Claudia Schurmann und Dr. Frank Ulrich Weiss.

„Interessant ist, dass diese Erhöhung des Krankheitsrisikos sich vorwiegend auf Patienten mit chronischer Pankreatitis bezieht und nicht auf Patienten mit einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung, unabhängig davon, ob die Patienten zu viel Alkohol trinken oder nicht“, sagt Dr. Schurmann, die zurzeit in New York arbeitet. „Den Risiko-Genvarianten liegt möglicherweise ein gemeinsamer physiologischer Mechanismus in den Bauchspeicheldrüsenzellen zugrunde“, interpretiert Dr. Weiss die Ergebnisse, „weil in Abhängigkeit sowohl von der ABO-Blutgruppe als auch vom FUT2-Non-Secretor- oder Secretor-Status unterschiedliche Zuckerreste an die von Epithelzellen ausgeschiedenen Eiweiße angehängt werden.“

Die Studie, die soeben in der internationalen Fachzeitschrift Gut* erschienen ist, konnte mit der Blutgruppe B nun den häufigsten bislang bekannten Risikofaktor für eine Pankreatitis identifizieren. Allerdings sind die Menschen in verschiedenen Ländern unterschiedlich stark davon betroffen, weil die Risiko-Blutgruppe B beispielsweise nur bei 8 % der Norweger, aber bei 32 % der Inder in Kaschmir vorkommt.

Der FUT2 Non-secretor-Status betrifft etwa 20 % der Weltbevölkerung. „Zukünftige Studien, die entweder die genetischen Faktoren für eine Pankreatitis weiter untersuchen oder spezifische Therapien überprüfen, werden die Häufigkeiten der entsprechenden Genvarianten in ihren Studienkohorten berücksichtigen müssen“, ergänzen die beiden Senior-Autoren der Studie, Professor Lerch und Dr. Homuth.

„Unsere Ergebnisse sind auch deshalb interessant, weil in einer anderen Studie gezeigt wurde, dass die Blutgruppe B auch einen wichtigen Risikofaktor für die Entstehung von Bauchspeicheldrüsenkrebs darstellt. Dies weist darauf hin, dass die chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung und das Pankreaskarzinom zum Teil dieselbe genetische Grundlage haben“.

Die Studie, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Europäischen Union finanziert wurde, zeigt erneut nachdrücklich, wie wesentlich auch bevölkerungsbasierte Kohorten wie die SHIP-Studie zur Erforschung der Ursachen von Krankheiten beitragen können.

*Weiss FU, Schurmann C, Guenther A, Ernst F, Teumer A, Mayerle J, Simon P, Völzke H, Radke D, Greinacher A, Kuehn JP, Zenker M, Völker U, Homuth G, Lerch MM.
Fucosyltransferase 2 (FUT2) non-secretor status and blood group B are associated with elevated serum lipase activity in asymptomatic subjects, and an increased risk for chronic pancreatitis: a genetic association study.
Gut. 2014 Jul 15. pii: gutjnl-2014-306930. doi: 10.1136/gutjnl-2014-306930.
http://gut.bmj.com/content/early/2014/07/15/gutjnl-2014-306930.abstract

Die Arbeitsgruppe von links nach rechts: Prof. Jens-Peter Kuehn, Prof. Julia Mayerle, Dr. Alexander Teumer, Prof. Andreas Greinacher, Dr. Dörte Radke, Prof. Markus M. Lerch, Dr. Georg Homuth, Prof. Uwe Völker, Dr. Peter Simon, Dr. Frank U. Weiss

Universitätsmedizin Greifswald
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin A
Direktor: Prof. Dr. med. Markus M. Lerch
Sauerbruchstraße, 17475 Greifswald
T + 49 3834 86-72 30
E gastro@uni-greifswald.de
http://www.medizin.uni-greifswald.de
http://www.facebook.com/UnimedizinGreifswald

Constanze Steinke | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Tropenviren bald auch in Europa? Bayreuther Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels
21.06.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften