Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gewichtsabnahme ist nicht alles!

02.07.2012
Professor Wabitsch und eine interdisziplinär besetzte Forschergruppe der Ulmer Universitätsmedizin entwickeln einen ganzheitlichen Ansatz zum Thema „Jugendliche mit extremer Adipositas”, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit zwei Millionen Euro gefördert wird.

Im Rahmen der medialen Berichterstattung zur aktuellen Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts ist dieser Teilaspekt ein Dauerbrenner: „Die Deutschen sind zu dick“, „Zu viele dicke Kinder“, „Deutschlands Bäuche wachsen“ – das sind nur einige Überschriften aus den vergangenen Tagen und Wochen, die nahelegen, dass das Thema „Jugendliche mit extremer Adipositas“ nicht nur aktuell ist, sondern ein wirklich ernstes Problem aufgreift.

Gerade deshalb ist der Erfolg von Prof. Dr. Martin Wabitsch, Kinder- und Jugendarzt sowie renommierter Wissenschaftler auf dem Gebiet der Hormonerkrankungen und der Gewichtsregulation, besonders hoch einzuschätzen. Zusammen mit seinem Team startete er in Ulm am gestrigen 1. Juli offiziell den praktischen Teil eines mit zwei Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundprojekts. Ab sofort werden junge Patienten in Ulm in dieses Forschungsprojekt aufgenommen.

„Für Jugendliche mit extremer Adipositas gibt es bislang kein überzeugendes wissenschaftlich-basiertes Behandlungs- und Betreuungskonzept – weder in Deutschland noch in anderen Ländern“, verdeutlicht Professor Wabitsch die aktuelle Situation und den daraus resultieren Handlungsbedarf.

Das mittelfristige Ziel des Projekts – an dem neben Ulm die Charité Universitätsmedizin Berlin, das Universitätsklinikum Leipzig, die Universität Witten-Herdecke und das Universitätsklinikum Essen beteiligt sind – ist die Verbesserung der medizinischen und psychosozialen Betreuung von Jugendlichen mit extremer Adipositas in Deutschland. Denn die Folgen sind ohne einen ganzheitlichen Behandlungsansatz gravierend.
Beispielhaft genannt werden können zahlreiche somatische Folgeerkrankungen, zu denen Typ 2 Diabetes mellitus, das Schlafapnoe-Syndrom und orthopädische Störungen gehören. Hinzu kommen häufig psychische Störungen (z.B. Depression, selbstverletzendes Verhalten) und/oder eine soziale Isolation einschließlich Arbeitslosigkeit, die sich aufgrund funktioneller Beeinträchtigungen und einer Stigmatisierung entwickeln kann.

Den dringenden Nachholbedarf hinsichtlich fundierter Behandlungs- und Betreuungskonzepte unterstreicht auch Dr. Bärbel-Maria Kurth vom Robert Koch-Institut, die sich zu dem Ulmer Projekt äußert: „Die aktuellen Ergebnisse unseres Instituts aus Gesundheitssurveys für in Deutschland lebende Erwachsene (DEGS) zeigen im Vergleich zu 1998 einen Anstieg der Häufigkeit von Adipositas.
Insbesondere bei jüngeren Erwachsenen (im Alter von 18 bis 39 Jahren) hat die extreme Form des Übergewichts stark zugenommen, was die bereits im Kinder- und Jugend-Gesundheitssurvey mit Besorgnis beobachtete Entwicklung fortsetzt. Für diese Krankheit gibt es kaum wirkungsvolle therapeutische Ansätze, noch haben Präventionsmaßnahmen auf Bevölkerungsebene bislang nachhaltige Ergebnisse gezeigt. Die zu erwartenden Ergebnisse aus dem Verbundprojekt können einen wichtigen Beitrag liefern zur Entwicklung neuer Versorgungsstrukturen für diese besondere Patientengruppe in unserer Gesellschaft.“

Trotz der folgenreichen Auswirkungen einer extremen Adipositas im Jugendalter ist diese Gruppe medizinisch schwer zu erreichen und zu behandeln. „Nur ein kleiner Prozentsatz sucht aktiv nach einer Behandlung. Die Gründe hierfür sind bisher kaum verstanden“, gibt Prof. Wabitsch zu bedenken.
Die Wissenschaft geht zurzeit davon aus, dass u.a.
• das junge Alter
• ein überwiegend niedriger Bildungs- und Sozialstatus
• erfolglose Versuche Gewicht abzunehmen (Frustration)
• psychische Begleiterkrankungen
• eine eingeschränkte körperliche Mobilität
wichtige Faktoren sind.

Das Angebot von Professor Wabitsch und seinem Team, zu dem in Ulm Dr. Anja Moss, Dr. Belinda Lennerz, Dr. Helmut Weyhreter und Sigrid Räkel-Rehner gehören, richtet sich an Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren, die einen BMI (Body-Mass-Index) über 30 kg/m2 haben.
Im Rahmen eines Drei-Phasen-Programms verfolgen alle beteiligten Kliniken die Ziele
• Steigerung des Selbstwertgefühls
• frühzeitige Diagnose und Behandlung von Folgeerkrankungen
• Integration in den Ausbildungs- bzw. Arbeitsmarkt.

Drei-Phasen-Programm

1. In Phase eins wird dem betroffenen Jugendlichen eine umfassende Untersuchung des körperlichen und psychischen Gesundheitszustandes angeboten. Es werden die Lebensbedingungen, die psychosoziale Situation und die gesundheitsbezogene Lebensqualität dieser speziellen Patientengruppe charakterisiert. Dies gibt Einblicke in die speziellen Bedürfnisse dieser Risikogruppe. Die Ergebnisse helfen, die weitere Betreuung zu verbessern.
2. Die geplante Intervention in Phase zwei fokussiert nicht vorrangig auf eine Gewichtsabnahme, sondern soll Fertigkeiten vermitteln, die bei der Eingliederung in den Ausbildungs- bzw. Arbeitsmarkt helfen sowie das Selbstwertgefühl steigern sollen.

3. Schließlich wird dem Jugendlichen in Phase drei eine individuelle Therapie vorgeschlagen. Für manche Jugendliche führt dies bis hin zum adipositas-chirurgischen (bariatrisch-chirurgischen) Eingriff. Die bariatrische Chirurgie ist die einzige Therapieoption, die hinsichtlich eines bedeutsamen Gewichtsverlusts bei extrem adipösen Jugendlichen als effektiv angesehen werden kann. Sie wird momentan nur als experimentelle Therapie bei Jugendlichen angewendet, die Zahl operierter Jugendlicher in Deutschland steigt aber stetig. Aufgrund der möglichen Letalität und der assoziierten hohen Langzeit-Risiken ist dies eine besorgniserregende Entwicklung. Prof. Wabitsch: „Wir werden strenge Indikationskriterien für diese Maßnahme anwenden und dann systematisch die Sicherheit und Wirksamkeit einer bariatrisch-chirurgischen Maßnahme bei Jugendlichen mit extremer Adipositas im Rahmen eines strukturierten prä- und post-operativen Betreuungsprogramms untersuchen.“

Alle Jugendlichen, die an dem Programm teilnehmen, sollen im Rahmen einer Verlaufsbeobachtung untersucht werden, die insgesamt mindestens neun Jahre laufen soll. Prof. Wabitsch: „Wir werden dadurch Einblick erhalten in den natürlichen Verlauf der extremen Adipositas im Jugendalter. Wir werden des Weiteren Sub-Analysen durchführen, welche die Behandlungsoptionen berücksichtigen, die diese Jugendlichen angewandt haben. Wir werden den Prozentsatz der Patienten bestimmen, welche in den Arbeitsmarkt oder in eine Ausbildungsstelle integriert werden konnten. Im Rahmen des vom Ministerium geförderten Kompetenznetz-Adipositas planen wir in unserem Verbundprojekt ein Versorgungsnetzwerk aufzubauen, in dem kompetente Fachleute verschiedener Einrichtungen klinische Diagnostik, Beratung, Hilfestellung und Behandlungsmöglichkeiten für die betroffenen Personen anbieten.“

Weitere Informationen:
Weitere Informationen zum Kompetenznetz Adipositas gibt es im Internet unter www.kn-adipositas.de. Die Arbeit von Professor Wabitsch und seinem Team wird unter www.adipositasforschung-ulm.de ausführlich erläutert. Die Datendokumentation und -verarbeitung wird durch Prof. Dr. Reinhard Holl und sein Team, Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie in Ulm, durchgeführt.

Kontakt:
Prof. Dr. Martin Wabitsch
Koordinator des BMBF-Verbundprojektes „Jugendliche mit extremer Adipositas“
Interdisziplinäre Hochschulambulanz für Adipositas
Eythstr. 24
89075 Ulm
E-Mail: martin.wabitsch@uniklinik-ulm.de

Jörg Portius | idw
Weitere Informationen:
http://www.uniklinik-ulm.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Revolutionär: Ein Algensaft deckt täglichen Vitamin-B12-Bedarf
23.04.2018 | Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

nachricht Eine Teleskopschiene für Nanomaschinen
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Standort Stuttgart, Stuttgart

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Moleküle brillant beleuchtet

Physiker des Labors für Attosekundenphysik, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik haben eine leistungsstarke Lichtquelle entwickelt, die ultrakurze Pulse über einen Großteil des mittleren Infrarot-Wellenlängenbereichs generiert. Die Wissenschaftler versprechen sich von dieser Technologie eine Vielzahl von Anwendungen, unter anderem im Bereich der Krebsfrüherkennung.

Moleküle sind die Grundelemente des Lebens. Auch wir Menschen bestehen aus ihnen. Sie steuern unseren Biorhythmus, zeigen aber auch an, wenn dieser erkrankt...

Im Focus: Molecules Brilliantly Illuminated

Physicists at the Laboratory for Attosecond Physics, which is jointly run by Ludwig-Maximilians-Universität and the Max Planck Institute of Quantum Optics, have developed a high-power laser system that generates ultrashort pulses of light covering a large share of the mid-infrared spectrum. The researchers envisage a wide range of applications for the technology – in the early diagnosis of cancer, for instance.

Molecules are the building blocks of life. Like all other organisms, we are made of them. They control our biorhythm, and they can also reflect our state of...

Im Focus: Metalle verbinden ohne Schweißen

Kieler Prototyp für neue Verbindungstechnik wird auf Hannover Messe präsentiert

Schweißen ist noch immer die Standardtechnik, um Metalle miteinander zu verbinden. Doch das aufwändige Verfahren unter hohen Temperaturen ist nicht überall...

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Moleküle brillant beleuchtet

23.04.2018 | Physik Astronomie

Sauber und effizient - Fraunhofer ISE präsentiert Wasserstofftechnologien auf Hannover Messe

23.04.2018 | HANNOVER MESSE

Fraunhofer IMWS entwickelt biobasierte Faser-Kunststoff-Verbunde für Leichtbau-Anwendungen

23.04.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics