Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geschlechtshormone wirken schlagartig

27.09.2011
RWTH-Professor Cordian Beyer forscht an einer Therapie gegen den Schlaganfall und Multiple Sklerose

„Time is brain“ – so lautet die Handlungsmaxime beim Schlaganfall. Je rascher der Blutfluss und dadurch die Sauerstoffversorgung im Gehirn wieder normalisiert werden, desto geringer sind die Schäden. Nach Schätzungen der Deutschen Schlaganfall Stiftung trifft es jährlich rund 250.000 Bundesbürger.

Neben einseitigen Lähmungen leiden Betroffene an dauerhaften Gefühls-, Gleichgewichts- und Wahrnehmungsstörungen sowie Seh- und/oder Sprachstörungen. Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache neben Krebs- und Herzerkrankungen und immer noch die häufigste Ursache für Invalidität. Und doch sind die Therapien meist unzureichend und eine Akutversorgung kommt oft zu spät.

Eine Behandlung mit weiblichen Geschlechtshormonen soll helfen: „Hormone steuern nicht nur unsere Organentwicklung und die Funktion der Reproduktionsorgane, sie könnten auch das Hirngewebe schützen und beschädigte Teile zur Regeneration stimulieren“, sagt Dr. rer. biol. hum. Cordian Beyer vom Universitätsklinikum der RWTH Aachen. Der Professor für Neuroanatomie erforscht die Funktion von Sexualhormonen im Gehirn.

Er erklärt: Beim Schlaganfall wird das Gehirn entweder mit zu wenig Blut versorgt oder das Blut tritt aus den Gefäßen in das Hirngewebe. Die Verstopfung der Gefäße bezeichnen Mediziner als Hirninfarkt, das Aufbrechen als Hirnblutung. Blutgerinnsel werden entweder, wie bei einer Embolie, mit dem Blutstrom aus anderen Gefäßen mit geschwemmt oder bilden sich, wie bei einer Thrombose, direkt in einem Gefäß. Innerhalb von wenigen Stunden sterben die Zellen an der Unterversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen „schlagartig“ ab. Das Nervengewebe wird dauerhaft beschädigt, wichtige Funktionen können nicht wiederhergestellt werden.

An der RWTH konnte nun in Tierstudien mit Ratten das Schlaganfallgebiet mit einer Hormonbehandlung um bis zu 70 Prozent reduziert werden. „Dabei spielen vor allem Abwehrzellen des Gehirns, die so genannten Mikroglia, eine wichtige Rolle“, so Beyer. Diese übernehmen in Zusammenarbeit mit Immunzellen aus den Gefäßen eine zentrale Rolle beim Schlaganfall und steuern entzündliche Prozesse im Hirngewebe. Die verabreichten Hormone hemmen diese Abwehrzellen und sorgen andererseits dafür, dass geschädigte Nervenzellen besser überleben können. Den maximalen Effekt erzielt man mit einer speziellen Kombination von Progesteron und Östrogen. Inwieweit diese Beobachtungen auch beim Menschen zutreffen, sollen klinische Studien an Schlaganfallpatienten in den nächsten Jahren zeigen.

Mutterkuchen liefert Schutz- und Steuerfunktion

Der menschliche Körper hat verschiedene Hormonfabriken. Progesteron und Östrogen sind weibliche Geschlechtshormone, die während der Menstruation regelmäßig in bestimmten Phasen und während einer Schwangerschaft in besonders erhöhten Mengen vorhanden sind. Der Hormonspiegel steigt dann um ein Vielfaches an. „Der weibliche Körper, aber auch der im Mutterleib befindliche Embryo, wird regelrecht mit Hormonen überschwemmt“, so Beyer, „die Einnistung der befruchteten Eizelle und deren Reifung wird dadurch ermöglicht und die spätere Milchproduktion vorbereitet.“ Er fügt hinzu: „Experten sind sich heute ziemlich sicher, dass Frauen mit Multipler Sklerose während einer Schwangerschaft weniger Schübe bekommen. Hierfür werden die erhöhten Hormonspiegel in der Schwangerschaft verantwortlich gemacht. Hormone besitzen also eine wichtige Schutzfunktion bei diesen neurologischen Erkrankungen.“

Weibliche Geschlechtshormone fördern gerade in den letzten drei Monaten einer Schwangerschaft die Reifung von bestimmten Organen des Embryos. Beyer und Kollegen aus der Kinderheilkunde der Universität Ulm stellten fest, dass extreme Frühgeborene, die aufgrund der vorzeitigen Geburt keine ausreichenden Hormonmengen aus dem Mutterkuchen erhielten, häufig Entwicklungsstörungen und Krankheiten erleiden. Vor allem die Atemwege und Hirnentwicklung sind hierbei betroffen. In Tiermodellen und in einer humanen Pilotstudie konnten mit einer gezielten Hormonbehandlung diese Störungen verringert werden.

Weitere Informationen erteilt Professor Dr. rer. biol. hum. Cordian Beyer vom RWTH-Institut für Neuroanatomie unter: +49(0)241/80-89100 oder cbeyer@ukaachen.de.

CELINA BEGOLLI

Thomas von Salzen | idw
Weitere Informationen:
http://www.rwth-aachen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Eine Teleskopschiene für Nanomaschinen
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Standort Stuttgart, Stuttgart

nachricht Künstlicher Leberfleck als Frühwarnsystem
19.04.2018 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics