Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Genetik der Angst

07.02.2012
Angst hat es ihr angetan: Katharina Domschke erforscht die genetischen Grundlagen, die Menschen anfällig für Angststörungen machen. Die Medizinerin ist seit Januar Professorin für Psychiatrie und Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Würzburg.

Eigentlich sind Furcht und Angst wichtige Komponenten menschlichen Verhaltens: Sie schützen vor Einflüssen oder Begegnungen, die unangenehm oder schädlich sein können. Menschen lernen im Laufe ihres Lebens, sich vor bestimmten Ereignissen zu fürchten und so gefährliche Situationen zu vermeiden.

Allerdings gibt es auch eine krankhafte Seite der Angst: „Angst wird dann pathologisch, wenn sie zu lange dauert oder in Situationen auftritt, die eigentlich nicht gefährlich sind. Wenn sie die Betroffenen in ihrem Alltagsleben behindert und unter Leidensdruck setzt“, sagt Katharina Domschke.

Domschke ist zu Jahresbeginn von Münster an die Universität Würzburg gewechselt. Als Professorin für Psychiatrie und Oberärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik wird sie hier auch in Zukunft erforschen, wieso manche Menschen anfälliger sind als andere für eine Angsterkrankung. Würzburg und ihre neuen Kollegen dürften ihr hinlänglich bekannt sein: Seit etwas mehr als drei Jahren arbeiten Wissenschaftler aus Würzburg, Münster und Hamburg im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Furcht, Angst und Angsterkrankungen“ daran, das komplexe Zusammenspiel der beteiligten Faktoren aufzudröseln. Auf der Ebene der Gene haben sie dabei mittlerweile einen der Hauptakteure identifiziert: Das betreffende Gen kodiert ein besonderes Eiweiß, das den Namen Neuropeptid S (NPS) trägt.

Zentrales Gen identifiziert

„Neuropeptide sind Nerven-Botenstoffe, die indirekt das Zusammenspiel von mehreren anderen Nerven-Botenstoffen wie Serotonin und Adrenalin beeinflussen“, erklärt Domschke. Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs konnten in Experimenten an Mäusen zeigen, dass gerade das Neuropeptid S (NPS) Angst-ähnliches Verhalten beim Tier entscheidend steuert. Tatsächlich haben Domschke und ihre Kollegen auch beim Menschen eine Variante des Gens identifiziert, das für die NPS-Rezeptoren verantwortlich ist. Die Rezeptoren dieser Variante reagieren mit einer um das Zehnfache erhöhten Sensibilität auf das Neuropeptid S. Für die Träger dieser Variante hat das zur Folge, dass sie ihre Angstreaktion sehr viel stärker erleben und bewerten als Menschen, deren Rezeptoren nicht so sensibel arbeiten. Dabei zeigen sie auch körperliche Anzeichen einer erhöhten Angstreaktion wie zum Beispiel einen erhöhten Herzschlag in Angst-besetzten Situationen. In der Sprache der Wissenschaftler neigen die Betroffenen zu einer „katastrophisierenden Überinterpretation von körperlichen Angstreaktionen“ und sind damit anfälliger für die Entwicklung von Angsterkrankungen wie beispielsweise der Panikstörung.

Hoffnung auf bessere Medikamente

Mit dem Wissen um die genetischen Grundlagen von Angsterkrankungen lassen sich nach Domschkes Ansicht noch spezifischere Medikamente gegen Angstzustände oder auch Depressionen – ein weiterer Forschungsschwerpunkt der Wissenschaftlerin – entwickeln und auf ihre Wirksamkeit testen. „Damit können wir den Patienten möglicherweise viel Leidenszeit ersparen“, lautet ihre Hoffnung.

Zur Person

Katharina Domschke wurde 1978 in Erlangen geboren. Von 1997 bis 2004 studierte sie Humanmedizin an der Universität Münster und am Trinity College Dublin. Parallel dazu absolvierte sie ein Studium der Psychologie an der Boston University (2001/02) mit dem Abschluss Master of Arts. Im Dezember 2004 promovierte sie an der Universität Münster zur Dr.med., im Jahr 2010 zum Dr. (PhD) an der Maastricht University, Niederlande. Im Jahr 2008 habilitierte sich Katharina Domschke an der Universität Münster mit einer Arbeit aus dem Bereich der „Molekularen Psychiatrie“ und wurde 2010 zur Außerplanmäßigen Professorin an der Universität Münster ernannt.

Weitere Stationen ihrer Karriere sind: Wissenschaftspreis des Deutschen Ärztinnenbundes 2009, Research Award der World Federation of Biological Psychiatry 2011, Ingrid-zu-Solms Wissenschaftspreis 2011, Mitglied der Jungen Akademie der Leopoldina und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) seit 2011.

Kontakt

Prof. Dr. Dr. Katharina Domschke, M.A. (USA), T: (0931) 201-77100,
E-Mail: Domschke_K@klinik.uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics