Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gehirnregion kann Alzheimer und andere Demenzen im Frühstadium anzeigen

21.12.2011
In der unteren frontalen Kreuzungsregion treten bei Demenzerkrankungen bereits früh Veränderungen auf

Schon wieder den Schlüssel verlegt oder einen Namen nicht parat? Wer vergesslich wird, bekommt es schnell mit der Angst zu tun. Wird man einfach nur alt oder sind das die ersten Symptome einer drohenden Alzheimer-Erkrankung?


A, B: Zusammenhang zwischen kognitiver Beeinträchtigung bei früher Demenz und Zuckerumsatz in der unteren frontalen Kreuzungsregion (IFJ; rot). Die Kontrollfunktionen liegen bei gesunden Probanden in der gleichen Hirnregion (C). Veränderungen der Persönlichkeit, wie sie auch bei Demenz auftreten können, sind mit anderen Hirnregionen verbunden (D). © MPI f. Kognitions- und Neurowissenschaften

Diese Frage lässt sich bisher im Frühstadium nicht einfach beantworten. Das aber könnte sich ändern: Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften und der Universität Leipzig haben mit Hilfe von modernen bildgebenden Verfahren einen Knotenpunkt im Gehirn identifiziert, der mit Denkfunktionen zusammenhängt, die häufig bei Demenzen betroffen sind. Dies könnte eine bessere Vorhersage über die Entwicklung einer Demenz ermöglichen.

Demenzerkrankungen gehören zu den großen Problemen einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden. Die am häufigsten auftretende Form ist die Alzheimer-Erkrankung, die meist im Alter von über 60 Jahren beginnt. In der Regel geht der Krankheit eine Phase leichter kognitiver Beeinträchtigungen voraus, die allerdings die Lebensqualität der Betroffenen noch nicht einschränkt. Den Schlüssel zu vergessen oder zweimal nach der Post zu schauen –­ mit einem leicht gestörten Erinnerungsvermögen lässt sich gut leben. Nur etwa die Hälfte dieser von Vergesslichkeit Betroffenen entwickelt erfahrungsgemäß innerhalb der nächsten Jahre eine Alzheimer-Erkrankung oder eine andere Demenzform.

„Neben dem Gedächtnis sind bei Demenzen häufig auch noch andere Denkfunktionen betroffen, nämlich die so genannten exekutiven oder Kontrollfunktionen“, erklärt Matthias Schroeter vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Sein Leipziger Team von Wissenschaftlern versucht, mit Hirnscans und modernen Bildgebungsverfahren frühe Diagnosen möglich zu machen. „Diese Kontrollfunktionen benötigen wir unter anderem in neuen und unerwarteten Situationen, um flexibel reagieren zu können. Wenn sie zusätzlich zu den Gedächtnisfunktionen betroffen sind, können die Patienten sich nicht mehr auf ihre Beeinträchtigungen einstellen, indem sie zum Beispiel Merkzettel schreiben.“ Tatsächlich weisen Defizite in diesen Kontrollfunktionen auf eine baldige Demenz hin.

In einer aktuellen Studie können die Wissenschaftler über Messungen des Gehirnstoffwechsels zeigen, dass sich Beeinträchtigungen in den Kontrollfunktionen der Betroffenen in einem bestimmten Gebiet des Stirnhirns, der so genannten unteren frontalen Kreuzungsregion (inferior frontal junction), widerspiegeln. Dieser Knotenpunkt, an dem sich zwei Gehirnfurchen treffen, scheint demnach für die Entwicklung einer Demenz und die damit zusammenhängenden Beeinträchtigungen von großer Bedeutung zu sein.

Die Forscher haben für diese Studie 54 Patienten mit verschiedenen Demenzformen im Frühstadium, unter anderem Alzheimer-Krankheit, untersucht. Die Betroffenen absolvierten typische Demenztests, die kognitive Defizite aufzeigen können. Ein Beispiel ist der klassische Stroop-Test, bei dem Wörter gelesen werden müssen, die für bestimmte Farben stehen (gelb, rot, blau ...), dabei allerdings jeweils in einer anderen Farbe gedruckt sind. Hier gilt es, möglichst schnell die Farbe zu benennen, in der das Wort gedruckt ist. Eine Aufgabe, die schnelles Umdenken im Gehirn erfordert. Ein anderer Test, in dem es um die Sprachkompetenz geht, ist der Supermarkt-Test: Die Patienten sollen in kurzer Zeit möglichst viele Dinge benennen, die man in einem Supermarkt erhalten kann. Mit einem anderen Verfahren wird direkt das Problemlösen untersucht. Diese und weitere Tests geben ein gutes Bild der kognitiven Defizite, die bei Demenz auftreten können und vor allem jene für unser Handeln wichtigen Funktionen betreffen. Parallel zu den Demenztests wurde bei allen Patienten der Gehirnstoffwechsel mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) untersucht. Dabei zeigten die PET-Bilder, dass Probleme in den Demenztests mit einem geringeren Zuckerumsatz der Nervenzellen in der unteren frontalen Kreuzungsregion einhergehen.

Wenn sich diese Korrelation in weiteren Untersuchungen bestätigt, könnte in Zukunft ein Hirnscan im Stirnhirn Antwort auf die bange Frage vieler Betroffener geben: Nur vergesslich oder auf dem Weg in eine Demenz?

Ansprechpartner
PD. Dr. Dr. Matthias Schroeter
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Telefon: +49 341 9724-962
E-Mail: schroet@cbs.mpg.de
Originalveröffentlichung
Matthias L. Schroeter, Barbara Vogt, Stefan Frisch, Georg Becker, Henryk Barthel, Karsten Mueller, Arno Villringer, Osama Sabri
Executive deficits are related to the inferior frontal junction – An FDG-PET study in early dementia.

Brain, 19. Dezember 2011

Dr. Dr. Matthias Schroeter | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/4740185/kreuzungsregion_alzheimer

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Makula-Degeneration – Deutschlands häufigste Augenerkrankung braucht mehr Aufmerksamkeit
30.05.2017 | Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Detaillierter Blick auf molekularen Gifttransporter

Transportproteine in unseren Körperzellen schützen uns vor gewissen Vergiftungen. Forschende der ETH Zürich und der Universität Basel haben nun die hochaufgelöste dreidimensionale Struktur eines bedeutenden menschlichen Transportproteins aufgeklärt. Langfristig könnte dies helfen, neue Medikamente zu entwickeln.

Fast alle Lebewesen haben im Lauf der Evolution Mechanismen entwickelt, um Giftstoffe, die ins Innere ihrer Zellen gelangt sind, wieder loszuwerden: In der...

Im Focus: Neue Methode für die Datenübertragung mit Licht

Der steigende Bedarf an schneller, leistungsfähiger Datenübertragung erfordert die Entwicklung neuer Verfahren zur verlustarmen und störungsfreien Übermittlung von optischen Informationssignalen. Wissenschaftler der Universität Johannesburg, des Instituts für Angewandte Optik der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) präsentieren im Fachblatt „Journal of Optics“ eine neue Möglichkeit, glasfaserbasierte und kabellose optische Datenübertragung effizient miteinander zu verbinden.

Dank des Internets können wir in Sekundenbruchteilen mit Menschen rund um den Globus in Kontakt treten. Damit die Kommunikation reibungslos funktioniert,...

Im Focus: Strathclyde-led research develops world's highest gain high-power laser amplifier

The world's highest gain high power laser amplifier - by many orders of magnitude - has been developed in research led at the University of Strathclyde.

The researchers demonstrated the feasibility of using plasma to amplify short laser pulses of picojoule-level energy up to 100 millijoules, which is a 'gain'...

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebensdauer alternder Brücken - prüfen und vorausschauen

29.05.2017 | Veranstaltungen

49. eucen-Konferenz zum Thema Lebenslanges Lernen an Universitäten

29.05.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz an der Schnittstelle von Literatur, Kultur und Wirtschaft

29.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Center Smart Materials CeSMa erhält SilverStar Förderpreis 2017 für innovativen Druckmessstrumpf

30.05.2017 | Förderungen Preise

Alternative Nutzung von Biogasanlagen – Wachse aus Biogas für die Kosmetikindustrie

30.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Detaillierter Blick auf molekularen Gifttransporter

30.05.2017 | Biowissenschaften Chemie