Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gefährliche Nervenlähmungen oft zu spät erkannt

04.03.2014

Schwäche, rasche Ermüdbarkeit oder Krämpfe – diese zu Beginn noch schwer zuzuordnenden Symptome können auf eine lebensbedrohliche Muskelerkrankung hinweisen.

Die Nervenlähmung Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), an der auch der Physiker Stephen Hawking leidet, gehört dazu. Ärzte erkennen die Symptome jedoch oft zu spät. Die Elektromyografie (EMG) kann in unklaren Fällen entscheidende Hinweise liefern, um rechtzeitig eine wirkungsvolle Therapie einzuleiten. EMG-Ergebnisse werden jedoch leicht fehlinterpretiert.

Diese Technik sollten daher nur speziell ausgebildete Neurologen anwenden, empfehlen Neurophysiologen im Rahmen einer Pressekonferenz am 20. März 2014 anlässlich des 30. International Congress of Clinical Neurophysiology (ICCN) sowie der 58. wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) in Berlin.

Krankheiten, die Muskeln oder die sie steuernden Nerven betreffen, führen zu Lähmungen und damit häufig zu einem Leben im Rollstuhl. Sind Atem- und Schluckmuskulatur befallen, werden sie lebensgefährlich. Besonders gefährlich ist die spinale Muskelatrophie, bei der kranke Nervenzellen im Rückenmark direkt nach der Geburt zu Muskelschwund führen.

Mit der häufigsten muskulären Erbkrankheit im Kindesalter, der Duchenne'schen Muskeldystrophie, kommt etwa einer von 3500 Knaben zur Welt. Sie endet bereits im frühen Erwachsenenalter tödlich. Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) sterben meist nach drei bis vier Jahren an den Folgen der Nervenlähmung. Der Maler Jörg Immendorf fiel ihr zum Opfer, Hawking hingegen lebt mit ALS seit seinem 21. Lebensjahr mit Hilfe von künstlicher Beatmung.

„Neuromuskuläre Erkrankungen sind tückisch“, warnt Professor Dr. med. Reinhard Dengler, Kongresspräsident der 58. Jahrestagung der DGKN, Direktor der Klinik für Neurologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie äußern sich zu Beginn sehr allgemein, etwa als Schwäche oder Krämpfe. „Daher werden viele Patienten lange falsch eingeschätzt.“

Bei der ALS etwa wird die richtige Diagnose im Durchschnitt erst nach einem Jahr gestellt. „Dabei gibt es für viele neuromuskuläre Erkrankungen inzwischen effektive Therapien, die aber nur dann optimal wirken, wenn sie frühzeitig zum Einsatz kommen.“ Dengler rät Betroffenen mit unklaren Symptomen, darauf zu drängen, einem Neurologen vorgestellt zu werden und ein EMG zu erhalten.

Mit dem EMG messen Neurophysiologen mit dünnen Nadel-Elektroden die elektrische Aktivität in Muskeln. Ihre Ergebnisse liefern entscheidende Hinweise zur Diagnose, indem sie unterscheiden, ob der Muskel selbst oder der ihn versorgende Nerv nicht funktioniert. „Um die Diagnose abzusichern, kann zudem ein ergänzender Ultraschall der Muskeln sinnvoll sein“, erklärt Dengler.

Die Deutung der EMG-Ergebnisse sei aber schwierig und erfordert eine große Expertise, warnt DGKN-Kongresspräsident Dengler. Zwar weisen beispielsweise elektrische Spontanaktivitäten in der Muskulatur entlang der Wirbelsäule auf eine ALS hin. Jedoch treten diese auch bei gesunden älteren Menschen auf. „Ein EMG sollte daher nur von Neurologen angewendet werden, die mit der neurophysiologischen Methode vertraut sind“, sagt Professor Dr. med. Otto Witte, Direktor am Uniklinikum Jena und Präsident des ICCN. Die DGKN bietet eine Weiterbildung dazu an. Nur so können übermäßige Fehlinterpretationen verhindert werden. Wie die Diagnose neuromuskulärer Krankheiten verbessert werden kann, diskutieren Neurophysiologen am 20. März 2014 auf dem internationalen Kongress in Berlin.

Weitere Informationen im Internet: http://www.iccn2014.de
DGKN-Weiterbildung EMG: http://www.dgkn.de/richtlinien/emg/

Quellen:
• Redemanuskript Professor Dengler (ab dem 20. März 2014 abrufbar unter: http://www.dgkn.de/die-dgkn/pressestelle/pressematerial/)
• Grimm A et al. Muskelultraschall – ein sinnvolles Werkzeug bei der Diagnosestellung der amyotrophen Lateralsklerose, Klin Neurophysiol 2013; 44: 140–144
• Kottlors M, Glocker FX. Die elektromyografische Untersuchung der paraspinalen Muskulatur: Technische Durchführung, Indikationen und diagnostische Aussagekraft… Klin Neurophysiol 2011; 42: 215–220

Terminhinweise:

Kongress-Pressekonferenz:
Zeit/Ort: Donnerstag, 20. März 2014, 12.00 bis 13.00 Uhr, Estrel Berlin
Eines der Themen:
Kraftlose Muskeln und Füße ohne Gefühl? Die Diagnose gefährlicher neuromuskulärer Erkrankungen kommt oft erst nach langen Irrwegen
Referent: Professor Dr. med. Reinhard Dengler, Hannover

Symposium: „Motor neuron disease/ALS“
Zeit/Ort: Donnerstag, 20. März 2014, 17.15 bis 18.45 Uhr, Estrel Berlin

Symposium: Novel neurophysiological techniques in ALS
Zeit/Ort: Samstag, 22. März 2014, 15.15 bis 16.45 Uhr, Estrel Berlin

Kontakt für Journalisten:
Pressestelle DGKN
Kathrin Gießelmann
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-981
Fax: 0711 8931-167
giesselmann@medizinkommunikation.org

Weitere Informationen:

http://www.iccn2014.de
http://www.dgkn.de/richtlinien/emg/

| Medizin - Kommunikation

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten