Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fremder Stuhl statt Antibiotika: Neuer Standard bei komplizierten Durchfallerkrankungen

10.09.2014

Beim sogenannten Mikrobiomtransfer übertragen Ärzte den Stuhl eines gesunden Spenders in den Darm eines Kranken, um dessen geschädigte Darmflora wiederaufzubauen.

Für kompliziert verlaufende, wiederkehrende Infektionen mit dem Bakterium Clostridium difficile ist der Stuhltransfer inzwischen die Methode der Wahl, erklären Experten der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

Bei welchen weiteren Krankheitsbildern die Methode zukünftig zur Anwendung kommen könnte und welches Ziel das neue, nationale Stuhltransplantations-Register verfolgt, ist eines der Themen der Viszeralmedizin 2014, die vom 17. bis 20.09. 2014 in Leipzig stattfindet.

Die Zahl der Infektionen mit dem Erreger Clostridium difficile wächst hierzulande rasch, vor allem schwere Verläufe nehmen zu. Während im Jahr 2000 noch rund 1300 Patienten stationär behandelt werden mussten, waren es im Jahr 2011 bereits 28 200. Die Bakterien sind vor allem im Zusammenhang mit Antibiotika gefährlich: Stören die Medikamente das Gleichgewicht der gesunden Darmflora, vermehrt sich der Erreger mitunter massenhaft. Schwere Durchfälle sind die Folge. Insbesondere bei älteren Patienten kann die Erkrankung kompliziert und sogar tödlich verlaufen.

„Bei einem Teil der Patienten kommt die Erkrankung immer wieder zurück“ sagt Dr. Ulrich Rosien, leitender Arzt in der Medizinischen Klinik am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg. „Diese Betroffenen können durch die Übertragung von fremdem Stuhl nun dauerhaft geheilt werden.“

Eine im vergangenen Jahr im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie zeigte, dass bei rund 90 Prozent der Patienten, bei denen die Erkrankung trotz einer speziell auf sie ausgerichteten Antibiotikatherapie wieder ausgebrochen war, die Stuhlübertragung erfolgreich war.

„Das Verfahren ist der konventionellen Behandlung so weit überlegen, dass es bei wiederkehrenden Infektionen mit Clostridium difficile als neuer Standard empfohlen werden kann“, sagt Dr. Rosien.

Bei dem Verfahren wird der potenzielle Spender zunächst auf Infektionskrankheiten untersucht. Dann wird der Spenderstuhl mit einer Kochsalzlösung verflüssigt, gefiltert und mit einer Sonde in den Darm des Empfängers geleitet. Dort können die Bakterien aus dem Spenderstuhl ihre heilende Wirkung entfalten.

Das Verfahren ist auch als mögliche Therapie für verschiedene andere Krankheiten vielversprechend: „In einer Studie wurde beobachtet, dass übergewichtige Menschen nach einem Mikrobiomtransfer von Stuhl von schlanken abnahmen, weil ihr körpereigenes Insulin danach besser wirkte“, so Rosien. Auch gegen chronische Darmentzündungen könnte das Verfahren möglicherweise helfen. Hierzu gäbe es bislang aber noch keine gesicherten Erkenntnisse, betont der Experte.

„Bislang fehlt auch noch Klarheit darüber, welche längerfristigen Wirkungen und Nebenwirkungen ein Stuhltransfer hat. Zudem gibt es derzeit noch keine Standards, wie der Spender ausgewählt, der Stuhl genau aufbereitet und übertragen werden soll“, sagt Rosien.

Um Antworten auf solche noch offene Fragen zu erhalten, wurde in diesem Jahr damit begonnen, das nationale Register “MikroTrans“ einzurichten. In dieser Internet-basierten Datenbank erfassen Kliniken Patientencharakteristika, Details zu Stuhlübertragungen und deren Ergebnisse.

Quellen:
 Van Nood al., Duodenal infusion of donor feces for recurrent Clostridium difficile. N Engl J Med 2013; 368:407-15
 Schmelz R und Hampe J., Übertragung von Darmflora (“Stuhltransplantation”): wann und für wen? Deutsche Medizinische Wochenschrift. 2014; 139: 1237-1239
 Hagel S. Nationales Register “Stuhltransplantation” bei rezidivierender C. diff.-Infektion. Zeitschrift für Gastroenterologie. 2014; 52: 515
 P. Lynen Jansen, A. Stallmach, A. W. Lohse, M. M. Lerch, Entwicklung infektiöser Durchfallerkrankungen zwischen den Jahren 2000 und
 2012, Z Gastroenterol 2014; 52: 549–557

Terminhinweise für Journalisten:

Viszeralmedizin 2014
17. bis 20. September 2014, CCL Leipzig

Kongress-Pressekonferenz
Termin: Donnerstag, 18. September 2014, 12.30 bis 13.30 Uhr
Ort: CCL Leipzig
Kontakt für Journalisten:

Pressestelle Viszeralmedizin 2014
Juliane Pfeiffer, Irina Lorenz-Meyer
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel: 0711 8931-693, Fax: 0711 8931-167
pfeiffer@medizinkommunikation.org
http://www.viszeralmedizin.com

http://www.dgvs.de http://www.dgav.de

Weitere Informationen:

http://www.dgav.de
http://www.dgvs.de
http://www.viszeralmedizin.com

Medizin - Kommunikation | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Revolutionär: Ein Algensaft deckt täglichen Vitamin-B12-Bedarf
23.04.2018 | Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

nachricht Eine Teleskopschiene für Nanomaschinen
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Standort Stuttgart, Stuttgart

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Moleküle brillant beleuchtet

Physiker des Labors für Attosekundenphysik, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik haben eine leistungsstarke Lichtquelle entwickelt, die ultrakurze Pulse über einen Großteil des mittleren Infrarot-Wellenlängenbereichs generiert. Die Wissenschaftler versprechen sich von dieser Technologie eine Vielzahl von Anwendungen, unter anderem im Bereich der Krebsfrüherkennung.

Moleküle sind die Grundelemente des Lebens. Auch wir Menschen bestehen aus ihnen. Sie steuern unseren Biorhythmus, zeigen aber auch an, wenn dieser erkrankt...

Im Focus: Molecules Brilliantly Illuminated

Physicists at the Laboratory for Attosecond Physics, which is jointly run by Ludwig-Maximilians-Universität and the Max Planck Institute of Quantum Optics, have developed a high-power laser system that generates ultrashort pulses of light covering a large share of the mid-infrared spectrum. The researchers envisage a wide range of applications for the technology – in the early diagnosis of cancer, for instance.

Molecules are the building blocks of life. Like all other organisms, we are made of them. They control our biorhythm, and they can also reflect our state of...

Im Focus: Metalle verbinden ohne Schweißen

Kieler Prototyp für neue Verbindungstechnik wird auf Hannover Messe präsentiert

Schweißen ist noch immer die Standardtechnik, um Metalle miteinander zu verbinden. Doch das aufwändige Verfahren unter hohen Temperaturen ist nicht überall...

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Event News

Invitation to the upcoming "Current Topics in Bioinformatics: Big Data in Genomics and Medicine"

13.04.2018 | Event News

Unique scope of UV LED technologies and applications presented in Berlin: ICULTA-2018

12.04.2018 | Event News

IWOLIA: A conference bringing together German Industrie 4.0 and French Industrie du Futur

09.04.2018 | Event News

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Moleküle brillant beleuchtet

23.04.2018 | Physik Astronomie

Sauber und effizient - Fraunhofer ISE präsentiert Wasserstofftechnologien auf Hannover Messe

23.04.2018 | HANNOVER MESSE

Fraunhofer IMWS entwickelt biobasierte Faser-Kunststoff-Verbunde für Leichtbau-Anwendungen

23.04.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics