Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forscher aus Halle entwickeln Therapieansätze für sauerstoffunterversorgte Tumore

08.11.2011
Tumore, die eine schlechte Sauerstoffversorgung aufweisen, reagieren kaum auf eine Strahlenbehandlung.

Auch nach einer Operation oder Chemotherapie bleiben die Heilungschancen für den Patienten schlecht. Die Arbeitsgruppe um Prof. Dirk Vordermark und Dr. Matthias Bache an der Universitätsklinik für Strahlentherapie in Halle (Saale) will hier einen Durchbruch schaffen.


Immunohistochemische Färbung von Osteopontin (rot) in einem Kopf-Hals-Tumor. Zellkerne erscheinen blau. Vergrößerung 1:200. Quelle: Dr. Matthias Bache, Universitätsklinikum Halle (Saale)

Im Fokus haben die Forscher das Tumorprotein Osteopontin und seine Varianten. Die Moleküle könnten zum einen als Indiz genutzt werden, um Patienten mit einer Sauerstoffunterversorgung im Tumor zu identifizieren. Zum anderen wären es mögliche Zielmoleküle für Behandlungsansätze, die die Wirkung der Strahlentherapie verbessern.

Große Studien haben gezeigt, dass die Messung der Sauerstoffversorgung des Tumors geeignet ist, um die Heilungschancen nach einer Therapie abzuschätzen. Bisher erfolgte dies durch Einführen einer Sonde in den Tumor, zum Beispiel im Kopf-Hals-Bereich oder im Gebärmutterhals. Neuere Ansätze zur Abschätzung der Sauerstoffversorgung eines Tumors stützen sich auf den Nachweis von Eiweißen im Tumorgewebe. Diese Eiweiße werden als normale Reaktion von Tumorzellen auf die niedrige Sauerstoffkonzentrationen gebildet.

Das Protein Osteopontin, das normalerweise eine Rolle im Knochenstoffwechsel hat, nimmt hier eine Sonderstellung ein. Es wird nicht nur im Tumorgewebe gebildet, sondern auch ins Blutplasma freigesetzt. Damit ist es in einer normalen Blutprobe messbar. Untersuchungen aus Dänemark und an der Stanford University (USA) zeigten, dass bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren ein hoher Osteopontin-Wert im Plasma mit einer schlechten Sauerstoffversorgung in der Sondenmessung sowie mit höheren Rückfallraten nach Strahlentherapie verbunden ist.

In der ersten Phase eines von der Wilhelm Sander-Stiftung geförderten Forschungsprojektes konnten Professor Vordermark und Dr. Bache zusammen mit ihrem Team in Zellkulturen nachweisen, unter welchen Bedingungen der Sauerstoffversorgung Tumorzellen mit einer verstärkten Freisetzung von Osteopontin reagieren. In Brustkrebszellen konnte die gezielte Störung der Osteopontinbildung die Strahlenempfindlichkeit und das Wachstum der Zellen beeinflussen. Bei Patienten mit Tumoren der Lunge, des Gehirns und der Weichgewebe fand die Forschergruppe erste Hinweise für einen Zusammenhang der Osteopontinmenge im Blut und dem Verlauf der Erkrankung nach Therapie.

In der aktuellen zweiten Forschungsphase stehen die Osteopontin-Varianten a, b und c im Vordergrund. Vorarbeiten an Tumorgewebe von Weichgewebstumoren deuten auf eine unterschiedliche prognostische Bedeutung der Bildung einzelner Varianten im Tumor hin. Daher will das Forscherteam um Prof. Vordermark, spezifische Behandlungsansätze gegen diese Varianten entwickelt und ihren Einfluss auf die Strahlenempfindlichkeit von Tumorzellen untersuchen. „Besonders interessant ist dabei die Frage, ob über die Veränderung der Menge von Osteopontin im Blutplasma während einer Bestrahlungsserie das Ansprechen auf eine Behandlung vorhergesagt werden kann. In bisherigen Untersuchungen wurde das Eiweiß überwiegend vor der Behandlung, nicht aber während und nach der Therapie bestimmt“, erläutert Professor Vordermark.

Ziel der Hallenser Forschergruppe ist es, sowohl diagnostische Verfahren zur Erkennung von Patienten mit sauerstoffunterversorgten Tumoren als auch innovative therapeutische Ansätze zur Verbesserung des Therapieansprechens bei solchen Tumoren zu entwickeln. Die Forscher gehen davon aus, dass nur eine geeignete Kombination von Diagnostik und Therapie dazu führen kann, die Prognose für Patienten mit sauerstoffunterversorgten Tumoren zu verbessern. Wie sich der Tumor mit seinen eigenen Waffen schlagen ließe, verdeutlicht Professor Vordermark: „Die Tatsache, dass sich im menschlichen Körper fast nirgendwo so niedrige Sauerstoffkonzentrationen finden wie in den besonders widerstandsfähigen Teilen des Tumors, muss man sich bei der Entwicklung einer Therapie zunutze machen: Medikamente gegen sauerstoffarme Zellen wären theoretisch vor allem im Tumor wirksam und hätten wenig Nebenwirkungen in gesunden Geweben.“

Die Wilhelm Sander-Stiftung fördert die zweite Phase des Forschungsprojektes mit rund 100.000 Euro, nachdem die erste Projektphase bereits in gleichem Umfang unterstützt wurde.

Stiftungszweck ist die Förderung der medizinischen Forschung, insbesondere von Projekten im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden insgesamt über 190 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Kontakt (Projektleitung):
Prof. Dr. Dirk Vordermark
Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Strahlentherapie in Halle (Saale)
Tel. +49 (345) 557 4310
e-mail: dirk.vordermark@medizin.uni-halle.de

Sylvia Kloberdanz | idw
Weitere Informationen:
http://www.wilhelm-sander-stiftung.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Mikrobiologen entwickeln Methode zur beschleunigten Bestimmung von Antibiotikaresistenzen
13.02.2018 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

nachricht Überschreiben oder Speichern? Die Gewissensfrage zur Vergesslichkeit
13.02.2018 | PhytoDoc Ltd.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

Aachener Optiktage: Expertenwissen in zwei Konferenzen für die Glas- und Kunststoffoptikfertigung

19.02.2018 | Veranstaltungen

Konferenz "Die Mobilität von morgen gestalten"

19.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Highlight der Halbleiter-Forschung

20.02.2018 | Physik Astronomie

Wie verbessert man die Nahtqualität lasergeschweißter Textilien?

20.02.2018 | Materialwissenschaften

Der Bluthochdruckschalter in der Nebenniere

20.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics