Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fibromyalgie auch bei Kindern?

05.06.2012
Die einschlägigen Fachgesellschaften haben im Frühjahr diesen Jahres eine überarbeitete Therapieleitlinie für die Diagnostik und Therapie der Fibromyalgie erstellt.
Ganzkörperschmerz ist seit einigen Jahren ein gängiger Begriff geworden, insbesondere für Erwachsene. Ärzte und Fachleute sprechen bei dieser Erkrankung von der sogenannten Fibromyalgie. Die einschlägigen Fachgesellschaften haben im Frühjahr diesen Jahres eine überarbeitete Therapieleitlinie für die Diagnostik und Therapie der Fibromyalgie erstellt. Aber was ist, wenn Kinder unter Schmerzen am ganzen Körper leiden? Leiden sie dann auch unter Fibromyalgie?

Die Antwort ist gar nicht so leicht. Sicherlich können Kinder unter Schmerzen am ganzen Körper leiden; das steht außer Frage. Aber handelt es sich dann auch um eine Fibromyalgie, die durch chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen und Druckschmerz in sogenannten Tender Points (Druckpunkte, z.B. am Ellenbogen) inklusive Müdigkeit und Erschöpfung gekennzeichnet ist? Die ExpertInnen (insgesamt 50 aus 8 Arbeitsgruppen) sagen: „nein, nicht sicher“. Während die Diagnose im Erwachsenenalter gesichert ist, ist dies bei Kindern und Jugendlichen keinesfalls der Fall. Tatsächlich wurde bisher kaum überprüft, ob die Kriterien der Erwachsenen auch für Kinder und Jugendliche gelten, geschweige denn, ob man anhand dieser Kriterien tatsächlich Fibromyalgie bei Kindern sicher diagnostizieren kann. Die ExpertInnen sprechen daher vom „sogenannten juvenilen Fibromyalgie-Syndrom (sogenanntes JFMS)“, sogenannt, weil viele Forscher an die Existenz des Fibromyalgiesyndroms glauben und es so benennen.

Dieser Meinung konnten sich die deutschen Experten nicht anschließen. Federführender Autor der Leitlinie war der Lehrstuhlinhaber für Kinderschmerztherapie der Universität Witten/ Herdecke und Chefarzt des Deutschen Kinderschmerzzentrums, Prof. Dr. Boris Zernikow, er meint: „Trotz des Streites um den Namen der Krankheit, der eigentlich nebensächlich ist, dass diese Kinder an einem Ganzkörperschmerz leiden und einer spezialisierten Behandlung bedürfen, steht außer Frage“. Genau hinschauen, bevor man diagnostiziert, raten die ExpertInnen. Eine umfassende Diagnostik, die sowohl medizinische als auch psychologische Abklärungen einschließt, ist insbesondere bei Kindern unabdingbar. Andere Erkrankungen wie jugendliche (juvenile) Rheumaerkrankungen müssen ausgeschlossen werden. Psychische Erkrankungen, z.B. kindliche Angststörungen, die bei diesen Kindern sehr häufig zeitgleich bestehen können, müssen in der Therapie berücksichtigt werden. Erst bei der gesicherten Diagnose einer chronischen Schmerzstörung, so die ExpertInnen, wird eine multimodale spezialisierte Therapie empfohlen. Multimodal therapieren – d.h. nicht nur der Arzt behandelt, sondern ein Team aus KinderärztInnen, PhysiotherapeutInnen und Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen ist für die Behandlung verantwortlich.

Das Deutsche Kinderschmerzzentrum hat sich auf die Behandlung von chronisch schmerzkranken Kindern und Jugendlichen spezialisiert, darunter auch Kinder, die unter Ganzkörperschmerzen leiden. Die Kinder lernen hier im Rahmen der multimodalen Schmerztherapie unter anderem, ihren Schmerz zu verstehen, selbstständig damit umzugehen und sich trotz bestehender Schmerzen zu bewegen.

Auch das 12-jährige Mädchen Janine leidet vermutlich unter einer chronischen Schmerzstörung und kann mit der Bezeichnung juveniles Fibromyalgie-Syndrom wenig anfangen. Doch ihr kann geholfen werden, so die ExpertInnen. Denn laut ihrer Analysen (sie haben mehr als 150 wissenschaftliche Studien durchforstet) zeigen erste Studien, dass es betroffenen Kindern nach multimodalen Interventionen besser geht. Trotzdem besteht Bedarf nach weiteren Erkenntnissen, z.B. nach klaren Diagnosekriterien für chronische Schmerzstörungen bei Kindern und Jugendlichen, und nach weiteren Therapiestudien, die bestätigen, dass diesen Kindern geholfen werden kann.

Die Leitlinie ist online unter http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/041-004l_S3_Fibromyalgiesyndrom_2012-04.pdf abrufbar.

Kontakt:
Deutsches Kinderschmerzzentrum
Ann-Kristin Ruhe, MScPH
Projektmanagement & Öffentlichkeitsarbeit
Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln – Universität Witten/Herdecke
Dr. Friedrich-Steiner-Str. 5, 45711 Datteln
Tel. 02363-975-193
E-Mail : A.Ruhe@deutsches-kinderschmerzzentrum.de
www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de

Über uns:

Das Deutsche Kinderschmerzzentrum an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln – Universität Witten/Herdecke gilt als Referenzzentrum in der Versorgung chronisch schmerzkranker Kinder und Jugendliche. Es baut auf große Erfahrungen in der Behandlung schmerzkranker Kinder und Jugendlicher auf: Schon seit Jahren gibt es hier eine einzigartige Kinderschmerzstation und ein ambulantes Angebot in der Kinderschmerzambulanz.
Im Deutschen Kinderschmerzzentrum wird in Zukunft therapiert, geforscht und daran gearbeitet, die Situation von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Schmerzen öffentlich zu machen und zu verbessern.

Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 1.450 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.

Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.

Kay Gropp | Universität Witten/Herdecke
Weitere Informationen:
http://www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de
http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/041-004l_S3_Fibromyalgiesyndrom_2012-04.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Schnelltests für genauere Diagnose bei Hirntumoren
17.05.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

nachricht Antibiotikaresistenz – schneller und zuverlässiger Nachweis
14.05.2018 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Im Focus: Positronen leuchten besser

Leuchtstoffe werden schon lange benutzt, im Alltag zum Beispiel im Bildschirm von Fernsehgeräten oder in PC-Monitoren, in der Wissenschaft zum Untersuchen von Plasmen, Teilchen- oder Antiteilchenstrahlen. Gleich ob Teilchen oder Antiteilchen – treffen sie auf einen Leuchtstoff auf, regen sie ihn zum Lumineszieren an. Unbekannt war jedoch bisher, dass die Lichtausbeute mit Elektronen wesentlich niedriger ist als mit Positronen, ihren Antiteilchen. Dies hat Dr. Eve Stenson im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald jetzt beim Vorbereiten von Experimenten mit Materie-Antimaterie-Plasmen entdeckt.

„Wäre Antimaterie nicht so schwierig herzustellen, könnte man auf eine Ära hochleuchtender Niederspannungs-Displays hoffen, in der die Leuchtschirme nicht von...

Im Focus: Erklärung für rätselhafte Quantenoszillationen gefunden

Sogenannte Quanten-Vielteilchen-„Scars“ lassen Quantensysteme länger außerhalb des Gleichgewichtszustandes verweilen. Studie wurde in Nature Physics veröffentlicht

Forschern der Harvard Universität und des MIT war es vor kurzem gelungen, eine Rekordzahl von 53 Atomen einzufangen und ihren Quantenzustand einzeln zu...

Im Focus: Explanation for puzzling quantum oscillations has been found

So-called quantum many-body scars allow quantum systems to stay out of equilibrium much longer, explaining experiment | Study published in Nature Physics

Recently, researchers from Harvard and MIT succeeded in trapping a record 53 atoms and individually controlling their quantum state, realizing what is called a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

Tagung »Anlagenbau und -betrieb der Zukunft«

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

18.05.2018 | Physik Astronomie

Countdown für Kilogramm, Kelvin und Co.

18.05.2018 | Physik Astronomie

Wie Immunzellen Bakterien mit Säure töten

18.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics