Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fettsäure verbessert Krebsmedikament

06.05.2010
Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum entdeckten, dass sich die Bioverfügbarkeit und das Wirkspektrum des Blutkrebs-Medikaments Azacytidin verbessert, wenn der Wirkstoff an eine Fettsäure gekoppelt wird.

Chemische Veränderungen am Erbgut, so genannte epigenetische Modifikationen, regulieren die Aktivität vieler Gene. So werden durch Anheften von Methylgruppen an die DNA häufig wichtige Wachstumsbremsen der Zellen inaktiviert. Dieser als Methylierung bezeichnete Vorgang gilt daher als zentrale Ursache für die unkontrollierte Teilung von Krebszellen. Verantwortlich dafür sind bestimmte Enzyme, die DNA-Methyltransferasen.

Im Gegensatz zu Veränderungen am Bauplan des Erbguts können epigenetische Mutationen rückgängig gemacht und damit die Krebszelle wieder in den „Normalzustand“ zurückversetzt werden. Substanzen, die diese Rückprogrammierung bewirken, sind bereits als Krebsmedikamente im Einsatz, z.B. Azacytidin und Decitabin bei einer bestimmten Blutkrebsform, der akuten myeloischen Leukämie. Beide Substanzen werden von der Zelle ins Erbgut eingebaut und wirken dort wie eine Falle für die Methyltransferasen: Sie bilden feste chemische Bindungen mit dem Enzym und fangen dadurch die Methyltransferasen nach und nach ein, so dass keine Gene mehr stillgelegt werden.

Wissenschaftler aus der Gruppe von Professor Frank Lyko im Deutschen Krebsforschungszentrum suchten nach Azacytidin-Varianten mit verbesserter Wirksamkeit. Denn das Medikament bleibt bei vielen Krebserkrankungen wirkungslos, obwohl nachgewiesenermaßen Tumorbremsen durch Methylierung außer Kraft gesetzt sind. Die Forscher vermuten als Grund für diese Therapieresistenz, dass häufig nicht genügend Wirkstoff ins Zellinnere gelangt, da den Krebszellen bestimmte Transportermoleküle in der Zellmembran fehlen.

Das norwegische Unternehmen Clavis Pharma produzierte die Azacytidin-Varianten mit modifizierten chemischen Eigenschaften. Unter den untersuchten Substanzen erwies sich CP-4200, ein Kopplungsprodukt aus Azacytidin und einer Fettsäure (Elaidinsäure), als besonders erfolgreich. Werden Krebszellen in der Kulturschale mit CP-4200 behandelt, verringert sich die Menge an Methyltransferase-Molekülen im Zellinneren. Gleichzeitig verschwinden die Methylreste am Erbgut der Krebszellen und stillgelegte Tumorbremsen werden wieder reaktiviert. Die Fettsäure, so vermuten die Forscher, ermöglicht auch Zellen, die keine speziellen Transportproteine haben, CP-4200 aufzunehmen. Möglicherweise gelangt der Wirkstoff direkt durch die Membran ins Zellinnere.

Die Wirksamkeit von Azacytidin war bislang ausschließlich bei der akuten myeloischen Leukämie belegt. Um herauszufinden, ob CP-4200 ein verbessertes Wirkspektrum aufweist, verglichen die Forscher beide Wirkstoffe an Mäusen mit einer anderen Form von Blutkrebs, der akuten leukämischen Leukämie. In allen geprüften Behandlungsansätzen war die Wirkung von CP-4200 der von Azacytidin überlegen. „Die Kopplung an Elaidinsäure verbessert die Bioverfügbarkeit des Wirkstoffs, ohne seine epigenetische Wirkung zu beeinträchtigen“, erklärt Projektleiter Frank Lyko. „Wir sehen daher Chancen, mit dem neuen Medikament in Zukunft bei weitaus mehr Krebserkrankungen die Methylierung rückgängig machen und damit das Tumorwachstum aufhalten zu können.“

Ein Foto zur Pressemitteilung steht im Internet zur Verfügung unter:
http://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2010/images/E3_Methyltransferase...
Bildunterschrift: Am Computer errechnete Darstellung des Enzyms Methyltransferase

Bildquelle: Frank Lyko, Deutsches Krebsforschungszentrum

Bodo Brueckner, Maria Rius, Maria Rivera Markelova, Iduna Fichtner, Petter-Arnt Hals, Marit Liland Sandvold und Frank Lyko: Delivery of azacytidine to human cancer cells by elaidic acid esterification increases therapeutic drug efficacy. Molecular Cancer Therapeutics, 2010

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland und Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren. Über 2.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, davon 850 Wissenschaftler, erforschen die Mechanismen der Krebsentstehung und arbeiten an der Erfassung von Krebsrisikofaktoren. Sie liefern die Grundlagen für die Entwicklung neuer Ansätze in der Vorbeugung, Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen. Daneben klären die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Krebsinformationsdienstes (KID) Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Das Zentrum wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert.

Dr. Stefanie Seltmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.dkfz.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Im Focus: Wissenschaftler beleuchten den „anderen Hochtemperatur-Supraleiter“

Eine von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) geleitete Studie zeigt, dass Supraleitung und Ladungsdichtewellen in Verbindungen der wenig untersuchten Familie der Bismutate koexistieren können.

Diese Beobachtung eröffnet neue Perspektiven für ein vertieftes Verständnis des Phänomens der Hochtemperatur-Supraleitung, ein Thema, welches die Forschung der...

Im Focus: Tests der Quantenmechanik mit massiven Teilchen

Quantenmechanische Teilchen können sich wie Wellen verhalten und mehrere Wege gleichzeitig nehmen, um an ihr Ziel zu gelangen. Dieses Prinzip basiert auf Borns Regel, einem Grundpfeiler der Quantenmechanik; eine mögliche Abweichung hätte weitreichende Folgen und könnte ein Indikator für neue Phänomene in der Physik sein. WissenschafterInnen der Universität Wien und Tel Aviv haben nun diese Regel explizit mit Materiewellen überprüft, indem sie massive Teilchen an einer Kombination aus Einzel-, Doppel- und Dreifachspalten interferierten. Die Analyse bestätigt den Formalismus der etablierten Quantenmechanik und wurde im Journal "Science Advances" publiziert.

Die Quantenmechanik beschreibt sehr erfolgreich das Verhalten von Partikeln auf den kleinsten Masse- und Längenskalen. Die offensichtliche Unvereinbarkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

Anbausysteme im Wandel: Europäische Ackerbaubetriebe müssen sich anpassen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue Einblicke in die Welt der Trypanosomen

16.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Maschinensteuerung an Anwender: Intelligentes System für mobile Endgeräte in der Fertigung

16.08.2017 | Informationstechnologie

Komfortable Software für die Genomanalyse

16.08.2017 | Informationstechnologie