Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erinnerungen haben zwei Gesichter

28.05.2010
Regensburger Forscher weisen nach: Selektives Erinnern hat einen zwiespältigen Effekt auf die Rekonstruktion vergangener Geschehnisse

Viele von uns kennen das Phänomen: Wenn man mit einer Freundin oder einem Freund über ein gemeinsames Erlebnis diskutiert, das schon längere Zeit zurückliegt, so stößt ein erster Gedanke im Rahmen des Gesprächs häufig eine ganze Kette von Erinnerungsprozessen an.

Auf dieser Grundlage kann das Geschehene dann scheinbar nach und nach rekonstruiert werden. Diese subjektive Erfahrung steht allerdings im Widerspruch zu jüngeren wissenschaftlichen Untersuchungen, die zeigen konnten, dass bruchstückhaftes bzw. selektives Erinnern normalerweise die Rekonstruktion der mit einer solchen Erinnerung verbundenen Ereignisse behindert.

Beeinflusst nun also der Gedächtnisabruf einer einzelnen Erfahrung unsere Erinnerung an das gesamte Geschehen zum Positiven oder eher zum Negativen? Hat bruchstückhaftes Erinnern an Teile eines traumatischen Erlebnisses oder eines zufälligerweise beobachteten Verbrechens einen Effekt darauf, wie wir die weiteren Geschehnisse erinnern, die damit in Verbindung stehen?

Wissenschaftler der Universität Regensburg konnten in diesem Zusammenhang nachweisen, dass selektives Erinnern die damit verbundenen Erinnerungsprozesse sowohl behindern als auch fördern kann. Selektive Erinnerungen haben somit zwei Gesichter. Die subjektiv erfahrenen Verbesserungen der Erinnerungsleistung scheinen vor allen Dingen mit veralteten Geschehnissen verbunden zu sein, während die bisher wissenschaftlich beobachteten, blockierenden Effekte zumeist mit „aktuelleren“ Geschehnissen zusammenhängen.

Die Regensburger Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Karl-Heinz Bäuml vom Institut für Psychologie der Universität Regensburg konnte dies mit einem Experiment deutlich machen. Einer Gruppe von 80 Versuchspersonen wurden zwei Listen mit Wörtern vorgelegt, die die Probanden nacheinander lernen sollten. Die Versuchspersonen erhielten dabei nach dem Lernen der ersten Liste die Aufgabe, sich diese Liste - die aus vier "Zielwörtern" (target words) und zwölf "Beiwörtern" (nontarget words) bestand - entweder zu merken oder aber sie gleich wieder zu vergessen. Im zweiten Fall wurde den Probanden gesagt, dass die Liste nur zu Übungszwecken gezeigt worden wäre und später nicht abgefragt würde. Danach sollten die Probanden die zweite Liste lernen und wurden schließlich (doch) zur ersten Liste „geprüft“. Die "Zielwörter" (target words) wurden entweder zuerst oder nach einem gestützten Erinnern der "Beiwörter" (nontarget words) abgefragt.

Das Experiment zeigte, dass die Erinnerungsleistung der Probanden im Falle der Aufgabe "Liste merken" besser war, sofern die "Zielwörter"

(target words) als erstes abgefragt wurden. Wurden hingegen die "Zielwörter" als zweites abgefragt – also nach den "Beiwörtern" – so konnten sich die Probanden eher an die Wörter erinnern, die sie eigentlich vergessen sollten. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Erinnerungsleistung von dem „Speicherzustand“ (memory status) einer bestimmten Information abhängt. Im Falle von veralteten, scheinbar irrelevanten Erinnerungen verbessert der vorangehende selektive Abruf von Gedächtnisinhalten das Erinnern verwandten Materials. Im Falle von aktuellen, scheinbar relevanten Erinnerungen blockiert selektiver Abruf das Erinnern verwandter Informationen.

Die Ergebnisse der Regensburger Wissenschaftler wurden vor kurzem in der renommierten Zeitschrift „Psychological Science“ (Online) veröffentlicht (DOI: 10.1177/0956797610370162). Sie dürften für die Arbeit mit traumatisierten Personen (Gewaltopfern, Kriegsveteranen etc.) sowie für die allgemeine Kriminalistik von großem Interesse sein.

Alexander Schlaak | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-regensburg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Demenz: Forscher testen Wirkstoffe im Hochdurchsatz
28.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Proteomik hilft den Einfluss genetischer Variationen zu verstehen
27.03.2017 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE