Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erfolgreiche Gentherapie gegen die Parkinson-Krankheit – aber für Patienten noch keine Option

30.03.2011
Vor wenigen Tagen hat eine Forschungsarbeit viel Aufmerksamkeit erregt: Erstmals konnten Neurologen gemeinsam mit Neurochirurgen zeigen, dass eine Gentherapie in der Behandlung der Parkinson-Krankheit Wirkung zeigt. Dafür injizierten die US-Wissenschaftler 16 Patienten gentechnisch modifizierte Viren in eine spezielle Gehirnregion. Innerhalb eines halben Jahres waren die Patienten beweglicher als eine Kontrollgruppe, die keine Viren erhalten hatte.

„Dennoch ist die hier vorgestellte Therapieform noch nicht über den Status eines erfolgreichen Experimentes hinausgekommen“, dämpft Prof. Wolfgang Oertel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), die Erwartungen. „Patienten sollten sich daher keine kurzfristigen Hoffnungen machen und zunächst weiterhin auf eine Reihe bereits etablierter und sicherer Behandlungsverfahren setzen“, so Prof. Oertel weiter.

Viren beruhigen überaktive Region im Gehirn

An der Studie nahmen Patienten im Alter zwischen 30 und 75 Jahren teil, deren Zustand trotz Medikamenteneinnahme nicht durchgehend verbessert werden konnte. Außerdem litten diese Patienten zeitweise an Komplikationen der Pharmakotherapie wie Überbewegungen (Dyskinesien), berichten die Studienautoren um Michael Kaplitt vom Weill Cornell Medical Center in der Fachzeitschrift Lancet Neurology.

Da bei der Parkinson-Krankheit ein tief im Gehirn liegender Nervenzellkern – der Nucleus subthalamicus – überaktiv ist, haben die Forscher versucht, diese Überaktivität mit dem dämpfenden Botenstoff GABA zu lindern. Dies gelang durch die Injektion von Milliarden gentechnisch veränderter Viren, die die molekulare Bauanleitung für GABA in ihrem Erbgut trugen und so die Produktion dieses Botenstoffs förderten.

Jahrzehntelange Forschung vor dem Eingriff

Dem aktuellen Eingriff waren jahrzehntelange Experimente in Zellkulturen, mit Versuchstieren und schließlich auch Studien mit Patienten vorausgegangen. Dabei hatten schwedische und US-amerikanische Arbeitsgruppen wiederholt Verbesserungen gemeldet, bei denen aber nicht auszuschließen war, dass diese eine Folge des Placebo-Effektes waren, bei dem bereits die Erwartungshaltung des Patienten eine Verbesserung bewirkt. Die wenigen kleinen Placebo-kontrollierten Studien konnten die anfänglichen Erfolgsmeldungen nicht bestätigen.

Die nun publizierte Studie ist die erste, in der die Wirkung einer Gentherapie bei der Parkinson-Krankheit in einem doppelblinden Studienansatz gezeigt werden konnte. Doppelblind bedeutet, dass weder der Patient noch der Arzt wussten, ob der Patient die Viren injiziert bekommen oder lediglich eine Scheinoperation erhalten hatte. Auf der einheitlichen Bewertungsskala UPDRS verbesserte sich die Beweglichkeit von 16 Patienten binnen sechs Monaten um 23 Prozent. Hingegen verbesserte sich auch die Beweglichkeit von 21 weiteren Patienten, die lediglich eine Scheinoperation erhielten. Hier betrug der Unterschied zur Ausgangssituation im Mittel nur 13 Prozent. Die absolute Verbesserung, die der Gentherapie zugerechnet werden kann, lag demnach zwischen 10 und 15 Prozent. „Dies entspricht der Wirkung einiger milder bis mittelstarker Medikamente, wie sie heute für Parkinson-Patienten zur Verfügung stehen“, bemerkt Oertel.

Angesichts dieses eindeutigen, wenn auch insgesamt lediglich mittelstarken Effektes sehen die beteiligten Wissenschaftler in der Gentherapie eine Alternative zur herkömmlichen Behandlung mit Medikamenten oder chirurgischen Eingriffen. „Ob die Methode eine erfolgversprechende Option auch für andere neurologische Erkrankungen darstellt, wie Kaplitt und Kollegen meinen, bleibt abzuwarten“, meint Oertel. Der DGN-Präsident verweist auch darauf, dass es in der neuen Untersuchung bei den Dyskinesien und bei der Lebensqualität keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den beiden Studiengruppen gegeben hat. Weiterhin bleibt zu prüfen, ob die an einer kleinen Zahl von Patienten erhobenen Ergebnisse in einer größeren Studie bestätigt werden können. „Zusammenfassend ist diese Studie also von hohem wissenschaftlichem Interesse, für die Behandlung der Parkinson-Patienten im Jahre 2011 hingegen hat sie noch keine therapeutische Bedeutung.“

Quelle:
http://www.thelancet.com/journals/laneur/article/PIIS1474-4422%2811%2970039-4/abstract

Lewitt, PA et al. AAV2-GAD gene therapy for advanced Parkinson´s disease: a double-blind, sham-surgery controlled, randomised trial. Lancet Neurology online, March 17, 2011. DOI:10.1016/S1474-4422(11)70039-4.

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. med. Wolfgang Oertel
Direktor der Klinik für Neurologie
Philipps Universität Marburg und
Universitätklinikum Marburg
Baldingerstraße
35043 Marburg
Tel.: 06421/586 6279
Fax: 06421/586 8955
E-Mail: oertelw@med.uni-marburg.de
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 6500 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.

http://www.dgn.org

1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Wolfgang Oertel
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Heinz Reichmann
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Martin Grond
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter
Geschäftsstelle
Reinhardtstr. 14, 10117 Berlin, Tel: +49 (0)30-531437930, E-Mail: info@dgn.org
Ansprechpartner für die Medien
Frank A. Miltner, Tel: +49 (0)89-461486-22, E-Mail: presse@dgn.org
Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften