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EPO in der Wundtherapie: MHH testet innovatives Heilungskonzept ohne Nebenwirkungen

24.03.2010
Neues Dosierungsverfahren setzt niedrigste Konzentrationen des Medikaments ein

Wissenschaftlern der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist es gelungen, mit dem körpereigenen Hormon Erythropoietin (EPO) eine neue nebenwirkungsfreie Behandlungsstrategie in der Wundheilung zu entwerfen.

In einer aktuellen multizentrischen interdisziplinären Studie an der MHH zur Wundtherapie bei Diabetischem Fußsyndrom zeigen die Forscher, dass schwere chronische Wunden bei Patienten mit Diabetes Typ I und II unter der Gabe des Medikaments EPO wesentlich schneller abheilen als unter konventioneller Behandlung.

In Deutschland leiden schätzungsweise zehn Millionen Patienten an Diabetes. Die Dunkelziffer ist hoch. Aufgrund der schweren chronischen Sekundärerkrankungen gewinnt die Volkskrankheit auch zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung. Zu den Folgerkrankungen gehören, neben dem Diabetischen Fußsyndrom, unter anderem Bluthochdruck, Herzinfarkt, Netzhautablösung bis hin zur Erblindung und die sogenannte Neuropathie. Dabei handelt es sich um Nervenschädigungen im Bereich der Extremitäten, die zu einem verminderten Schmerzempfinden und Taubheitsgefühl führen. Die durch Diabetes bedingte Durchblutungsstörungen entstandenen Wunden und Geschwüre werden von den Patienten zu spät bemerkt und können einen chronischen Verlauf nehmen. Im schlimmsten Fall droht die Amputation der betroffenen Gliedmaßen. Besonders bei schweren Verläufen des Syndroms ohne chirurgische oder endovaskuläre Behandlungsmöglichkeiten führt EPO zu einem Therapieerfolg.

Professor Dr. Hans-Oliver Rennekampff, Bereichsleiter für Verbrennungsmedizin und Hautregeneration der MHH-Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie: "Es gibt in Deutschland jedes Jahr etwa zwei bis drei Millionen Patienten, die unter schweren chronisch offenen Wunden leiden. Die Hauptursachen sind Diabetes mellitus und eine Reihe von Gefäßleiden. Es gibt zwar verschiedene konservative Behandlungsmöglichkeiten wie spezielle Wundauflagen oder chirurgische Maßnahmen wie die Hauttransplantation, aber eine erschreckend große Anzahl an Patienten spricht auf diese Behandlungen nicht an oder ist für die operative Therapie nicht geeignet. Darum ist die Notwendigkeit von alternativen molekularbiologischen Therapiestrategien so wichtig."

Die wissenschaftlichen Ergebnisse weisen darauf hin, dass EPO schon in niedrigsten Dosierungen - durch die Bildung und Ausschwemmung von Stammzellen aus dem Knochenmark zur Regeneration von Verletzungen und Organschäden - einen positiven Einfluss auf die Wundheilung hat. EPO wird von der Niere gebildet und reguliert als Wachstumsfaktor die Entstehung der roten Blutkörperchen aus dem Knochenmark. Darum wird das Therapeutikum häufig bei Blutarmut als Folge von Dialyse oder Chemotherapie eingesetzt. Neben der Wirkung auf die Blutbildung haben Forscher eine Reihe positiver Effekte bei dem Glykoprotein beobachtet. So stimuliert EPO die Bildung von körpereigenen Stammzellen (Progenitorzellen) und hat eine zellschützende Wirkung auf gestresste Körperzellen. Die Fähigkeit zur allgemeinen Leistungssteigerung wurde in verschiedenen Sportarten ausgenutzt und hat EPO den zweifelhaften Ruf eines Dopingmittels beschert. Dem therapeutischen Problem, dass es bei hohen Dosierungen des Medikaments zur Eindickung des Blutes und infolgedessen zu Blutgerinnseln kommen kann, haben die MHH-Forscher eine intelligente Strategie entgegengesetzt. "Wir haben die molekularen Mechanismen von EPO untersucht und entdeckt, dass das Hormon auch in sehr niedrigen Konzentrationen einen positiven Einfluss auf Stammzell-Vorläuferzellen, sogenannte Progenitorzellen hat. Die vermehrte Bildung von roten Blutkörperchen führt zu einer erhöhten Durchblutung des Körpergewebes und dadurch zu einer verbesserten Versorgung der Wunde. Die gefürchtete einschränkende Wirkung von EPO haben wir mit dem neuen Therapieprinzip nicht beobachten können", erklärt Professor Dr. Hermann Haller, Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen. Auch auf dem Gebiet der chronischen Nierenerkrankungen wirke sich Erythropoietin in der neuen Dosierung positiv aus. Die Entwicklung einer diabetischen Nephropathie - dabei kommt es zunehmend zu einer Schädigung der kleinsten Nierengefäße und damit zu einer dramatisch eingeschränkten Filterleistung der Niere - könne durch die neue Therapie weitgehend verhindert werden.

Die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und der zentralen Ethikkommission genehmigte Phase II-Studie untersucht insgesamt 90 Patienten in einem Zeitraum von je zwölf Wochen und findet an mehreren großen diabetologischen Zentren in Deutschland statt - die Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie ist kürzlich als Studienzentrum zertifiziert worden. "Bisher trat bei keinem der bereits in der Studie behandelten Patienten eine durch das niedrig dosierte EPO ausgelöste Nebenwirkung auf", erklärt Martina Fischer-Dörre, Managerin Klinische Studien der Epoplus GmbH & Co. KG.

Der Bedarf für eine bundesweite Untersuchung ist groß. "In Deutschland fehlen derzeit für fast alle modernen Wundtherapien evidenzbasierte Daten. Diese Studie soll bestätigen, dass EPO in nebenwirkungsfreier Dosierung außerhalb der heutigen Anwendungsgebiete völlig neue therapeutische Möglichkeiten bietet", erklärt Dr. Dr. Rüdinger, Geschäftsführer der Epoplus GmbH & Co. KG. Mit ersten Ergebnissen ist am Ende der Studie, Anfang 2011, zu rechnen.

Stefan Zorn | idw
Weitere Informationen:
http://www.mh-hannover.de/

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