Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das „enthemmte“ Gehirn: RUB-Mediziner erforschen die Schmerzerkrankung CRPS

21.09.2011
Neue Erkenntnisse zur schweren Schmerzerkrankung CRPS
Veränderungen des Nervensystems: RUB-Mediziner berichten in „Neurology“

Das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS), auch als Morbus Sudeck bekannt, ist durch eine „Enthemmung“ mehrerer sensorischer und motorischer Hirnareale gekennzeichnet.


Die Abbildung zeigt das fMRT-Signal im somatosensorischen Kortex eines CRPS-Patienten verglichen mit einem gesunden Probanden. Während das Signal auf der betroffenen Seite verringert ist, zeigt das Diagramm bei CRPS-Patienten eine Disinhibition der Doppelpuls-SEPs in beiden Hemisphären – obwohl nur eine Hand betroffen ist

Eine fachübergreifende Bochumer Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Martin Tegenthoff (Neurologische Klinik Bergmannsheil) und Prof. Dr. Christoph Maier (Schmerzambulanz Bergmannsheil) konnte jetzt erstmals nachweisen, dass bei einer einseitigen CRPS-Symptomatik – zum Beispiel an der linken Hand – die Erregbarkeit nicht nur in dem Hirnareal erhöht ist, das für die Verarbeitung des Tastsinns der betroffenen Hand zuständig ist. Auch das Hirnareal der gesunden Hand ist gleichzeitig „enthemmt“. Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Erforschung und Behandlung des CRPS. Im renommierten Fachjournal „Neurology“ berichten die Forscher über Ihre neuen Erkenntnisse. Die wissenschaftliche Studie wurde finanziell vom Forschungsfonds der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) gefördert.

Möglich: eine Veranlagung für CRPS

CRPS kann sich nach anfangs häufig nur leichten Verletzungen entwickeln und zu langdauernden starken Schmerzen, Gefühls- und Bewegungsstörungen, sowie Haut- und Knochenveränderungen in der betroffenen Extremität führen – in manchen Fällen bis hin zur dauerhaften Arbeitsunfähigkeit. Die genaue Ursache des Krankheitsbildes ist nicht bekannt. Neben Entzündungserscheinungen bewirken offensichtlich auch Veränderungen im Gehirn, dass die Krankheit chronisch wird. „Obwohl die Symptome zumeist auf eine Körperseite begrenzt sind, scheinen einige Veränderungen im Gehirn beidseitig vorhanden zu sein, was auf eine mögliche individuelle Anlage für die Entwicklung eines CRPS hinweisen könnte“, sagt Prof. Martin Tegenthoff.

Fehlprogrammierung im Gehirn

Die Genese dieser Krankheit ist weitgehend unklar. Unter Schmerzforschern gelten neben dem Einfluss von Entzündungsfaktoren Veränderungen im zentralen Nervensystem als mögliche Ursache. So fanden Forscher in zahlreichen Studien beispielsweise heraus, dass die Repräsentation der betroffenen Hand auf der „Körperlandkarte“ im Gehirn verkleinert ist, was mit der Schmerzintensität und der Tastleistung der Patienten eng zusammenhängt.

Erregbarkeit auf beiden Seiten verändert

In einer vorangegangenen Studie hat die Bochumer Arbeitsgruppe im motorischen Zentralnervensystem von CRPS-Patienten eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Die Erregbarkeit des motorischen Handareals ist erhöht – und zwar nicht nur in der Gehirnhälfte, die die betroffene Seite steuert, sondern auch in der zur gesunden Seite korrespondierenden Hälfte. Mit diesem Hinweis auf eine systemische Störung des Zentralnervensystems hat die Gruppe in der aktuellen Studie untersucht, ob die beidseitige Enthemmung auch in dem Hirnareal zu finden ist, das für den Tastsinn verantwortlich ist (somatosensorischer Kortex). Untersucht wurden CRPS-Patienten mit einseitiger Symptomatik an der Hand. Nach einer elektrischen Stimulation haben die Forscher die Hirnströme im somatosensorischen Hirnareal der betroffenen und nicht betroffenen Hand gemessen. Das Ergebnis: Die beidseitig verringerte Hemmung beim CRPS ist nicht nur auf motorische Handareale beschränkt. Auch die Bereiche des Gehirns, die die sensorische Wahrnehmung der Hände verarbeiten, zeigen eine deutliche Veränderung.

„Enthemmung“: typisch für neuropathische Schmerzen

Überprüft haben die Wissenschaftler ihre Erkenntnisse mit gesunden Kontrollpersonen und mit Patienten, die unter Schmerzen litten, die im Gegensatz zum CRPS nicht durch eine Erkrankung der Nerven hervorgerufen wurden (nicht-neuropathischer Schmerz). Auch hier fanden die Forscher ein verblüffendes Ergebnis: Die Kontrollpatienten zeigten keinerlei Veränderungen der Hemmung im Handareal, sie unterschieden sich nicht von den gesunden Personen. „Das zeigt, dass die Enthemmung des Gehirns bei CRPS-Patienten spezifisch für neuropathische Schmerzen zu sein scheint“, so Prof. Tegenthoff.

Systemische Veränderung wirft Fragen auf

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die beim CRPS auftretenden Veränderungen des zentralen Nervensystems sehr viel komplexer sind, als die Wissenschaftler bisher vermutet haben. Eine beidseitige Veränderung des zentralen sensomotorischen Systems, die sich in einer einseitigen Symptomatik äußert, wirft Fragen auf – etwa ob es sich dabei um Ursache oder Wirkung der Erkrankung handelt. Eine erste Annäherung unternehmen die RUB-Wissenschaftler nun, indem sie die Studienpatienten langfristig weiter begleiten und mit einem Abstand von je einem halben Jahr zu zwei Nachmessungen einladen. Dadurch können sie die Veränderungen im Gehirn mit dem Heilungsverlauf vergleichen. Ein Rückgang der Veränderungen bei erfolgreicher Therapie ließe darauf schließen, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Krankheitsfolge handelt.

Das Gehirn mit einbeziehen

„Unsere Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass beim CRPS Veränderungen im Gehirn eine große Rolle spielen“, sagt Prof. Dr. Christoph Maier. „Wie es bereits in Pilotstudien auch in der Schmerzklinik am Bergmannsheil geschieht, sollte dieser Aspekt bei zukünftigen Therapieansätzen Berücksichtigung finden, um die Behandlung dieser weiterhin problematischen Erkrankung zu verbessern.“

Titelaufnahme

Lenz M, Höffken O, Stude P, Lissek S, Schwenkreis P, Reinersmann A, Frettlöh J, Richter H, Tegenthoff M, Maier C.: Bilateral somatosensory cortex disinhibition in complex regional pain syndrome type I. Neurology. 2011 Sep 13;77(11):1096-101. Epub 2011 Aug 31.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Martin Tegenthoff, Neurologische Klinik und Poliklinik, BG-Universitätsklinikum Bergmannsheil, Tel. 0234/302-6810, martin.tegenthoff@rub.de

Prof. Dr. Christoph Maier, Abteilung für Schmerztherapie, BG-Universitätsklinikum Bergmannsheil, Tel. 0234/302-6366, christoph.maier@rub.de

Redaktion: Jens Wylkop

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Im Focus: Wissenschaftler beleuchten den „anderen Hochtemperatur-Supraleiter“

Eine von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) geleitete Studie zeigt, dass Supraleitung und Ladungsdichtewellen in Verbindungen der wenig untersuchten Familie der Bismutate koexistieren können.

Diese Beobachtung eröffnet neue Perspektiven für ein vertieftes Verständnis des Phänomens der Hochtemperatur-Supraleitung, ein Thema, welches die Forschung der...

Im Focus: Tests der Quantenmechanik mit massiven Teilchen

Quantenmechanische Teilchen können sich wie Wellen verhalten und mehrere Wege gleichzeitig nehmen, um an ihr Ziel zu gelangen. Dieses Prinzip basiert auf Borns Regel, einem Grundpfeiler der Quantenmechanik; eine mögliche Abweichung hätte weitreichende Folgen und könnte ein Indikator für neue Phänomene in der Physik sein. WissenschafterInnen der Universität Wien und Tel Aviv haben nun diese Regel explizit mit Materiewellen überprüft, indem sie massive Teilchen an einer Kombination aus Einzel-, Doppel- und Dreifachspalten interferierten. Die Analyse bestätigt den Formalismus der etablierten Quantenmechanik und wurde im Journal "Science Advances" publiziert.

Die Quantenmechanik beschreibt sehr erfolgreich das Verhalten von Partikeln auf den kleinsten Masse- und Längenskalen. Die offensichtliche Unvereinbarkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

Anbausysteme im Wandel: Europäische Ackerbaubetriebe müssen sich anpassen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue Einblicke in die Welt der Trypanosomen

16.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Maschinensteuerung an Anwender: Intelligentes System für mobile Endgeräte in der Fertigung

16.08.2017 | Informationstechnologie

Komfortable Software für die Genomanalyse

16.08.2017 | Informationstechnologie