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Warum Einjährige die Gedanken anderer erkennen

23.02.2012
Die Frage, ab wann Kinder die Gedanken und Gefühle anderer richtig einschätzen können, wird von unterschiedlichen Tests unterschiedlich beantwortet.

Ein neues Modell von Bochumer Philosophen vereint nun die scheinbar widersprüchlichen empirischen Befunde. Prof. Dr. Albert Newen und Dr. Leon de Bruin vom Institut für Philosophie II der Ruhr-Universität erklären ihre Theorie in der Zeitschrift Cognition.

Bereits im ersten Lebensjahr besitzen Kinder eine „Theory of Mind“, trennen also die eigenen Überzeugungen von denen anderer. Mit vier Jahren ist diese Fähigkeit voll ausgeprägt. Laut Bochumer Modell erfolgt die Entwicklung durch Interaktion zweier separater Systeme.

Widersprüchliche Ergebnisse: „False Belief“-Test mit und ohne Sprache

Der Test: Sally legt ihren Ball in einen Korb und geht spazieren. Nun erscheint Anne, nimmt den Ball aus dem Korb und legt ihn in eine Schachtel. Dann kommt Sally zurück. Wo wird sie nach dem Ball suchen – in der Schachtel oder im Korb?

Die Ergebnisse des „False Belief“-Tests zeigten bisher: Erst ab dem vierten Lebensjahr können sich Kinder in Sallys Perspektive versetzen und antworten „im Korb“. Jüngere dagegen übertragen ihr eigenes Wissen auf Sallys Überzeugungen und antworten „in der Schachtel“. Basiert der Test nicht auf Sprache, sondern auf Blickdauer, zeigt sich jedoch: Die Kinder erwarten, dass Sally den Ball im Korb suchen wird. Schon 7 bis 12 Monate alte Babys schauen deutlich länger, wenn Sally den Ball in der Schachtel statt im Korb sucht.

Bochumer Zwei-Komponenten-Theorie

Newen und de Bruin postulieren zwei „Theory of Mind“-Module. „Wir gehen davon aus, dass Kinder zunächst eine gedankliche Verbindung zwischen Akteurin Sally, dem Objekt und dem Ort des Objekts herstellen – sie ergibt sich aus der Beobachtung von Sallys Aktivität“, erklärt Newen. Laut Modell geschieht das im Assoziationsmodul. Ein Operationssystem ermöglicht es dann, das beobachtete Verhalten in Bezug auf neue Informationen zu aktualisieren. Bei der Rückkehr von Akteurin Sally wird das Wissen des Kindes, dass der Ball in der Schachtel liegt, blockiert. So kann es das gespeicherte Wissen abrufen, dass Sally den Ball in den Korb gelegt hat. Da das Kind das gespeicherte Wissen („im Korb“) auswählt, erwartet es, dass Sally den Ball im Korb suchen wird.

Interagierende Module

Laut Modell interagieren Assoziationsmodul und Operationssystem von Beginn des Lebens an. Das erlaubt Kleinkindern komplexer werdende Assoziationen zu bilden, indem sie die Handlungen anderer beobachten. Die Theorie unterscheidet drei Formen von Assoziationen: Zunächst entwickeln Babys handlungsbasierte Assoziationen. Diese verstehen sie, indem sie Handlungen selber tun oder beobachten, wie jemand etwas tut. Anschließend entstehen wahrnehmungsbasierte Assoziationen, bei denen es den Kleinkindern genügt, die Blickrichtung des anderen zu erfassen, um zu verstehen, welches Objekt er/sie möchte. Schließlich entfalten sich symbolbasierte Repräsentationen im Kontext des Spracherwerbs. Erst wenn ein Kleinkind diese letzte Form entwickelt hat, kann es sprachbasierte Tests lösen. Nichtsprachliche Tests besteht es schon früher, weil dazu die einfacheren Assoziationsformen genügen. „Wir haben die Details der Theorie eng mit Blick auf neueste empirische Befunde entwickelt“, sagt Newen. „Zudem bringen wir die philosophische Diskussion voran, indem wir eine grundsätzliche Theorie für eine Grundkompetenz präsentieren – nämlich das Verstehen anderer Personen.“

Titelaufnahme

L.C. de Bruin, A. Newen (2012): An association account of false belief understanding, Cognition, doi: 10.1016/j.cognition.2011.12.016

Weitere Informationen

Prof. Dr. Albert Newen, Institut für Philosophie II der Ruhr-Universität, 44780 Bochum, Tel.: 0234/32-22139

albert.newen@rub.de

Redaktion
Dr. Julia Weiler

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

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