Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Eingeschmuggelte Therapieresistenz

25.06.2013
Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum und dem Universitätsklinikum Heidelberg entdeckten eine Ursache für die Therapieresistenz von Hirntumoren.

In den Tumor eingewanderte Mikrogliazellen versorgen die Krebszellen mit einer Substanz, die zur Reparatur von DNA-Schäden erforderlich ist. Dadurch entgehen die Zellen dem programmierten Zelltod Apoptose. Ließe sich dieser Resistenzmechanismus blockieren, könnten bösartige Hirntumoren möglicherweise wirkungsvoller behandelt werden.

Gliome sind bösartige Hirntumoren, die aus den Stützzellen des zentralen Nervensystems entstehen, den so genannten Astrozyten. „Bei der Behandlung bösartiger Gliome kombinieren wir Strahlentherapie und das Medikament Temozolomid. Bei einigen Patienten entwickeln die Tumoren jedoch rasch Resistenzen gegen beide Behandlungsverfahren“, sagt der Neuroonkologe Professor Dr. Michael Platten, der eine Kooperationseinheit des Deutschen Krebsforschungszentrums und der Abteilung Neuroonkologie des Universitätsklinikums Heidelberg leitet. „Wir brauchen daher dringend neue Möglichkeiten, diese Erkrankungen wirksamer zu behandeln.“

Chemo- und Strahlentherapien schädigen das Erbgut der Tumorzellen. Die DNA-Defekte lösen wiederum automatisch das Selbstmordprogramm Apoptose aus. Doch Tumorzellen schützen sich mit einem effizienten DNA-Reparatursystem vor den Folgen der Therapie und damit vor dem Zelltod.

Die wichtigsten DNA-Reparaturwerkzeuge der Zelle funktionieren nur dann, wenn das Molekül NAD+ vorhanden ist. Läuft die DNA-Reparatur auf Hochtouren, etwa während einer Strahlentherapie, sind die NAD+-Vorräte einer Krebszelle schnell erschöpft, so dass DNA-Schäden nicht repariert werden und der Zelltod eintritt. Krebsforscher versuchen daher, mit Medikamenten künstlich einen NAD+ Mangel herbeizuführen und so eine Therapieresistenz zu verhindern. Wirkstoffe, die das NAD+-produzierende Enzym hemmen, werden sogar schon in klinischen Studien geprüft.

Jedoch können Zellen NAD+ nicht nur auf direktem Wege herstellen, sondern zusätzlich auf andere Produktionsverfahren ausweichen: Die Substanz Quinolinsäure, die beim Abbau des Eiweißbausteins Tryptophan entsteht, dient Zellen als alternativer Ausgangsstoff für die NAD+-Produktion. Michael Platten und sein Team hatten entdeckt, dass bösartige Gliome große Mengen an Quinolinsäure enthalten. „Wir wollten wissen, ob die Gliome möglicherweise diesen Umweg nutzen, um ausreichend NAD+ zu produzieren und so den Therapien zu entgehen“, sagt Dr. Felix Sahm von der Abteilung Neuropathologie des Universitätsklinikums Heidelberg, der Erstautor der Publikation.

Ist die direkte NAD+-Produktion blockiert, so kurbeln bösartige Gliomzellen die Herstellung eines Enzyms an, das die Quinolinsäure zu NAD+ abbaut. Chemotherapie und Bestrahlung steigern die Menge des „QRPT“ genannten Enzyms im Tumor. Je bösartiger die untersuchten Gliome waren, desto mehr QRPT enthielten sie.

Allerdings, so entdeckten die Forscher, sind die Tumorzellen selbst gar nicht dazu in der Lage, Quinolinsäure zu bilden. Vielmehr wir die Substanz von den zum Immunsystem zählenden Mikroglia-Zellen produziert, die in großer Zahl in Gliome einwandern. Mikroglia-Zellen können bis zu 50 Prozent der Gesamtzellzahl eines Glioms ausmachen.

Nur die Tumorzellen, nicht aber gesunde Astrozyten, enthalten QRPT und können daher Quinolinsäure zu NAD+ abbauen. „Die bösartige Entartung von Astrozyten geht offenbar mit ihrer Fähigkeit einher, sich die Quinolinsäure als alternative Quelle für NAD+ zu erschließen und damit resistent gegen Strahlen- und Chemotherapie zu werden“, sagt Michael Platten. „Ein Zusammenhang zwischen Mikroglia und der Bösartigkeit der Gliome ist schon seit längerem bekannt – jetzt haben wir einen möglichen Grund dafür gefunden“, so der Neuroonkologe. „Das Schlüsselenzym für die alternative Versorgung mit NAD+ ist die QRPT Ein zielgerichteter Wirkstoff gegen dieses Enzym könnte dabei helfen, die Therapieresistenz von Hirntumoren zu unterdrücken. Dann könnten wir mit den bereits heute verfügbaren Behandlungsverfahren möglicherweise mehr gegen bösartige Hirntumoren ausrichten.“

Felix Sahm, Iris Oezen, Christiane A. Opitz, Bernhard Radlwimmer, Andreas von Deimling, Tilman Ahrendt, Seray Adams, Helge B. Bode, Gilles J. Guillemin, Wolfgang Wick und Michael Platten: The Endogenous Tryptophan Metabolite and NAD+ Precursor Quinolinic Acid Confers Resistance of Gliomas to Oxidative Stress. Cancer Research 2013, DOI: 10.1158/0008-5472.CAN-12-3831

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes (KID) klären Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Heidelberg hat das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eingerichtet, in dem vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik übertragen werden. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums ist ein wichtiger Beitrag, um die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.

Diese Pressemitteilung ist abrufbar unter www.dkfz.de/pressemitteilungen

Dr. Stefanie Seltmann
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
D-69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2854
F: +49 6221 42 2968
presse@dkfz.de

Dr. Sibylle Kohlstädt
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
D-69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2843
F: +49 6221 42 2968
presse@dkfz.de

Dr. Stefanie Seltmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.dkfz.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Kostformen im Vergleich: Für Menschen mit Diabetes ist die Mittelmeer-Diät besonders gut geeignet
19.01.2018 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Vielversprechender Malaria-Wirkstoff erprobt
19.01.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

22.01.2018 | Veranstaltungen

Transferkonferenz Digitalisierung und Innovation

22.01.2018 | Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

22.01.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Forschungsteam schafft neue Möglichkeiten für Medizin und Materialwissenschaft

22.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

Ein Haus mit zwei Gesichtern

22.01.2018 | Architektur Bauwesen

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics