Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein radikal neuer Weg, den Krebs zu bekämpfen

23.01.2015

Um Tumore zu behandeln, reduzieren gängige Krebstherapien die Sauerstoffzufuhr zum kranken Gewebe. Nun gehen Ärzte des Schweizer Zentrums für Leber- und Pankreaskrankheiten am UniversitätsSpital Zürich (USZ) im Rahmen einer Studie einen völlig neuen Weg: Sie fördern die Sauerstoffzufuhr zum Tumor, statt sie zu verhindern. Ein von einem Nobelpreisträger mitentwickeltes vielversprechendes Medikament kommt dabei erstmals weltweit bei Patienten zum Einsatz.

Tumore in den Bauchorganen gehören zu den häufigsten und bösartigsten Krebserkrankungen: Allein in der Schweiz erkranken pro Jahr rund 6‘000 Menschen daran. Hat sich der Krebs noch nicht stark ausgebreitet, kann der Tumor chirurgisch entfernt und der Patient meist geheilt werden. Bei der Mehrheit der Patienten ist dies jedoch nicht möglich, da der Tumor bereits weit fortgeschritten ist.


Dieser Querschnitt eines Körpers ist von den Füssen Richtung Kopf. Die dunklen Flecken in der Leber zeigen: Der Tumor ist weit fortgeschritten – er kann nicht mehr chirurgisch entfernt werden.

Dann behandeln die Ärzte die Betroffenen mit Chemotherapie oder bestrahlen den Tumor. So können sie zwar das Leben der Patienten verlängern, nehmen damit aber auch Nebenwirkungen in Kauf. Zudem führen gängige Behandlungen dazu, dass die Gefässbildung in den Tumoren gehemmt wird und entsprechend weniger Sauerstoff zum Tumor gelangt. Davon versprach man sich lange eine Abschwächung des Tumorwachstums. Neuere Studien haben aber gezeigt, dass ein Sauerstoffmangel im Tumor dazu führen kann, dass der Tumor aggressiver wird und Ableger in anderen, sauerstoffreichen Geweben bildet.

Neuer Ansatz: Sauerstoffzufuhr fördern statt hemmen
Im Schweizer Zentrum für Leber- und Pankreaskrankheiten des USZ arbeiten Onkologen, Gastroenterologen, Hepatologen und Viszeralchirurgen eng miteinander zusammen. Prof. Pierre-Alain Clavien, Direktor der Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie und Dr. Përparim Limani vom Zentrum für Leber- und Pankreaskrankheiten am USZ entwickelten in enger Zusammenarbeit mit Prof. Roger Stupp, Direktor der Klinik für Onkologie, und seinem Team ein neues Therapiekonzept, welches nun in einer vom Zentrum initiierten Studie geprüft wird. Dieses Konzept verkörpert genau das Gegenteil des landläufigen Therapieansatzes: Statt die Sauerstoffversorgung im Tumor durch die gängigen Behandlungen zu verringern, wird die Sauerstoffaufnahme im kranken Gewebe bewusst begünstigt. Dazu setzen die Ärzte das Molekül Inositol Trispyrophosphat (ITPP) ein, das die vom Krebs veränderten Blutgefässe im Tumor normalisieren soll. Damit erhoffen sie sich, die Wirksamkeit der Chemotherapie oder der Bestrahlung zu erhöhen und krebsfördernde Wege zu hemmen.

Medikament von Chemie-Nobelpreisträger, Biologe und Ärzten entwickelt
Swissmedic, die schweizerische Zulassungsbehörde für Heilmittel und die Kantonale Ethikkommission Zürich haben ITPP Mitte Januar 2015 zugelassen. Das Studienmedikament wurde von einer Forschungsgruppe des Nobelpreisträger Prof. Jean-Marie Lehn (Chemie) an der Universität Strassburg entdeckt und in enger Zusammenarbeit mit dem Biologen Prof. Claude Nicolau aus Boston im Tiermodell entwickelt. Dr. Përparim Limani und Prof. Pierre-Alain Clavien haben das Medikament weiter im Tiermodell erforscht. «Die eindrücklichsten anti-tumoralen Effekte wurden bei einer Kombination des Medikaments mit einer konventionellen Standard-Chemotherapie beobachtet», sagt Prof. Pierre-Alain Clavien. Auch bei Verabreichung des Medikaments ohne Kombination mit anderen Therapien sei die Lebensdauer gestiegen und die Zahl und Grösse der Tumoren habe sich reduziert.

Erstmaliger Einsatz bei Patienten
Jetzt wird das vielversprechende Krebsmedikament im Rahmen einer klinischen Studie bei 70 Patienten angewendet. Dabei erhalten Patienten mit Leber-, Bauchspeicheldrüsen- oder Gallengangskrebs sowie Patienten mit Metastasen von Dickdarmkrebs das Studienmedikament. Anschliessend unterziehen sie sich einer individuell angepassten Chemotherapie. Die Forschenden interessiert, ob bei den Patienten, die das Studienmedikament eingenommen haben, bessere Ergebnisse resultieren. Ein Augenmerk richtet die experimentelle Studie aber auch auf die weitere Prüfung der Verträglichkeit und der Sicherheit des Medikaments. Die ersten Erkenntnisse erhoffen sich die Ärzte in spätestens einem Jahr. Gespannt auf die Resultate sind auch Nobelpreisträger Prof. Jean-Marie Lehn und Prof. Claude Nicolau: «Für uns wäre es eine grosse Genugtuung zu sehen, dass unsere langjährige Forschung Früchte trägt und den Krebspatienten zu Gute kommt».

Ansprechpartner für Fragen:

Prof. Pierre-Alain Clavien, Direktor Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie, UniversitätsSpital Zürich, Tel.: 044 255 86 20; E-Mail: medien@usz.ch

Prof. Jean-Marie Lehn, Laboratoire de Chimie Supramoléculaire, Université de Strasbourg
Tel. +33 (0)3-68-85-51-45 (44); E-Mail: lehn@unistra.fr

Janine Kuhn | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.usz.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flüssiger Wasserstoff im freien Fall

05.12.2016 | Maschinenbau

Forscher sehen Biomolekülen bei der Arbeit zu

05.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungsnachrichten